„Stadt für alle“ klingt gut und ist leicht gesagt. Im Alltag stellt das Konzept der Inklusion immer noch vor viele große Herausforderungen, auch Architektinnen und Architekten, Planerinnen und Planer. Diese Herausforderungen können nicht mit Normen bewältigt werden, auch nicht dadurch, dass die Verantwortung für eine inklusive Stadtgesellschaft an Spezialisten delegiert wird. Statt dessen muss ein anderes Verständnis von Inklusion entwickelt werden als das, mit dem derzeit operiert wird.
Eine inklusive Stadt, also eine sichere, gesunde, zugängliche, bezahlbare, widerstandsfähige und nachhaltige Stadt, an der alle Menschen ohne Diskriminierung irgendwelcher Art teilhaben können, ist ein weltweit anerkanntes Ziel der Stadtentwicklung. 2 Dennoch lässt sich für Deutschland feststellen, dass eine zunehmend differenzierte Gesellschaft dazu tendiert, sich in homogenen Gruppen aufzugliedern. 3 Diese Entwicklung wird auch im Stadtraum ablesbar – durch segregierte Stadtteile und einer Zunahme exklusiver Orte. Um so wichtiger ist es, das Konzept der Inklusion genau zu beleuchten. Das würde helfen, ko-produktive Planungspraktiken wertzuschätzen, sie durch Erkenntnisse aus den "Disability Studies" (Studien zu Behinderungen) zu bereichern und zu erkennen, wie wichtig in diesem Zusammenhang Orte der Begegnung sind.
Osteingang Mensa TU München. (Bild: Dorothee Rummel)
Osteingang Mensa TU München. (Bild: Dorothee Rummel)
Die fatale Vorstellung einer Normalexistenz
Ein Forschungsprojekt über Inklusion im Städtebau gab Anlass dazu, zu untersuchen, ob die Stadt inklusiv ist. Ausgehend von der Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention deckten die Forscher*innen auf, dass allzu funktionalistische Planungen den Kern des Konzeptes Inklusion zu verfehlen drohen. 4 Die Theoretikerin Jos Boys liefert zu dieser These einen interessanten und provokativen Erklärungsansatz. Ohne die bisherigen Errungenschaften kleinreden zu wollen argumentiert sie, dass wahrscheinlich ungewollt und paradoxerweise genau diese auf Mobilität und Barrierefreiheit bezogenen Lösungsansätze dazu führen, dass Inklusion nicht zu einem Grundwert in der Architektur und im Städtebau geworden ist. 5 Denn die Vorgehensweise, sich auf barrierefreie Mobilität und bauliche Barrierefreiheit zu konzentrieren, basiert nach Boys auf der funktionalistischen Idee eines „Nutzers“, einer passiven „Phantomfigur einer Industriegesellschaftlichen Normalexistenz,“ 6 an deren Maßen und vermeintlichen Bedürfnissen sich die Planung ausrichtet. Behinderung ist eine Abweichung davon, die mittels technischer Lösungen korrigiert oder ausgeglichen werden muss. Durch dieses Vorgehen entwickelt sich die Arbeit an Inklusion nicht nur auf der Basis einer bereits in späteren CIAM-Kongressen kritisierten Vorstellung einer funktionalistischen Planung und damit abgekoppelt vom städtebaulichen Diskurs. Es ist noch viel schlimmer: Der Grundgedanke des Konzeptes Inklusion geht verloren.
Werkstattgespräche Inklusionsmaschine STADT. (Bild: Micheal McKee)
Werkstattgespräche Inklusionsmaschine STADT. (Bild: Micheal McKee)
In anderen Beiträgen dieser Reihe ist diskutiert worden, wie wichtig partizipative Prozesse sind, um Stadtentwicklung als Koproduktion vieler unterschiedlicher Akteure zu betreiben. 10 Da das Thema Inklusion – im oben dargestellten erweiterten Sinne der Behindertenrechtskonvention – viele mit ihrer persönlichen Unsicherheit im Umgang mit Menschen, die ganz anders sind als sie selbst, konfrontiert (Forscher*innen eingeschlossen), ist eine zentrale Frage, wie man persönlich lernen kann, mit Diversität umzugehen. Aus der Antwort lässt sich die städtebauliche Forderung nach Orten der Begegnung ableiten.
Auf einmal eine Brache mitten in der Stadt: Die Theresienwiese in München. Diese Brache wurde als Ort neuer Begegnungen entdeckt. (Bild: Andrea Benze)
Auf einmal eine Brache mitten in der Stadt: Die Theresienwiese in München. Diese Brache wurde als Ort neuer Begegnungen entdeckt. (Bild: Andrea Benze)
Begegnungen sind keine Zufälle
Ein zusätzliches Mittel ist, Institutionen der Begegnung zu schaffen und zu fördern. Begegnung stellt sich nicht einfach automatisch ein, es müssen Anstrengungen unternommen, Kompromisse eingegangen und Positionen immer wieder verhandelt werden. Gleichzeitig vollzieht sich Begegnung nicht ohne Anlass, sondern im gemeinsamen Handeln. Institutionen der Begegnung fördern eine Auseinandersetzung mit gemeinsamen Anliegen: Welche Aktivitäten können an welcher Stelle verbindend wirken? Hierbei werden Institutionen nicht als starre Materialisierung von Autoritäten verstanden, sondern als Prozess und Form, mit deren Hilfe Gesellschaften versuchen, ihre Zukunft zu gestalten und zu organisieren. 12 Das schließt sowohl die Transformation bestehender öffentlicher Institutionen ein, um einer veränderten Gesellschaft gerecht zu werden, als auch die Gründung und Etablierung neuer. Diese entstehen nicht nur „von unten“, sondern in einem Zusammenspiel aus staatlichem und städtischem Handeln sowie bürgerschaftlichem Engagement. Insgesamt spannt sich ein weites Handlungsfeld auf, in dem Kultur eine wesentliche Rolle spielen kann.
