Wieder Lockdown. Die Tage sind kurz, die Abende lang. Drei Buchempfehlungen für kleine Fluchten und gründliche Vertiefungen.
LAN Local Architecture Network, Benoit Jallon, Umberto Napolitano (Hg.): Napoli Super Modern. 24 x 30 cm, 232 Seiten, 48 Euro Park Books, Zürich, 2020
LAN Local Architecture Network, Benoit Jallon, Umberto Napolitano (Hg.): Napoli Super Modern. 24 x 30 cm, 232 Seiten, 48 Euro Park Books, Zürich, 2020
Ein paar kleine Schwächen hat das wunderschön gemachte Buch leider auch. Im Bemühen um Ästhetik und Klarheit wurde darauf verzichtet, auf einem Übersichtsplan zu zeigen, wo die Bauten stehen, sie bekamen keine Adresse, und ihre fotografische Darstellung ist etwas ungleichgewichtig: Von der Villa Oro (Luigi Cosenza, Bernhard Rudofsky, 1937) findet sich bedauerlicherweise gleich gar kein Foto. Für den Freund der Moderne, der eine ihrer vielen Spielarten studieren möchte, sollte das aber nicht ausschlaggebend sein.
Gottfried Müller: Vorläufige Höhepunkte der Baukunst. 16 Gechichten. 24,0 x 17,0 cm, 144 Seiten, 70 farbige Abbildungen, 24, 95 Euro Birkhäuser Verlag, Basel, 2020
Gottfried Müller: Vorläufige Höhepunkte der Baukunst. 16 Gechichten. 24,0 x 17,0 cm, 144 Seiten, 70 farbige Abbildungen, 24, 95 Euro Birkhäuser Verlag, Basel, 2020
Aber nicht, dass früher alles besser gewesen sei: Geschmäcklertum und Pfusch am Bau macht auch das Leben in alten Häusern schwer. „Meine Frau ist Interior-Designerin, die ist schier durchgedreht, als sie begriffen hat, dass man hier drinnen nichts designen kann“, so Dr. H.c. Hubertus von Gezla-Rindesloh im Interview über die Villa Föhnblick. Ergänzt werden die "missratenen Häuser" um die „sieben Fassaden des Bankhauses Soleder“ und um drei Entwürfe der Heroen Wright, Mies und LeCorbusier, die entweder – angeblich – wieder abgerissen oder dann doch nicht gebaut wurden. Wrights Landhaus für das Ehepaar Carson etwa hatte angeblich ein Dach, das etwa die zehnfache Fläche des eigentlichen Hauses überdeckt, LeCorbusiers Villa für einen italienischen Funktionär hatte einen verlängerten Balkon, der bis zur Mittelmeerküste reichte.
Jede Geschichte wird dabei von den großartigen Zeichnungen Müllers illustriert. Baugeschichtsforschung und Geltungssucht der Gestalter werden ebenso aufs Korn genommen wie die Eitelkeit der Bauherrschaft und die Niederungen der alltäglichen Politik. Man könnte von Tragödien sprechen, denn es kommt zum Drama, weil die Menschen eben so sind, wie sie sind: Humor für alle Tage, auch für die schwereren.
Harald Bodenschatz, Max Welch Guerra (Hg.): Städtebau unter Salazar. Diktatorische Modernisierung des portugiesischen Imperiums 1926–1960. 24 × 30 cm, 496 Seiten, 98 Euro Dom Publishers, Berlin, 2019
Harald Bodenschatz, Max Welch Guerra (Hg.): Städtebau unter Salazar. Diktatorische Modernisierung des portugiesischen Imperiums 1926–1960. 24 × 30 cm, 496 Seiten, 98 Euro Dom Publishers, Berlin, 2019
Um sich im Portugal von heute orientieren zu können, ist dies aber fast unabdingbar. Denn wenn auch dieser Teil europäischer Stadtbaugeschichte bislang wenig beachtet wurde, sei er in Portugal selbst ein großes und wichtiges Thema – einerseits. Andererseits sei der Städtebau der Diktatur „völlig umstandslos (...) in den postdiktatorischen Alltag integriert, so heißt es im Schlusswort, sei „das Erbe ganz und gar präsent und zugleich als solches unsichtbar“, ein „selbstverständlicher und akzeptierter Teil der Welt von heute.“ Dass dies so ist, kann nicht nur damit erklärt werden, dass sich gezwungenermaßen die Diktatur in den späten 1940er und den 1950er Jahren stark nach Westen orientierte und sich dies auch in den Planungen niederschlug, die nun den gängigen Leitbildern modernen Städtebaus folgte. Es ist auch damit zu erklären, dass sich der Städtebau Portugals von denen anderer europäischer Diktaturen unterscheidet, insofern er zwar auch stark staatlich kontrolliert und gesteuert wurde, aber hauptsächlich technokratisch verstanden wurde: Salazar habe sich nie wie Hitler oder Mussolini für Städtebau interessiert, für ihn sei der Ausbau der Infrastruktur entscheidend gewesen. Auch die Hinwendung zur Geschichte war eine andere: So könne die erhaltende Erneuerung der Altstadt von Évora der 1940er und 50er Jahre als eines der bedeutendsten Beispiele dieser Art vor Beginn der großen Zeit der behutsamen Stadterneuerung gelten, auch wurde nirgendwo sonst in Europa ein vergleichbares Burgenbauprogramm entwickelt – die Rekonstruktion des Lissabonner Kastells St. Georg von 1940 ist das prominenteste Beispiel dafür.
Dass die Diktatur zwar bis 1974 währte, das Buch aber nur den Zeitraum bis 1960 behandelt, liegt daran, dass wirtschaftliche Schwierigkeiten, die Befreiungskriege in Afrika und internationale Isolation einen Niedergang einleitete, der auch auf den Städtebau durchschlug. Das opulente Werk ist im Übrigen Teil eines Forschungszusammenhangs, der neben Portugal auch Spanien umfasste: die Publikation "Städtebau als Kreuzzug Francos" ist bereits für den kommenden Monat angekündigt.