Der ARCH+ Salon "The Dark Side of a Monument" (Bild: David von Becker)
Der ARCH+ Salon "The Dark Side of a Monument" (Bild: David von Becker)
Thomas Flierl, Philipp Oswalt (Hrsg.): Hannes Meyer und das Bauhaus. Im Streit der Deutungen. 640 Seiten, Leipzig, 2019, ISBN 9783959051507
Thomas Flierl, Philipp Oswalt (Hrsg.): Hannes Meyer und das Bauhaus. Im Streit der Deutungen. 640 Seiten, Leipzig, 2019, ISBN 9783959051507
Der Startschuss fiel am 11. Januar 2019 in der Berliner Architektenkammer. Deren Domizil in Mendelsohns Metallarbeiter-Gewerkschaftshaus, eine der elegantesten Architekturadressen der Stadt, gab den honorigen Rahmen für die Vorstellung eines Buches, das ohne Umschweife beansprucht, die Geschichte des Bauhauses – wenn nicht neu zu schreiben – so doch in maßgeblichen Zügen zurechtzurücken. Hannes Meyer, ab 1928 zweiter Direktor in Dessau, 1930 aus politischen Gründen entlassen und nachmals durch eine von Walter Gropius massiv beeinflusste Geschichtsschreibung weitgehend ignoriert, soll nun endlich so beforscht, gedeutet und, ja, auch gewürdigt werden, wie sein Wirken am Bauhaus wie sein Insistieren auf einen „linken“ Funktionalismus („Volksbedarf statt Luxusbedarf!“) das verdienen.
Eine wirkliche Neuentdeckung sind Werk und Vita des Schweizer Weltbürgers nicht. Sowohl in der DDR mit ihrer späten Rehabilitierung des Bauhauses als auch unter westlinken Achtundsechzigern waren Meyers programmatische Schriften schon im Umlauf. Doch jetzt soll es um den „ganzen Meyer“ gehen: Um den glühenden Genossenschaftler, den industrieaffinen Kritiker gegen Gropius‘ Neigung zu Hand- und Kunstwerk. Um den Freund und Aufbauhelfer der Sowjetunion, der als aktiver Kommunist in die Verhängnisse von Stalins Terrorregime geriet und mit bislang kaum erforschten Direktiven ins mexikanische Exil aufbrach.
Blick ins Buch (> Spector Books)
Blick ins Buch (> Spector Books)
Eine Lektüre von beachtlicher Wucht (und leider augenquälender Typografie), die eine Reihe internationaler Experten hier zusammengetragen hat.1 Aber die Erwartungen sind wohl auch entsprechend, die Plätze im größten Saal des Hauses reichten bei weitem nicht.
Der Autor mit Anh-Linh Ngo beim ARCH+ Salon (Bild: David von Becker)
Der Autor mit Anh-Linh Ngo beim ARCH+ Salon (Bild: David von Becker)
Nur vier Tage später der nächste Termin: Die Redaktion von ARCH+ schätzte sich glücklich, einer treuen Fangemeinde ihre frisch bezogenen Räume zu präsentieren. Die Kollegen der „letzten von Großverlagen unabhängigen, konzeptuellen Architekturzeitschrift in Deutschland“ (Eigenwerbung) gehören zu den – dank Konzeptvergabe vor Wucher geschützten – Mietern des gerade reihum gefeierten Atelier- und Gewerbehauses Frizz23.2 Die Adresse in der südlichen Friedrichstadt könnte aufregender kaum sein, so direkt neben dem spektakulären Neubau der taz.
Struktur des FRIZZ23, einer Baugruppe für kulturelles Gewerbe (Bild: FRIZZ23)
Struktur des FRIZZ23, einer Baugruppe für kulturelles Gewerbe (Bild: FRIZZ23)
Das "Revolutionsdenkmal", entworfen von Ludwig Mies van der Rohe (Bild: Bundesarchiv, Bild 183-H29710 / CC-BY-SA 3.0)
Das "Revolutionsdenkmal", entworfen von Ludwig Mies van der Rohe (Bild: Bundesarchiv, Bild 183-H29710 / CC-BY-SA 3.0)
Veranstaltungsplakat (Bild: Haus der Kulturen der Welt)
Veranstaltungsplakat (Bild: Haus der Kulturen der Welt)
Zum einstweiligen Höhepunkt solcher Politisierungsbemühungen hatte ein Aktionskreis am 19. Januar – einem Samstag – ins Haus der Kulturen der Welt (HdKW) geladen. Acht Stunden lang wollten Kulturwissenschaftler, Kuratoren, Historiker, Planungsprofessoren, Journalisten und Politaktivisten wissen: „Wie politisch ist das Bauhaus?“ Wobei die Betonung auf „ist“ lag, also auf „Bauhaus heute“, und ihr Mammutprogramm hatten die Organisatoren als direkte Reaktion auf das Konzertverbot am Dessauer Bauhaus im letzten November4 gedacht. Folglich wurde mit provokanten Ansagen nicht gespart: Bernd Scheerer (HdKW) etwa vermisste im technikgläubigen Leitbild der Bauhaus-Lehre eine „Politik der Solidarität“. Marion von Osten (Bauhaus Imaginista) hob die prägende Rolle des prononciert linken „Arbeitsrates für Kunst“ zumindest für die Weimarer Gründungsphase hervor. Anh-Linh Ngo (ARCH+) gab Einblicke in die vierjährige Denkarbeit des Theoriezirkels „projekt bauhaus“, wo man u.a. argwöhnt, die am Bauhaus erstrebte Expertokratie habe maßgeblich zu einer „Entpolitisierung der Moderne“ beigetragen – zu jenem Manko also, dem sie heute mit „Commoning“, der wiedererweckten Gemeingüter-Idee begegnen wollen. Ähnliche Reibung suchten Philipp Oswalt und Stefan Rettich (beide Uni Kassel) mit dem Hinweis, dass ausgerechnet zur Wohnungsfrage das historische Bauhaus wenig Vorbildhaftes erreicht hätte: Die Dessauer Meisterhäuser nichts als Vorzeigevillen für Besserverdiener, und das berühmte Törten ein typologisch fragwürdiges Siedlungsexperiment unter immenser Bauschadenslast. Nein, Gropius kam nicht gut weg an jenem Samstag in Berlin.
"Floating University" – ein Projekt von raumlabor. (Bild: Victoria Tomaschko, raumlabor, Berlin)
"Floating University" – ein Projekt von raumlabor. (Bild: Victoria Tomaschko, raumlabor, Berlin)
Und jetzt?
Resümee eines erschöpften Beobachters: Wenn auf diesem Level weiter recherchiert und debattiert wird, sollte vom anstehenden Jubiläumsjahr doch der eine oder andere neue Blick auf das Jahrhundert der Moderne zu erhoffen sein.
Das ist es mir wert
- 1Thomas Flierl, Philipp Oswalt (Hrsg.): Hannes Meyer. Im Streit der Deutungen. Leipzig 2019, ISBN: 9783959051507, 38 Euro
- 2Vgl. etwa >>> Bauwelt Nr. 25/2018
- 3ARCH+ Space. Friedrichstraße 23A, 10969 Berlin (U6 Station Kochstraße)
- 4Vgl. Wolfgang Kil: Quo vadis Bauhaus? >>> Marlowes, 22. Oktober 2018