Neue Bücher zu den großen Themen zur Stadt – mit dabei: Bodenpolitik, das Verhältnis von Kunst zu Stadtentwicklung und das von öffentlich zu privat. Bei letzterem zeigt sich, dass die große Frage manchmal auch sehr gut im kleinen Maßstab beantwortet werden kann.
Angelika Juppien, Richard Zemp: Vokabular des Zwischenraums. Gestaltungsmöglichkeiten von Rückzug und Interaktion in dichten Wohngebieten. Hg: Hochschule Luzern, Institut für Architektur (IAR) und Kompetenzzentrum Typologie & Planung in Architektur (CCTP). 14.8 x 21 cm, 212 Seiten, 38 € Park Books, Zürich, 2019
Angelika Juppien, Richard Zemp: Vokabular des Zwischenraums. Gestaltungsmöglichkeiten von Rückzug und Interaktion in dichten Wohngebieten. Hg: Hochschule Luzern, Institut für Architektur (IAR) und Kompetenzzentrum Typologie & Planung in Architektur (CCTP). 14.8 x 21 cm, 212 Seiten, 38 € Park Books, Zürich, 2019
Im zweiten Teil werden die Fallstudien vorgestellt: städtische Einbindung, Trägerschaft, Wohnungsmix, Grundrisse und Bewertung der Zwischenraumqualitäten, in die auch die Erfahrungen der Bewohner einfließen. Umfeld, Bebauungsstruktur und Freiräume werden ebenso analysiert wie die verschiedenen Wohntypen – Wohnungen im Erdgeschoss, mit Balkon, am Laubengang. Verschiedene Trägermodelle und Eigentumsformen, Zeilen, Blöcke, Mischformen, Bauen im Bestand und Neubau – die Mischung ist sehr gut gewählt, um die Bandbreite der Optionen abzubilden. Es ist keine Best-Of-Sammlung, lediglich eine gewisse Größe, Dichte und die Absicht, Zwischenräume zu gestalten, verbindet die Projekte. So werden auch Mängel benannt; etwa wenn die Einsicht ins Private möglich ist, wenn man sich im Innenhof zu sehr beobachtet fühlt, weil er allseitig einsehbar ist. Man würde gerne die Autoren ihre Studie weitertreiben und sie auf den Bestand der Stadt ausdehnen lassen. Denn was sie neben ihrer Anschaulichkeit auch so anregend macht, ist, dass sie zeigt, wie wenig man sich auf grobe Regeln – Blockrand versus Zeilenbau beispielsweise – verlassen kann. Es kommt eben auch hier drauf an, was man draus macht.
Florian Hertweck (Hg.): Architektur auf gemeinsamem Boden. Positionen und Modelle zur Bodenfrage. 14x20 cm, 400 Seiten, 25,00€ Lars Müller Publishers, Zürich 2020
Florian Hertweck (Hg.): Architektur auf gemeinsamem Boden. Positionen und Modelle zur Bodenfrage. 14x20 cm, 400 Seiten, 25,00€ Lars Müller Publishers, Zürich 2020
Auch wenn in den letzten Jahren eine (Re-)Politisierung des Architekturdiskurses auszumachen ist, auch wenn die Frage nach dem Eigentum und dem Umgang mit Boden maßgeblich darauf Einfluss nimmt, wie darauf für wen gebaut werden kann, „setzen sich nur wenige Architekten mit ihr auseinander“, konstatiert Hertweck in der Einleitung. Das Buch richtet sich entsprechend an Architekten, Stadt- und Regionalplaner, weil sie, so Hertweck, „dazu beitragen können, dem neoliberalen Narrativ entgegen das Narrativ eines neuen Gemeinsinns zu entwickeln.“
Eine Gruppe der Beiträge ist daher alternativen und realen Stadtmodellen gewidmet – München, Amsterdam, Singapur, Basel, es geht hier um Erbbaurechte, sozial gerechte Bodennutzung und die Ambivalenz einer dominanten staatlichen Regulierung. Ein weiterer Teil widmet sich architektonischen Projekten – Utopien, aufgeständerten Bauwerken, gemeinschaftlichen Modellen von LeCorbusier über Archigram bis Frei Otto. Der abschließende Schwerpunkt Luxemburg erklärt sich einfach: Hertweck war mit Andrea Rumpf Kurator des luxemburgischen Beitrags der Architekturbiennale in Venedig 2018.
Die einzelnen Teile dieses schön gemachten Buchs sind sicher nicht frei von Lücken – aber um Lückenlosigkeit ging es auch nicht, sondern darum, Interesse zu wecken, die Dimension der Frage zu umreißen und die aktuelle Selbstverständlichkeit kritisch zu befragen. Und das ist gelungen. Das einzige, was man sich noch gewünscht hätte, wäre ein Stichwort- und vor allem ein Literaturverzeichnis, das zu den einzelnen Themen vertiefende Quellen anbietet.
Isabel Maria Finkenberger, Eva-Maria Baumeister, Christian Koch (Hg.): Komplement und Verstärker. Zum Verhältnis von Stadtplanung, künstlerischen Praktiken und Kulturinstitutionen. 17 x 24 cm 272 Seiten, 35 Euro Jovis Verlag, Berlin, 2019
Isabel Maria Finkenberger, Eva-Maria Baumeister, Christian Koch (Hg.): Komplement und Verstärker. Zum Verhältnis von Stadtplanung, künstlerischen Praktiken und Kulturinstitutionen. 17 x 24 cm 272 Seiten, 35 Euro Jovis Verlag, Berlin, 2019
Der Band dokumentiert die vielen Veranstaltungen, die im Rahmen des Projekts durchgeführt wurden und die Stadtteil und Theater zueinander gebracht haben. Den Hauptteil machen aber die Texte aus, die aus unterschiedlicher Perspektive – Planung, Kulturmanagement, Theater, Kunst – das Verhältnis zwischen performativer Intervention, künstlerischer Position einerseits und Stadtentwicklung andererseits ausleuchten. Dieses Verhältnis ist zum einen nicht neu – wurde es doch bereits oft mit der Beschwörung der Creative Class verbunden, haben sich schon des öfteren Stadtentwicklungstrategien der Unterstützung von Kunst und Künstlern bedient, um die Planung zu umgehen, die von oben letztlich an den Bedürfnissen der Bevölkerung vorbei geht. Zum anderen bleibt dieses Verhältnis prekär, solange die Kunst als Mittel zum Zweck ökonomischen Stadtdenkens (Creative Class) missbraucht oder auf Sozialarbeit reduziert wird.
Den Weg dazwischen auszuloten haben sich auch die Beteiligten dieses Projekts, die Herausgeber*innen und Autor*innen dieses Buchs zur Aufgabe gemacht – und das ist nach wie vor Experiment, weil es nicht an etablierte Organisationsformen geknüpft ist. Aber derer zumindest bedarf, damit künstlerische Praxis im Rahmen von Stadtentwicklungsprozessen nicht lediglich bedarfsweise zugeschaltet werden kann. Dieser Weg zu einer Selbstverständlichkeit, die die Leistung der Kunst jenseits bildungsbürgerlicher Selbstvergewisserung anerkennt, ist noch weit. Auch in Köln: Mit dem sanierten Stammhaus hat sich das Schauspiel Köln, wie es in der Einleitung zu lesen ist, „entschlossen, den begonnenen Prozess des den Stadtteil Infiltrierens zu beenden und zum Repertoire-Spielbetrieb zurückzukehren.“