Living the Citiy. Ausstellungsansicht. © Jörg Brüggemann OSTKREUZ
Ob der Corona-Lockdown dazu beigetragen hat oder nicht: Die Faszination brodelnder Megametropolen hat sich ähnlich abgenutzt wie das Mittelstands-Biedermeier der Europäischen Stadt. Müssen also dem „Urbanen“ neue Hymnen gesungen werden? Gleich drei Ausstellungen in Berlin gehen der Frage nach.
„Lange galt die vibrierende Großstadt als ultimativer Sehnsuchtsort, nun holt das Landleben auf“, hieß es unlängst im Baunetz, denn laut Umfragen „möchten nur noch 16 Prozent der Deutschen gerne in einer Großstadt leben – und 44 Prozent auf dem Land.“ 1 Der Hype mit dem ländlichen Raum, in dem „insbesondere urbane Kreative neue Chancen der Selbstverwirklichung sehen“, läuft schon länger auf Hochtouren. Doch anstatt hier den Unterschied zwischen (sozial)wissenschaftlicher Entwicklungsneugier und schlichter Lifestyle-Propaganda scharf zu markieren, trommeln die Bannerträger der vorletzten Kampagne einfach zum nächsten Gefecht. Riecht irgendwie schon wieder nach Kulturkampf. Gestritten wird, wem die Zukunft gehört.Stadthaltig?
Ausstellung Urbainable. Foto: Erik-Jan Ouwerkerk
Ausstellung Urbainable. Foto: Erik-Jan Ouwerkerk
Allerdings führt die Form der reinen Mitglieder-Präsentation gleich zur Crux des Unterfangens: Auf das Motto hatte man sich noch einigen können, aber dann hat jeder Teilnahmewillige in seiner Projektkiste gekramt und beigesteuert, was am ehesten passend erschien: Die Spanne reicht von einer „Eco-City Wünsdorf“ im darbenden Brandenburg (Winfried Brenne) bis zu Grands projets als mischgenutzte Landmarks für Singapur und andere exotische Regionen (Kees Christianse). Fritz Auer fährt eine Parade berühmter historischer Bahnhöfe auf, wohl als Einstimmung auf sein eigenes Bahnhofsprojekt für München. Umnutzungen und Weiterbauen im Bestand gibt es mehrfach zu sehen (u.a. Anne Lacaton, Matthias Sauerbruch, Ian Ritchie), die Ingenieure unter den Baukunst-Mitgliedern suchen Zukunft in neuen Materialien und ausgeklügelten Konstruktionen (u.a. Regine Leibinger mit Werner Sobek, Thomas Herzog) oder in der Beschäftigung mit Klima- und Energiefragen (u.a. Thomas Auer und Stefano Boeri, Jörg Schlaich). Notorische Querköpfe sinnieren über digital vernetzte Stadtmodelle (Peter Haimerl) oder über den Zusammenhang von Landbesitz und Macht (Arno Brandlhuber), während wenigstens ein Interview-Film sich den hard facts städtischer Ökonomik stellt („Bodenlos“ von Christiane Thalgott, hier bei > vimeo). Die Aufzählung ist so richtungslos wie der Eindruck, der beim Durchwandern der Ausstellung unvermeidlich entsteht. (Kurze Videos sind bei > instagram eingestellt.)
Ach, wie wohltuend, lehrreich und motivierend waren doch frühere Akademie-Ausstellungen, in denen jeweils ein paar Kollegen der Sektion sich um ein Thema scharten, um dann im Vollbesitz von Kompetenz und kuratorischer Freiheit großartige Erzählungen daraus zu spinnen – über „Wasser“, über „Landschaft“ oder „Stadt und Kultur“. Aber jetzt?
