Zwei Schauplätze in Köln: Ebertplatz und Bildungslandschaft Altstadt Nord. Ein vermeintlicher Unort, belebt durch bürgerschaftliches Engagement, ein Ort für Bildung in der Stadt, durch eine Stiftung maßgeblich inititiert. Zwei Beispiele dafür, wie Stadt wachsen, sich verändern, mit den Menschen und für sie weiterentwickelt werden kann. Zwei Projekte in unterschiedlichen Phasen, eines vor entscheidender Weichenstellung, eines auf der Zielgeraden. Ermutigend sind beide.
Einer der Schachtische von Pia Litzenberger, die vor Kurzem am Ebertplatz installiert wurden. (Bild: David kasparek)
Einer der Schachtische von Pia Litzenberger, die vor Kurzem am Ebertplatz installiert wurden. (Bild: David kasparek)
Blick in die Passage unter dem Ebertplatz, Frühjahr 2021. (Bild: David Kasparek)
Blick in die Passage unter dem Ebertplatz, Frühjahr 2021. (Bild: David Kasparek)
Verfüllen eines Angstraums oder gewonnene Erfahrungen nutzen?
Festival „Gutem Begegnen“ im Sommer 2019. (Bild: Stadt Köln)
Festival „Gutem Begegnen“ im Sommer 2019. (Bild: Stadt Köln)
Der Bund Deutscher Architektinnen und Architekten (BDA) Köln macht inzwischen auf einen wohl weitaus entscheidenderen Teil aufmerksam: auf die florierende Szene vor Ort, die durch ein überraschend hohes Maß bürgerschaftlichen Engagements im Rahmen der Zwischennutzung im Laufe der letzten Jahre hier entstand. Jenseits von Verfahrensfragen plädiert der BDA für eine wirkliche Einbindung dieser Akteur:innen und schlägt zwei Öffentlichkeitsbeteiligungsphasen vor. Eine vor der Auslobung und der Fixierung eines Programms, eine nach der Juryentscheidung eines professionell betreuten VgV-Verfahrens mit anonymer Bearbeitungsphase. Die verschiedenen Internet- und Social-Media-Auftritte etwa der Initiative „Unser Ebertplatz“ machen deutlich, was hier in den letzten Jahren tatsächlich passiert ist: verschiedene Veranstaltungsformate, Kunst und Musik im öffentlichen Raum, Kunsträume mit Ausstellungen, Debatten mit Fachleuten und Anwohner:innen. Aneignung eines vermeintlichen Angstraums – der nun – und das könnte den Weg in eine überraschende Lösung forcieren, die von oben wie von unten entwickelt wird – von der Stadt Köln federführend koordiniert wir
Ebertplatzkonzerte 2020 mit Abstandsraster von der Köln International School of Design KISD. (Bild: Stadt Köln)
Ebertplatzkonzerte 2020 mit Abstandsraster von der Köln International School of Design KISD. (Bild: Stadt Köln)
Sommerliche Atmosphäre am Platz mit wasserkinetischer Plastik und Gastronomie im Hintergrund. (Bild: Stadt Köln)
Sommerliche Atmosphäre am Platz mit wasserkinetischer Plastik und Gastronomie im Hintergrund. (Bild: Stadt Köln)
Sommerfest der freien Kunsträume 2018. (Bild: Astrid Piethan)
Sommerfest der freien Kunsträume 2018. (Bild: Astrid Piethan)
Rutsche ins Vergnügen
Stadt, Land, Schule
Blick vom Klingelpützpark auf die Realschule der BAN. (Bild: David Kasparek)
Blick vom Klingelpützpark auf die Realschule der BAN. (Bild: David Kasparek)
Inszenierte Blicke – hier auf den Altbau der Grundschule. (Bild: David Kasparek)
Inszenierte Blicke – hier auf den Altbau der Grundschule. (Bild: David Kasparek)
An diesem warmen Maiwochenende ist der Park bevölkert von Menschen – die allermeisten verhalten sich auffallend pandemieerfahren und -konform. Auf dem Kinderspielplatz sind Eltern mit ihren Kindern, Jugendliche spielen Basketball und zeigen ihr Können auf dem Skateboard in der Halfpipe, Sonnenanbeter:innen liegen auf der Wiese, Jung und Alt spielen Tischtennis. Ob die Tischtennisplatten dabei Teil des Parks oder schon zum Schulhof der neuen Realschule gehören, ist unklar. Die polygonalen Bauteile wirken von hier im Gegenlicht wie ein Gebäude und erinnern in ihrer Struktur an die Basaltsäulen der nahen Eifel. Beim Näherkommen zeigt sich ihr Kleid aus grauem Backstein, das von einer Vielzahl immer gleicher Fensterformate in unregelmäßiger Anordnung durchbrochen wird. Große, vollverglaste Öffnungen und kleine, hölzerne Öffnungsflügel haben die Architekt:innen scheinbar wahllos auf der Fassade verteilt. Je näher man tritt, desto vielschichtiger wird das Ensemble, werden einzelne Bauteile ablesbar und eine Höhenstaffelung erkennbar. Zwischen Realschule und Kita tritt man durch eine schmale Gasse, die sich zu einem kleinen Platz weitet, den Blick auf das zentrale Studienhaus freigebend und den auf den offenkundig sensibel sanierten Grundschulbau aus den 1950ern von Karl Hell andeutend. Es sind malerische Perspektiven, wie man sie sich in einer Stadt wünscht. Nach und nach zeigt sich mehr, immer wieder taucht Neues auf. Dabei sind die gleicheförmigen Materialien und Öffnungsformate der Neubauten ein wohltuend ruhiger Hintergrund für die heterogene Umgebung. Wendet man sich nach Süden, erblickt man durch die riesigen, den Mittelstreifen der Kyotostraße säumenden Platanen jenen Bau des Abendgymnasiums, der aktuell immer noch Teile des Hansa-Gymnasiums aufnimmt. Nach Norden aber fällt der Blick auf den alten Mühlenturm und die wenigen in Köln noch erhaltenen Reste der mittelalterlichen Stadtmauer. Angemessen staffelt sich der Kita-Neubau in Analogie zum Foyer der Grundschule in Richtung Turm und Gereonswall hinab.
