Unter der Paulinenbrücke mitten in Stuttgart zeigte die Initiative Stadtlücken, was möglich ist, wenn man einen Platz den Anwohnern zur Verfügung stellt. Nun hat die Initative junger Stadtmacher*innen mit dem Amt für öffentlichen Raum (AföR) eine fiktive Behörde in der architekturgalerie am weißenhof in Stuttgart eröffnet.
Über Nacht zum Amt für öffentlichen Raum geworden: Die architekturgalerie am weißenhof in Stuttgart. Bild: Stadtlücken
Über Nacht zum Amt für öffentlichen Raum geworden: Die architekturgalerie am weißenhof in Stuttgart. Bild: Stadtlücken
Ein interaktives, frei zugängliches Miroboard unter www.aför.de kreiert zusammen mit der analogen Ausstellung einen interaktiven und kooperativen Denkraum. (Bild: Martina Metzner/Stadtlücken)
Ein interaktives, frei zugängliches Miroboard unter www.aför.de kreiert zusammen mit der analogen Ausstellung einen interaktiven und kooperativen Denkraum. (Bild: Martina Metzner/Stadtlücken)
Die Ausstellung Amt für öffentlichen Raum stellt die Essenz der Erfahrungen dar, die die jungen Stadtmacher*innen während ihrer Intervention auf und mit dem Österreichischen Platz in Stuttgart gesammelt haben. Über das Jahr 2018 hinweg haben sie dort etwas bewegt, was unbeweglich schien. Sie haben gezeigt, was möglich ist, wenn man durch gemeinschaftliches Engagement ein Stückchen Stadt selbst gestaltet.
Stadtlabor Österreichischer Platz
Wo ist eigentlich dieser Österreichische Platz? Selbst Stuttgarter*innen haben Schwierigkeiten, dies zu beantworten. (Bild: Stadtlücken)
Wo ist eigentlich dieser Österreichische Platz? Selbst Stuttgarter*innen haben Schwierigkeiten, dies zu beantworten. (Bild: Stadtlücken)
Erstmal Aufmerksamkeit schaffen, dachten sich die Stadtlücken. Das taten sie mit einem selbst gebauten Kiosk, den sie unter der Paulinenbrücke positionierten. Dort verkauften sie Merchandising-Artikel, Schals, Aufkleber mit der Aufschrift „Wo ist eigentlich dieser Österreichische Platz?“ oder „Wem gehört die Stadt?“. Dann haben sie den Parkplatz, quasi die Einfahrt zum Österreichischen Platz, freigeräumt. Statt parkenden Autos fanden die Stuttgart*innen ein Jahr lang hier einen öffentlichen Raum für gemeinsame Veranstaltungen, Kino, Picknicks, Tanzkurze, Installationen zu Stadt, Architektur und Kunst; zuletzt wurde hier eine Boulderwand installiert. Über 200 Veranstaltungen haben sie mit Partner*innen organisiert. Und immer wieder über die Stadt, das Wohnen, das Zusammenleben diskutiert. Wie kann man sich einbringen? Was bedeutet öffentlicher Raum und Boden? Wer kümmert sich darum? Und wem gehört er überhaupt? Für die offenen Gemüter der Stadt, vor allem die Kreativen, aber auch für viele darüber hinaus, ist der Platz unter der Paulinenbrücke zu einem informellen Treffpunkt geworden.
#Essenessenessen – bei der wiederkehrenden österreichischen Brettljause. (Bild: Stadtlücken)
#Essenessenessen – bei der wiederkehrenden österreichischen Brettljause. (Bild: Stadtlücken)
Vom Platz in die Kirche
Die Stadtlücken sind erstaunlich gut organisiert. Alles läuft wie am Schnürchen. Es gibt zwar keine fixierten Zuständigkeiten, dafür arbeiten die Stadtlücken mit Slack als digitalem Projektmanagementtool. Einen Kassenwart gibt es auch. Jeder der Stadtlücken arbeitet ehrenamtlich, alle mit voller Begeisterung fürs Projekt – und alle über ihre Arbeit und Grenzen hinaus. Die meisten sind Berufsanfänger*innen, Kreative und Künstler*innen, viele Absolvent*innen der Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart. Dort lernt man abstraktes „Out of the Box“-Denken – allerdings mit einem guten Schuss Pragmatismus.
