Klimawandel, Energiewende, Demografie oder Populismus – die Herausforderungen von Städten sind immens. Nachhaltigkeit als Leitbild und Antwort scheint sich immer mehr durchzusetzen. Selbst bei der Auswahl von Chemnitz als Europäische Kulturhauptstadt 2025 wurde großen Wert auf eine nachhaltige Entwicklung gelegt. Doch was genau bedeutet das eigentlich?
Karl-Marx-Kopf. Aufmarschstraßen. Plattenbauten. Die rechtsextremistischen Krawalle 2018. Chemnitz hat nicht den besten Ruf. 1 Die Bewertung der sächsischen Großstadt durch Externe ist häufig klischeebetont. Wie bei vielen Städten – nicht nur in Ostdeutschland – lässt sich am Beispiel Chemnitz erklären, wie Zuschreibungen von außen zu einem negativen Standortfaktor werden. Die Folge: Junge, kreative Menschen ziehen da nicht hin – trotz guter Bildungsmöglichkeiten. Oder viel schlimmer: Sie verlassen ihre Heimatstadt. Die meisten wohl für immer.Rechtzeitige Trendwende
Plakat aus der Kampagne zur Kulturstadtbewerbung. (Bild: Chemnitz2025.de)
Plakat aus der Kampagne zur Kulturstadtbewerbung. (Bild: Chemnitz2025.de)
Die Ernennung Chemnitz‘ zur „Europäischen Kulturhauptstadt 2025“ Mitte Januar 2021 kommt daher einem Heilsversprechen gleich. Die Stadt hatte sich unter dem Motto „C the Unseen“ in einem mehrjährigen Verfahren gegen Nürnberg, Hildesheim, Hannover und Nürnberg durchgesetzt. In ihrem Abschlussbericht 2 hob die Jury hervor, dass die Stadt in ihrer Bewerbung einen glaubwürdigen Ansatz präsentiere, um die Herausforderungen vieler Städte exemplarisch anzugehen, der „schweigenden Mitte“ eine Stimme zu geben und das damit verbundene Festivaljahr als Aufbruch zu einer nachhaltigen Kultur- und Stadtentwicklung zu nutzen.
In ihrer Bewerbung 3 betonte die Kommune unter anderem eine „Kultur des Machens“, um der Transformation zu begegnen, die Chemnitz mit vielen anderen ehemaligen Industriestädten in Europa teilt. Dieser DIY-Spirit war in der Stadt in den vergangenen Jahren deutlich zu spüren: Auf dem ehemaligen Prachtboulevard Brühl wurde vor Corona urbanes Lebensgefühl immer deutlicher. Projekte für kollektives Wohnen und Kultur vor Ort verstetigen sich. Rund um die Band Kraftklub 4 ist in den vergangenen Jahren ein Netzwerk entstanden, dem es gelang, den Krawallen 2018 ein Festival mit Musikern wie Casper, Marteria oder Die Toten Hosen gegenüber zu stellen.
Seminarumfrage: Was wird mit dem Thema Kulturhauptstadt verbunden? (Bild: Constantin Alexander)
Seminarumfrage: Was wird mit dem Thema Kulturhauptstadt verbunden? (Bild: Constantin Alexander)
Von der Forstwirtschaft zum zukunftsorientierten Leitbild
Nachhaltige Holzwirtschaft hatte sich nur daran zu messen, ob soviel Holz geschlagen wird, wie nachwächst. Waldbahn für die Holzwirtschaft beim Kloster Putna (Xylographie von Hugo Charlemont, 1899; Wikimedia Commons)
Nachhaltige Holzwirtschaft hatte sich nur daran zu messen, ob soviel Holz geschlagen wird, wie nachwächst. Waldbahn für die Holzwirtschaft beim Kloster Putna (Xylographie von Hugo Charlemont, 1899; Wikimedia Commons)
Wald ist ein komplexes System: Bis ein Baum seine volle Funktionsfähigkeit erreicht hat, vergehen Jahrzehnte. Gleichzeitig ist er neben Moosen, Pilzen oder Tieren nur ein ökologisches Subjekt mit Ansprüchen oder Stakeholder, wie es neudeutsch heißt. In diesem Mosaik sind es unzählige Faktoren, die über die Entwicklung entscheiden. Eine passende Allegorie für menschliche Siedlungen.
Nachhaltigkeit betrifft jedoch nicht nur die Ökologie. Allgemein gehören auch noch Gesellschaft und Ökonomie dazu. In diesen drei Messdimensionen lässt sich die Nachhaltigkeit eines Prozesses, eines Systems, aber auch die Wirkung von konkreten Objekten, Produkten und Dienstleistungen messen. Sie helfen, sinnvolle Indikatoren zu bestimmen, um so ein zukunftsorientiertes Leitbild zu ermöglichen.
Die drei Dimensionen der Nachhaltigkeit
Was passiert, wenn die dafür wichtigen Kreisläufe gestört oder kaputt sind, kennen wir aus Geschichtsbüchern. Wir spüren es aber auch immer deutlicher: Extremwetterphänomene wie Hochwasser, Dürre oder Stürme sind Symptome des Megatrends Klimawandels. Biokrisen wie Bienensterben, Missernten oder Seuchen sind dagegen genauso Disruptionen, wie Erdbeben, Vulkanausbrüche oder Meteoriteneinschläge.
