»Urban Nature« von Rimini Protokoll, Ausstellungsansicht © CCCB, Foto: Alice Brazzit
»Urban Nature« von Rimini Protokoll, Ausstellungsansicht © CCCB, Foto: Alice Brazzit
In Mannheim ist eine Ausstellung zu sehen, die Schieflagen und Spaltung der Stadt auf engstem Raum inszeniert. Mit seinem neuen Projekt übt das Kollektiv Rimini Protokoll scharfe Kritik am neoliberalen Stadt-Alltag.
Der Titel der Ausstellung »Urban Nature«, so viel sei vorweg geschickt, führt leicht in die Irre. Es geht hier nicht um Natur in der Stadt, um Frei- und Grünräume oder um die Frage, wie sich die Stadt auf den Klimawandel einstellen muss; es geht auch nicht um die Fragen des Zusammenlebens von Menschen, Tieren und Pflanzen in der Stadt.
»Urban Nature« von Rimini Protokoll, Ausstellungsansicht (Bild: © CCCB, Foto: Alice Brazzit)
»Urban Nature« von Rimini Protokoll, Ausstellungsansicht (Bild: © CCCB, Foto: Alice Brazzit)
Ausstellungsansicht: Freizeitvergnügen und Gefängnis in direkter Nachbarschaft. (Bild: © CCCB, Foto: Alice Brazzit)
Ausstellungsansicht: Freizeitvergnügen und Gefängnis in direkter Nachbarschaft. (Bild: © CCCB, Foto: Alice Brazzit)
Bei »Urban Nature« begegnet das Publikum ebenfalls solchen Wirklichkeiten, sieben individuellen Biografien, etwa einem Gefängniswärter mit einem Nebenjob als Bestatter, einer Grafikerin, die, von ihrem Berufsalltag desillusioniert, in die illegale Canabis-Produktion eingestiegen ist, um mehr Zeit für ihr Kind zu haben. Ein Wissenschaftler verwirklicht in seinem Leben das Ideal des Teilens, um verantwortungsvoll mit Raum und Ressourcen umgehen zu können, eine Fondsmanagerin mehrt das Geld der ganz Reichen und will auch in der Freizeit immer gewinnen; eine aus Marokko Geflüchtete träumt davon, als Flugbegleiterin arbeiten zu können. Hinter all diesen Geschichten stehen, so Dominic Huber von Rimini Protokoll im Interview, echte Personen, konkrete und reale Geschichten.
Exemplarische Individuen
Mittels Tablets werden Ausstellungsbesuchende angeleitet, die Rolle der Protagonist:innen einzunehmen. © CCCB, Foto: Martí E. Berenguer
Mittels Tablets werden Ausstellungsbesuchende angeleitet, die Rolle der Protagonist:innen einzunehmen. © CCCB, Foto: Martí E. Berenguer
Die Rollen sind gedoppelt: Auf Screens gefilmt, von den Ausstellungsgästen verkörpert. (Bild: © CCCB, Foto: Martí E. Berenguer)
Die Rollen sind gedoppelt: Auf Screens gefilmt, von den Ausstellungsgästen verkörpert. (Bild: © CCCB, Foto: Martí E. Berenguer)
Das Konzept involviert die Besuchenden der Ausstellung damit auf eine recht direkte Weise, konfrontiert sie miteinander, bringt sie in Situationen, die ihnen normalerweise fremd sind, etwa die, als Obdachloser schnell wieder einen Ort verlassen zu müssen, der zum Schlafen hätte geeignet sein können. Das regt zur Auseinandersetzung mit den verschiedenen Menschen einer Stadt an, anstatt deren Alltag nur passiv zu rezipieren. Manchmal kreuzen sich die Wege der Protagonist:innen auch, aber eigentlich sind sie in ihrer Welt eingeschlossen, abgekapselt, ein echtes Zusammenleben findet nicht statt und beschränkt sich höchstens darauf, einmal die gleiche Bank einer Haltestelle zu benutzen.
Das Konzept der bewundernswert präzise aufeinander abgestimmten Choreografien, mit denen die Besuchenden in ihren unterschiedlichen Rollen auf den Parcours geschickt werden, funktioniert leider nur, wenn sich je Slot von etwa 70 Minuten genügend Teilnehmende eingefunden haben; bei meinem Besuch musste Museumspersonal einspringen. Auch ist die Zeit sehr knapp bemessen – für jedes Szene sind es nur wenige Minuten –, so dass es schwerfällt, sich in eine Situation einzufinden, die Konfrontation in den Rollen wirklich zu spüren.
Wer macht die Regeln?
Die Inszenierung übt eine recht deutliche (und in ihrer Zuspitzung etwas holzschnittartige) Kritik an der neoliberalen Stadt, daran, wie sie Ausschluss und Elend produziert, daran, dass sie Ausbeutung auf der Basis von Werten wie der ständigen Verfügbarkeit von Annehmlichkeiten produziert. Rimini Protokoll verlagert die Gründe für diese Schieflage einerseits in die einzelnen Menschen, ihre Gier, ihre Gedankenlosigkeit, macht aber andererseits auch systemische Bezüge sichtbar. Die Produkte, die in der Gefängniswerkstatt hergestellt werden, werden nicht als solche gekennzeichnet, um deren Verkauf nicht zu gefährden, in ihrem Preis sind zwar Löhne für die Gefangenen berücksichtigt, die übrigen Kosten aber werden von der Allgemeinheit getragen.
Ausstellungsansicht: die Gefängniswerkstatt. (Bild: © CCCB, Foto: Martí E. Berenguer)
Ausstellungsansicht: die Gefängniswerkstatt. (Bild: © CCCB, Foto: Martí E. Berenguer)
Auch im öffentlichen Raum bleiben die Menschen in ihrer eigenen Welt. (Bilf: © CCCB, Foto: Alice Brazzit)
Auch im öffentlichen Raum bleiben die Menschen in ihrer eigenen Welt. (Bilf: © CCCB, Foto: Alice Brazzit)
»Urban Nature« von Rimini Protokoll (Haug/Huber/Kaegi/Wetzel)
Bis 16. Oktober 2022, Kunsthalle Mannheim, Friedrichsplatz 4, 68165 Mannheim