Berlin, Fuchs in der Schwiebusser Straße. Foto: Erik-Jan Ouwerkerk
Berlin, Fuchs in der Schwiebusser Straße. Foto: Erik-Jan Ouwerkerk
Berlin Mitte, Niederwallstraße, Parkplatz. Foto: Erik-Jan Ouwerkerk
Berlin Mitte, Niederwallstraße, Parkplatz. Foto: Erik-Jan Ouwerkerk
Dachansicht in Paris. Foto Erik-Jan Ouwerkerk
Dachansicht in Paris. Foto Erik-Jan Ouwerkerk
Schüler-Demonstration Fridays for Future. Foto: Erik-Jan Ouwerkerk
Schüler-Demonstration Fridays for Future. Foto: Erik-Jan Ouwerkerk
Tempelhofer Feld. Foto: Erik-Jan Ouwerkerk
Tempelhofer Feld. Foto: Erik-Jan Ouwerkerk
Brache in Berlin-Mitte. Foto: Erik-Jan Ouwerkerk
Brache in Berlin-Mitte. Foto: Erik-Jan Ouwerkerk
Von Städten und Menschen
Living the City. Ausstellungsansicht. Foto: © Schnepp Renou
Living the City. Ausstellungsansicht. Foto: © Schnepp Renou
Besucher, die sich mit bürgerschaftlicher Selbstermächtigung schon länger beschäftigen, werden viele der vorgestellten Beispiele kennen. Auch die Szene der Informellen und Normabweichler hat ihre Stars und publicityträchtigen Vorzeigeprojekte, etwa Assemble und deren Liverpooler Selbsthilfeinitiative, „Swim City“ aus der Schweiz, die Zürcher „Kalkbreite“-Genossenschaft, das Freiburger Mietshäusersyndikat oder die belgische Rotor-Gruppe mit ihren Secondhand-Baustoffen. Lacaton & Vassal dürfen mit ihren nachgerüsteten Großwohnblöcken in Bordeaux gleich in beiden hier besprochenen Ausstellungen auftreten.
Doch selbst Insider können in der reichlich chaotisch möblierten Airport-Halle Neuigkeiten aufstöbern, was zum einen an der Ausweitung des Suchhorizontes liegt: Auch aus Osteuropa, aus Nordafrika oder vom Balkan können „Geschichten“ einer aktiven Zivilgesellschaft allzu routinierte Diskurse um „Partizipation“ hierzulande um neue Töne und Farben bereichern. Zum anderen wird nicht verschwiegen, dass Selbstermächtigung auch Konfliktbereitschaft fordert. Was Demonstrationen zeigen, über denen nicht bloß nett illustrierte Pappschilder schaukeln: In Athen wird für Flüchtlinge ein leerstehendes Hotel besetzt, in Belgrad artikuliert sich Widerstand gegen „Investoren-Urbanismus“ lautstark auf den Straßen. Die Rotterdamer Historiker-Kooperative Crimson bietet einen Leitfaden für aufmüpfiges Bürgerverhalten an, der nur auf den ersten Blick wie ein unschuldiger Comic-Strip daherkommt.
Hommage an Lucius Burckhardt – die Aktion "Zebrastreifen". Im Bild: Reenactment der erstmals 1993 durchgeführte Aktion. Initiator beide Male: Gerhard L ang. (Bild:© Jörg Brüggemann OSTKREUZ)
Hommage an Lucius Burckhardt – die Aktion "Zebrastreifen". Im Bild: Reenactment der erstmals 1993 durchgeführte Aktion. Initiator beide Male: Gerhard L ang. (Bild:© Jörg Brüggemann OSTKREUZ)
Auch diese Aufzählung klingt so konfus wie ein Gang durch die „poppig-lustige Stadtplanungscollage“, der es allerdings „geschichtsvergessen nur um das bunte Jetzt“ geht, wie Nikolaus Bernau in der Berliner Zeitung 2 zu Recht bemängelte. Friederike Meyer vom Baunetz 3 sieht angesichts des entfesselten Bildertrubels schlicht „die Generation Instagram am Werk“. Die Vielfalt der Ideen und Initiativen zu feiern, mag sinnvoll sein, soweit es um das Werben von Sympathisanten oder um die Motivation entmutigter Lokalpolitiker geht; nicht umsonst zählt Kuratorin Schneider Bürgermeister und Amtsleiter zu ihren „Wunschzielgruppen“. Aber geht es bei Stadtentwicklung nicht eigentlich um komplizierte, eher langwierige Prozesse? Wie steht es um die Mühen der Ebene? Was ist die spektakuläre Besetzung einer Immobilie gegen deren kräftezehrende Legalisierung, soziale Stabilisierung und ökonomische Absicherung?