Katalysatoren für den inklusiven Alltag
Kunst im Quadrat, München (Bild: Andrea Benze)
Kunst im Quadrat, München (Bild: Andrea Benze)
Mit Alles! Susanne Plassmann und Maximilian Dorner. (Bild: Christine Schneider)
Mit Alles! Susanne Plassmann und Maximilian Dorner. (Bild: Christine Schneider)
Als Nebeneffekt der Corona-Krise gibt es jetzt mitten in München zumindest vorübergehend eine ungenutzte Brache: die Theresienwiese. Maßvoll und wie selbstverständlich entstand hier im letzten Sommer das Festival „Kunst im Quadrat. Kulturelle Teilhabe auf der Theresienwiese“ mit einem Werkstatt- sowie einem offenen Kulturprogramm in einer Koproduktion mehrerer öffentlicher Institutionen und freier Initiativen, gefördert von der Landeshauptstadt München. Ein Angebot für alle, jung oder alt, mit oder ohne Migrationshintergrund, mit und ohne Behinderung, alles mit strikt eingehaltenem Hygienekonzept. Jeder war willkommen, konnte sich ohne Konsum- oder Teilnahmezwang aufhalten, umsonst und draußen. Handlungsanlässe boten Werkstätten wie Fahrradwerkstatt, Druckwerkstatt sowie die Veranstaltungen. Es könnte der Beginn einer dauerhaften Institution der Begegnung sein.
Mit Alles! Lucy Wilke. (Bild: Christine Schneider)
Mit Alles! Lucy Wilke. (Bild: Christine Schneider)
So wichtig derartige Institutionen sind, sie können ihr Potenzial nur dann ausspielen, wenn sie nicht als Erfüllung des Anspruchs an eine inklusive Stadt gesehen werden, sondern als Brücken in den Alltag, in dem sich Inklusion als selbstverständliche Praxis vollzieht – auch im Alltag der Architektinnen und Architekten, Planerinnen und Planer. Es gilt nicht nur, weitere Aktionen zu initiieren, zu fördern und zu institutionalisieren, sondern aus ihnen Schlüsse und Konsequenzen für den Alltag zu ziehen.
Das ist es mir wert
- 1Rudolf, Beate: Inklusion ist Bestandteil jedes Menschenrechts. 2012. >>>
- 2New Urban Agenda, United Nations, Quito, 2017
- 3Allmendinger, Jutta: Das Land, in dem wir leben wollen. Pantheon, München, 2017
- 4Die Ergebnisse des Forschungsprojektes: Zusammenhalt – Differenz. Bausteine für eine Inklusive Stadt als Teilergebnis des Forschungs- und Praxisverbundes „Inklusion an Hochschulen und Barrierefreies Bayern“ sind abrufbar >>> Abschließender Teil des Forschungsprojektes waren die Werkstattgespräche „Inklusionsmaschine Stadt“, die gemeinsam mit Dr. Dorothee Rummel konzipiert und durchgeführt wurden. Siehe: Benze, Andrea und Rummel, Dorothee (Hg.): Inklusionsmaschine Stadt. Inklusion im Städtebau interdisziplinär diskutiert. Jovis, Berlin, 2020
- 5Siehe Boys, Jos: Doing Disability Diffenretly. Routledge London, New York 2014, S.23 ff
- 6Eisinger, Angelus: Die Stadt der Architekten. Anatomie einer Selbstdemontage. Birkhäuser, Basel, Boston, Berlin, 2005, S. 108
- 7Siehe Bude, Heinz: Begegnung und Berührung. In Heinrich-Böll-Stiftung (Hg.): Öffentlicher Raum! Frankfurt, New York, 2020. S.99-105 und Ders.: Was für eine Gesellschaft wäre eine „Inklusive Gesellschaft“? In Heinrich-Böll-Stiftung (Hg.): Inklusion, Frankfurt, New York, 2015. S.37-43
- 8Siehe Boys, Jos: Doing Disability Differnetly. Routledge London, New York 2014, S.25
- 9Rudolf, Beate: Inklusion ist Bestandteil jedes Menschenrechts. 2012. >>>
- 10Siehe die Beiträge von Nina Gribat – Stadt für wen? – und Melanie Humann – Städtebau trifft digitale Grassroots
- 11Siehe Bude, Heinz: Begegnung und Berührung. In Heinrich-Böll-Stiftung (Hg.): Öffentlicher Raum! Frankfurt, New York, 2020. S.99-105 und Ders.: Was für eine Gesellschaft wäre eine „Inklusive Gesellschaft“? In Heinrich-Böll-Stiftung (Hg.): Inklusion, Frankfurt, New York, 2015. S.37-43 und auch Benze, Andrea; Rummel, Dorothee (Hg.): Inklusionsmaschine Stadt. Inklusion im Städtebau interdisziplinär diskutiert. Jovis, Berlin, 2020
- 12Siehe Stavrides, Stavros: Comon Space: Die Stadt als Gemeingut. In: Ders., Mathias Heyden (Hg.) Gemeingut Stadt, berliner hefte zu geschichte und gegenwart der stadt 4, Berlin 2017, S.14-58
- 13Björn Bicker, Malte Jelden: Gespräch mit Andrea Benze an der Hochschule München am 17.10.2019 10.00 – 11.30 Uhr.
- 14MK Pressemitteilung vom 28.1.2021 >>>
- 15Die inklusive Open Stage wird von „Impulsion. Netzwerk inklusiver Kunst und Kultur e.V.“ organisiert und von der Landeshauptstadt München und Aktion Mensch unterstützt.