Als Abschluss einer Reihe von Monografien über den Städtebau in europäischen Diktaturen des 20. Jahrhunderts erschien im letzten Jahr „Städtebau im Nationalsozialismus“. Darin wird die komplexe Verflechtung des Städtebaus sowohl in die politischen Ziele und Entwicklungen als auch in deren Dynamik exzellent aufbereitet. Das gelingt, weil der Begriff des Städtebaus sehr weit gefasst wird – und weil die deutsche Geschichte in den europäischen Kontext eingebunden wird. In diesem Kontext sollte sie auch zukünftig reflektiert werden.
Harald Bodenschatz, Victoria Grau, Christiane Post, Max Welch Guerra (Hg.): Städtebau im Nationalsozialismus. Angriff, Triumph, Terror im europäischen Kontext, 1933–1945. 24 x 30 cm, 624 Seiten, 700 Abbildungen, 128 Euro Dom Publishers, Berlin, 2025
Harald Bodenschatz, Victoria Grau, Christiane Post, Max Welch Guerra (Hg.): Städtebau im Nationalsozialismus. Angriff, Triumph, Terror im europäischen Kontext, 1933–1945. 24 x 30 cm, 624 Seiten, 700 Abbildungen, 128 Euro Dom Publishers, Berlin, 2025
Städtebau als weites Feld
Und schließlich wird – und das ist das Erbe der jahrzehntelangen Forschung – der nationalsozialistische Städtebau im Kontext der europäischen Entwicklungen gesehen. So wird gezeigt, wie der Bau der Via dell’Impero in Rom und der monumentale Stadtumbau Moskaus Ansporne für Albert Speer waren, diese Vorbilder mit den größenwahnsinnigen Berlin-Planungen zu übertreffen. In der Weltausstellung in Paris wurde die Konkurrenz zur kommunistischen Sowjetunion auf die bild- und propagandawirksame Spitze getrieben; im italienischen Kolonialismus in Äthiopien einschließlich umfangreicher Infrastrukturprojekte lagen Vorbilder eines umfassenden Konzepts der Aneignung von und des Anspruchs auf fremdes Territorium vor, auf die man sich bei der „Ostkolonisation“ beziehen konnte.
Interessant ist dabei, dass die gegenüber der Darstellung dieses Bandes oft reduzierte Sicht auf Architektur und Städtebau des Nationalsozialismus ein Produkt der Zeit selbst ist. Mit einer Ausstellung und einer kleinen Publikation konstruierten Albert Speer und dessen rechte Hand Rudolf Wolters in einer „radikalen Verkürzung des Städtebaus auf das, was sie als Städtebau und Baukunst verstanden wissen wollten", und zwar „auf eine Weise, wie dies viele jenseits der kritischen Fachöffentlichkeit heute noch sehen oder sehen möchten“, so die Autor:innen.
Politik, Produktion, Propaganda
Blick ins Buch, abgebildet auf der rechten Seite der Plan der "Reichsarbeitsbaracke TYP RL IV/3"
Blick ins Buch, abgebildet auf der rechten Seite der Plan der "Reichsarbeitsbaracke TYP RL IV/3"
Besonders deutlich wird dies in einem Gebäudetyp, der hier eine wichtige Rolle spielt: die Baracken. Sie und die aus ihnen gebildeten Lager entstehen als Instrumente der Repression und der Vernichtung, sind genauso aber auch Voraussetzung für wirtschaftliche Produktion, den Abbau von Rohstoffen, den Betrieb der Rüstungsindustrie und den Bau von Infrastrukturprojekten. Allein in Berlin wurden ab 1942 eine halbe Million Zwangsarbeiter:innen eingesetzt; sie wurden zu großen Teilen in Baracken untergebracht. „Zu jener Zeit war Berlin mit Holzbaracken nur so überzogen. In jeder noch so kleinen Lücke der Riesenstadt hatten sich Fluchten brauner, teerpappengedeckter Fichtenholzquader eingenistet“, wird der französische Schriftsteller und ehemalige Zwangsarbeiter François Cavanna zitiert.
Europäisierung der Erinnerungskultur
Blick ins Buch – im Bild der "Generalbebauungsplan für die Reichshauptstadt nach der Planung des Generalbauinspektors Albert Speer", Stand 1942
Blick ins Buch – im Bild der "Generalbebauungsplan für die Reichshauptstadt nach der Planung des Generalbauinspektors Albert Speer", Stand 1942
Mit dem endet das Buch freilich nicht; es schließt sich noch ein Ausblick unter der Überschrift „Erinnern: aber was und wie?“ an. In dem plädieren die Autor:innen für eine europäische Erinnerungskultur, das Erinnern zu europäisieren – wofür mit diesem Werk, dem Schwerpunkt auf die internationalen Verflechtungen sowie den oben genannten Werken zum Städtebau unter Diktaturen in anderen Ländern ein Grundstein gelegt, ein Angebot gemacht wurde – um, wie es heißt, „nationale Engstirnigkeiten zu überwinden, um die jeweils eigene Erinnerungskultur zu bereichern und um einer Renaissance nationalistischer Erinnerung vorzubeugen.“
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