Manchmal musste man sich auch früher schon damit begnügen, mit dem Finger auf der Landkarte unterwegs zu sein. Dies konnte aber der Fantasie Flügel verleihen. Und deswegen sollte man es auch weiterhin trainieren – nicht nur jetzt, da das unbeschwerte Reisen eingeschränkt ist. Imaginäre Reisen können zudem in die Vergangenheit und in eine andere Zukuft führen. Bücher können dabei wertvolle Hilfestellung leisten.
Michel Carlana, Luca Mezzalira, Curzio Pentimalli: Quirino De Giorgo. An Architec's Legacy. Mit Fotografien von Enrico Rizzato. 17 x 24 cm, 400 Seiten, 38 Euro Park Books, Zürich, 2019
Michel Carlana, Luca Mezzalira, Curzio Pentimalli: Quirino De Giorgo. An Architec's Legacy. Mit Fotografien von Enrico Rizzato. 17 x 24 cm, 400 Seiten, 38 Euro Park Books, Zürich, 2019
Quirino De Giorgio ist keine der bekannten Größen der Architektur des 20. Jahrhunderts. Gerade deswegen ist es spannend, in De Giorgios eigensinnigen Material- und Formkombinationen diesem Jahrhundert und seinen Seitenwegen nachzuspüren. Angefangen bei den Bauten des italienischen Faschismus mit den Verwaltungs- und Versammlungshäusern, bei denen De Giorgio einen eigentümlichen Kampf um die Balance zwischen Eleganz und Monumentalität, zwischen Modernität und Traditionalismus führt, weiter in den Nachkriegsbauten mit der suchenden Freude an Form- und Materialexperimenten, bis zu gewagt wirkenden Konstruktionen und neuen Gebäudetypen. Es ist ein beachtliches Oeuvre mit Wohn- und Geschäftshäusern, Kinos, Schulen, Möbelfabriken, einer Tankstelle und einem Friedhof. Denkmalgeschützt sind leider gerade mal zwei dieser Gebäude.
Will man aber etwas mehr über den unbekannten Architekten erfahren, hat man es mit diesem Buch schwer. Es gibt keinen Lebenslauf; ein wolkiger Text umspült die wunderschönen Bilder eher zufällig, beantwortet kaum je eine Frage, die man einmal konkret zu einem Gebäude hätte – etwa, wann es umgebaut wurde, welche Materialien verwendet wurden, wie es zu den oftmals sehr eigenartigen Lösungen kam. Man erfährt irgendwo, dass De Giorgio Schüler Marinettis war, dass er keine Mitarbeiter hatte, dass er von 1907 bis 1997 gelebt hat und zuletzt dort gearbeitet hat, wo er starb: in Abano Terme. Viel mehr aber auch nicht. Und so ist einem der Architekt am Ende fast so fremd wie vor der Lektüre. Und so bleiben es letztlich auch die Häuser, fremd auratisch, gerade weil sie gezeigt werden, als hätten die Autoren sie zufällig entdeckt und wüssten deswegen nur wenig über sie: bizarre, stille, charaktervolle Schönheiten gewiss – aber fremde Schönheiten. Immerhin, sie selbst zu entdecken ist möglich: Die Ortsangaben der einzelnen Bauten ist in Längen- und Breitengrad in Hundertstelsekundengenauigkeit angegeben.
Daniel Stockhammer (Hg.): Upcycling. Wieder- und Weiterverwendung als Gestaltungsprinzip in der Architektur. 16 x 21 cm, 220 Seiten, 39 Euro Verlag Triest, Zürich, 2020
Daniel Stockhammer (Hg.): Upcycling. Wieder- und Weiterverwendung als Gestaltungsprinzip in der Architektur. 16 x 21 cm, 220 Seiten, 39 Euro Verlag Triest, Zürich, 2020
Es wird die aktuelle Wirklichkeit des Bauens, die fehlende Schwerpunktsetzung auf den Bestand in der Lehre beklagt, es wird die Dominanz des wirkmächtigen Mythos des Neuen kritisiert. Die Umstellung auf eine anderes Bauen wird weniger als ein grundsätzlich anderes Entwerfen verstanden. Entwerfen mit dem Bestand hat, so wird klargestellt, auch nichts damit zu tun, ob man eine rückwärtsgewandte Sicht auf Architektur hat. „Macht man sich einmal bewusst, dass jeder Entwurfsprozess eine Entscheidungsreihe darstellt, in der spätere Entscheidungen von früheren determiniert sind, so macht es keinen wesentlichen Unterschied, ob frühere Entscheidungen eigene oder fremde waren“, so zitiert Daniel Stockhammer, der Herausgeber und Kurator des Projekts, Hermann Czech. Eher ist ein anderes Verständnis von Architektur gefragt: eines, das sie als einen Prozess versteht, der nie an ein Ende kommt: „ Die Architektur als einmaliges Ereignis ist eine Konstruktion“; so Stockhammer. Das Buch macht große Lust, sich auf diesen Prozess, sich auf die Suche nach dem Potenzial dessen, was es gibt, einzulassen und darin Neues zu entdecken.
Kunst Meran, Südtiroler Künstlerbund und Architekturstiftung Südtirol (Hg.): Neue Architektur in Südtirol 2012 – 2018. 23 x 29 cm, 352 Seiten, 65 Euro Park Books, Zürich, 2018
Kunst Meran, Südtiroler Künstlerbund und Architekturstiftung Südtirol (Hg.): Neue Architektur in Südtirol 2012 – 2018. 23 x 29 cm, 352 Seiten, 65 Euro Park Books, Zürich, 2018
38 Bauten werden ausführlich auf mehreren Seiten, 24 weitere der engeren Wahl jeweils auf einer Seite vorgestellt. Manches mag ein wenig modisch daherkommen, aber einige der Bauwerke vermitteln schon im Katalog die von Mulazzani gelobte Mischung aus Ortbezug und Weltoffenheit – wie die Friedhofserweiterung in St. Sigmund (EM2 Architekten), der Showroom des Küchendesigners Jochen Haidacher in Percha (Lukas Mayr), das sanierte und aufgestockte Wohngebäude mit einer neuen Klimahülle aus Plexiglas in Pfalzen (Stifter + Bachmann Architekten) oder die Erweiterung der Landesfachschule Hannah Arendt in Bozen (Claudio Lucchin & Architetti Assocati). Vielleicht ist es doch, aller bürokratischen Hürden zum Trotz, zu früh, um das Ende der hohen Baukunst in Südtirol einzuläuten. Das zeigen nicht zuletzt die neueren Bauten, die inzwischen auf den Seiten der an diesem Wettbewerb beteiligten Architekturstiftung Südtirol zu sehen sind. Kleiner Tipp zum Schluss: Wer für eine dann doch avisierte Exkursion nach der adäquaten Unterkunft sucht, wird sicher auf den Seiten von Urlaubsarchitektur fündig.