Innen und außen als Teil einer Stadtlandschaft
Ansicht auf den Komplex aus Grundschule, Studienhaus und Realschule von der Kyotostraße im Südwesten der BAN. Auf der anderen Seite der Kyotostraße befinden sich Hansa-Gymnasium und Abendschule. (Bild: David Kasparek)
Ansicht auf den Komplex aus Grundschule, Studienhaus und Realschule von der Kyotostraße im Südwesten der BAN. Auf der anderen Seite der Kyotostraße befinden sich Hansa-Gymnasium und Abendschule. (Bild: David Kasparek)
Bemerkenswert ist hier der Prozess – der mit Blick auf den Ebertplatz dort hoffentlich in vergleichbarer Weise bevorsteht. Die BAN geht auf eine gemeinsame Initiative der Stadt mit der Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft zurück, die sich seit Ende der 1990er-Jahre auch für pädagogische Architektur jenseits standardisierter Regelwerkskunde stark macht und in einem Wettbewerb mündete. Die von der HOAI nicht abgedeckte Bedarfsabfrage vor und während der Konzeptionsphase konnte durch die Stiftung finanziert werden. Und die Stadt ging den Weg mit. In den Innenräumen macht sich das etwa durch die Relevanz der Flurbereiche bemerkbar, die hier, der Reggio-Pädagogik folgend, nicht bloß Verkehrsflächen, sondern tatsächliche Begegnungs- und damit Lernräume sind. Außenräumlich wird es deutlich durch das Ineinanderfließen von Stadt und Institution Schule. Es ist eine wirkliche Landschaft geworden, die durch den souveränen Einsatz architektonischer Mittel die nötigen räumlichen Schwellen akzentuiert, ohne dabei atmosphärische Grenzen zu überbetonen.
Lageplan mit Mensa- und Ateliergenbäude im Nordosten sowie Real- und Grundschule, Studienhaus und Kita im Südwesten. ©gernot schulz : architektur
Lageplan mit Mensa- und Ateliergenbäude im Nordosten sowie Real- und Grundschule, Studienhaus und Kita im Südwesten. ©gernot schulz : architektur
Grundriss Real- und Grundschule, Kita und Studienhaus. ©gernot schulz : architektur
Grundriss Real- und Grundschule, Kita und Studienhaus. ©gernot schulz : architektur
Das pädagogische Konzept bezieht alle Räume der Schule ein. (Bild: ©Simon Wegener)
Das pädagogische Konzept bezieht alle Räume der Schule ein. (Bild: ©Simon Wegener)
Kurz vor der Fertigstellung: das Mensa- und Ateliergebäude. (Bild: David Kasparek)
Kurz vor der Fertigstellung: das Mensa- und Ateliergebäude. (Bild: David Kasparek)
Blick in die Lehrerlounge der Realschule. (Bild: ©Stefan Schilling Fotografie)
Blick in die Lehrerlounge der Realschule. (Bild: ©Stefan Schilling Fotografie)
Bildungslandschaft Altstadt-Nord BAN
Neubau eines innerstädtischen Schulcampus bestehend aus Kita, Realschule, Studienhaus, Mensa mit Selbstlernzentrum und Werkateliers sowie der denkmalgerechten Sanierung und Erweiterung einer Grundschule, 2013-2020
Bauherrschaft: Gebäudewirtschaft der Stadt Köln
Architektur: gernot schulz: architektur, Köln
Entwurf: Prof. Gernot Schulz und André Zweering
Projektleiterin: Raphaella Burhenne de Cayres
Mitarbeiter: Lara Ahrens McCarthy, Martin Amme, Roman Beier, Eva Girzalsky, Linda Hegenberg, Bernd Klepper, Sarah Klöpping, Anne Maldener, Cathérine Minnameyer, Maarten Naumann, Alexander Phan, Benedikt Reipen, Andrea Zoll, Dorle Zweering
Bauüberwachung: gernot schulz : architektur mit Ernst2, Düsseldorf