Um die Risiken zu minimieren, hat der Mensch über Jahrtausende Anpassungsstrategien entwickelt – das Ziel: Resilienz, also Widerstandsfähigkeit. Deiche, Kanalisationen, Wasserreservoirs, solide Gebäude oder Abfallentsorgungssysteme sind nur ein paar Beispiele, ohne die das Leben in Städten nahezu unmöglich wäre.
Das Ziel sozialer Nachhaltigkeit ist der Frieden. Was mitunter kitschig klingt, ist die Grundlage für Entwicklung, Entfaltung und fairen Austausch zwischen Menschen als Individuen, aber auch als Gruppen. Wissenschaft und Bildung, soziale und medizinische Versorgung, Kultur und Kreativität sind wichtige Handlungsfelder der sozialen Nachhaltigkeit. Anhand von Kriminalität, Armut oder gewalttätigen Auseinandersetzungen lässt sich recht deutlich nachweisen, dass sie nicht erreicht wurde.
Die Messung sozialer Nachhaltigkeit durch Indikatoren ist nur teilweise möglich. Der leicht schwammige Begriff des Gemeinwohls bietet aber entlang bestimmter Indizes eine Orientierung, zum Beispiel durch die Nachhaltigkeitsentwicklungsziele der UN oder anhand der Aspekte Teilhabe und Eigenart, wie sie der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) 5 beschrieben hat.
Die ökonomische Nachhaltigkeit lässt sich als vor allem ressourcenorientiert beschreiben: Ob Geld, Holz, Beton oder vor allem Zeit – damit der Mensch Dinge planen, bauen und entwickeln kann, braucht er Rohstoffe, Werkzeuge, Know-how und Arbeitsstunden. Die Ergebnisse wurden lange Zeit nur nach Rendite und (Ausfall-)Risiko bewertet, nicht aber nach den Folgen, dem möglichen Schaden und der Wirkung.
Als Beispiel dienen Gebäude oder Infrastrukturen, die für wenige Stakeholder immense finanzielle Gewinne bringen, durch Emissionen, Kapitalabfluss oder einer fragilen Bausubstanz hingegen der Gemeinschaft schaden: Immobilienspekulation, die Ansiedlung schmutziger Industrien oder die Dominanz fossiler Mobilität sind nur drei Symptome nicht-nachhaltiger Ökonomie.
Nachhaltige Entwicklung bedeutet meist Reparatur
Zentrum von Chemnitz, 2011. (Bild: Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0, Kora27)
Zentrum von Chemnitz, 2011. (Bild: Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0, Kora27)
Seminarumfrage: Assoziationen zu Chemnitz. (Bild: Constantin Alexander)
Seminarumfrage: Assoziationen zu Chemnitz. (Bild: Constantin Alexander)
Der Titel "Europäische Kulturhauptstadt" könnte für Chemnitz ein Salutogenese-Ansatz sein oder eine, wie es im zweiten Bid Book beschrieben wird, Stärkung der „kollektiven Selbstwirksamkeit, die zum Erhalt unserer Gesellschaft essenziell ist.“ Grundlage ist die langfristige Kulturstrategie der Stadt, die bis 2030 „Kultur Raum geben“ will und die als sogenannte Kulturentwicklungsstrategie eine wesentliche Säule im Bewerbungsprozess aller Städte war. Darin enthalten sind wenig greifbare oder messbare Ankündigungen, Netzwerke zwischen der Stadt und ihres Umlandes, aber auch auf europäischer Ebene zu stärken sowie die Förderstruktur zu verändern, um Kulturschaffende und Kreative vor Ort leichter mit Ressourcen zu versorgen.
Seminarumfrage Kulturhauptstadt. (Bild: Constantin Alexander)
Seminarumfrage Kulturhauptstadt. (Bild: Constantin Alexander)
Teil der Chemnitzer Erfolgsgeschichte: Das Staatliche Museum für Archäologie Chemnitz SMAC im ehemaligen Kaufhaus Schocken. (Bild: Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0, Sandro Schmalfuß)
Teil der Chemnitzer Erfolgsgeschichte: Das Staatliche Museum für Archäologie Chemnitz SMAC im ehemaligen Kaufhaus Schocken. (Bild: Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0, Sandro Schmalfuß)
Reicht das?
Bild: Hans Wurst, pixabay
Bild: Hans Wurst, pixabay
Skepsis bleibt: Seminarumfrage zur Wirkung des Kulturhauptstadttitels. (Bild: Constantin Alexander)
Skepsis bleibt: Seminarumfrage zur Wirkung des Kulturhauptstadttitels. (Bild: Constantin Alexander)
Das ist es mir wert
- 1Siehe auch: Südkurier vom 28. August 2018 >>> .
- 2Siehe Bericht der Europäischen Kommission >>>
- 3Das zweite Bid Book von Chemnitz >>>
- 4Bei einer nicht-repräsentativen Umfrage in Seminaren an der Leuphana Universität konnte eine große Anzahl der Studierenden MusikerInnen aus Chemnitz zu benennen. Für die anderen Städte in der Endauswahl war dies nicht der Fall.
- 5Siehe auch die WBGU Publikation „Forschung für die Transformation der Städte zur Nachhaltigkeit“ von 2016.
- 6Vom Englischen: Volatility, Uncertainty, Complexity, Ambiguity.
- 7Spiegel vom 27. 9. 2004 >>>
- 8Spiegel vom 1. August 2012 >>>
- 9Deutschlandfunk vom 9. Februar 2018 >>>