Stadtlücken speisen sich aus der gegenseitigen Motivation, aus der Erfahrung, was die Power von Gemeinschaft bewegen kann. Natalie zum Beispiel war nach dem Studium und als Fotografin schon auf dem Weg nach Berlin. Dann hat sie Stadtlücken kennengelernt – und blieb: „Es hat gleich gefunkt“. Sie habe durch die Arbeit in der Gruppe Mut, Engagement und Ehrlichkeit erfahren. Jonas, seines Zeichens Designer, kam gerade frisch aus Berlin. Stuttgart – nicht gerade die Stadt, wo was geht. Dann hat er sich Stadtlücken angeschlossen. Da geht doch was. „Wir sind Lernende. Wir haben keine Haltung. Nur die, dass es informell sein soll.“
Die Geschichte von Stadtlücken erschöpft sich nicht darin, dass sich Menschen in selbst verwalteten, partizipativen und vor allem informellen Strukturen, auf freier und künstlerischer Art einem öffentlichen Gut annehmen. Es gelang ihnen auch, durch künstlerische, wie auch sportive oder interkulturelle Angebote eine Vielfalt Menschen anzusprechen, sie zu aktivieren. Ihre Sache haben sie so gut gemacht, dass der Pastoralreferent Andréas Hofstetter-Straka von der nahegelegen katholischen Kirche St. Maria auf Stadtlücken zu kam: „Ich habe eine Kirche – habt ihr eine Idee?“ Sie hatten eine, und viele andere auch – zwei Wochen lang, ein Trampolin, Tanzabende, Gespräche. Es wurde viel diskutiert. Was darf in einer noch nicht entweihten Kirche passieren? Was erweitert ihre spirituellen und gesellschaftlichen Grenzen?
Ein Amt als Plattform für den Dialog
Verlängert: Die Ausstellung der Stadtlücken in der Stuttgarter architekturgalerie am weißenhof. (Bild: Stadtlücken)
Verlängert: Die Ausstellung der Stadtlücken in der Stuttgarter architekturgalerie am weißenhof. (Bild: Stadtlücken)
Für den besseren Dialog schlagen Stadtlücken nun ein „Amt für öffentlichen Raum Stuttgart (AföR)“ vor, das – wenn es Realität würde – sich als „initiativ und kooperatives Querschnittsreferat innerhalb der Stadt“ verstehen und sich um nicht-kommerzielle Begegnungsorte im öffentlichen Raum kümmern würde. Die Ausstellung in der architekturgalerie am weißenhof, die aufgrund der vorübergehend Schließung durch die Corona-Pandemie nun verlängert wird, bietet einen Vorgeschmack auf das, was ein solches Amt leisten könnte: Als digital-analoger Denk- und Dialograum, zu dem alle Stuttgarter*innen und weitere mehr eingeladen sind, darüber zu sprechen, wie man gemeinsam Stadtraum gestalten kann. Konkrete Antworten soll die Ausstellung nicht liefern, vielmehr versucht sie sich vor Ort mit einem Wissensarchiv und durch Interaktion mit Besucher*innen sowie im virtuellen Raum über Diskussionen und Gesprächsrunden inhaltlich weiterzuentwickeln. So fragen Stadtlücken auch: Braucht es so ein Amt für öffentlichen Raum überhaupt?
Baden im Neckar? Solche Fragen zur Entwicklung der Neckarinsel diskutieren Stadtlücken – hier noch vor der Corona-Pandemie – mit den Stuttgarter*innen. (Bild: Stadtlücken)
Baden im Neckar? Solche Fragen zur Entwicklung der Neckarinsel diskutieren Stadtlücken – hier noch vor der Corona-Pandemie – mit den Stuttgarter*innen. (Bild: Stadtlücken)