Zones Urbaines Sensibles, Luchtsingel, Rotterdam, Seit 2014 © Ossip van Duivenbode
Zones Urbaines Sensibles, Luchtsingel, Rotterdam, Seit 2014 © Ossip van Duivenbode
Modell eines sogenannten Nagelhauses, dessen Eigentümer sich gegen Verkauf und Abriss wehren. Ahmet Öğüt, Pleasure Places of All Kinds (Detail), Fikirtepe, Istanbul, 150 x 150 x 70cm, 2014, Private Sammlung, Amsterdam © Ahmet Öğüt
Modell eines sogenannten Nagelhauses, dessen Eigentümer sich gegen Verkauf und Abriss wehren. Ahmet Öğüt, Pleasure Places of All Kinds (Detail), Fikirtepe, Istanbul, 150 x 150 x 70cm, 2014, Private Sammlung, Amsterdam © Ahmet Öğüt
Parckfarm, Brüssel, Belgien, Seit 2014 © Dieter Telemans
Parckfarm, Brüssel, Belgien, Seit 2014 © Dieter Telemans
Die Arbeit Desire Lines des Fotografen und Filmemachers Jan Dirk
van der Burg zeigt Trampelpfade – kleine Gesten des Widerstands. © Jan Dirk van der Burg
Die Arbeit Desire Lines des Fotografen und Filmemachers Jan Dirk
van der Burg zeigt Trampelpfade – kleine Gesten des Widerstands. © Jan Dirk van der Burg
Im Rahmen der Pioniernutzungen am Haus der Statistik
in Berlin wurde 2019 der Chor der Statistik vonr aumlaborberlin und Bernadette La Hengst ins Leben gerufen © Victoria Tomaschko
Im Rahmen der Pioniernutzungen am Haus der Statistik
in Berlin wurde 2019 der Chor der Statistik vonr aumlaborberlin und Bernadette La Hengst ins Leben gerufen © Victoria Tomaschko
Crashkurs zur Bodenfrage
Ausstellungsansicht. Foto: Leon Lenk Fotografie
Ausstellungsansicht. Foto: Leon Lenk Fotografie
Positionen zur Europäischen Stadt für das 21. Jahrhundert >>>
Bis 22. November
Akademie der Künste, Hanseatenweg 10, 10557 Berlin
Kuratiert von Matthias Sauerbruch, Jörn Walter, Tim Rieniet
Der Katalog (224 Seiten, 30/38 Euro) ist bei ArchiTangle erschienen >>>
Living the City
Von Städten, Menschen und Geschichten. >>>
Bis 20. Dezember
Flughafen Berlin-Tempelhof, Platz der Luftbrücke, 512101 Berlin
Kuratiert von Tatjana Schneider, Lukas Feireiss, TheGreenEyl
Der Katalog (340 Seiten, 24 Euro) ist bei Spectorbooks erschienen >>>
Die Bodenfrage
Klima, Ökonomie, Gemeinwohl >>>
Bis 25. Oktober
Deutsches Architekturzentrum DAZ, Wilhelmine-Gemberg-Weg 6, 2. Hof, Eingang H1, 10179 Berlin
Kuratiert von Stefan Rettich mit Anna Kraus, Thomas Rustemeyer, Sabine Tastel
Das Begleitbuch zur Wanderausstellung erscheint voraussichtlich im November
Das ist es mir wert
- 1„Sehnsuchtsort Brandenburg“, Baunetz-Woche Nr. 563 >>>
- 2Nikolaus Bernau: Wie man die Stadt zurückerobert. In : Berliner Zeitung vom 26.9.2020 >>>
- 3„Made in Europe“, Baunetz-Woche Nr. 564 >>>