In den Großstädten wird es enger, doch noch scheint es nicht jenen Überlaufeffekt zu geben, von dem die ländlichen Räume profitieren. Aber es könnte bald soweit sein. Wir müssten dafür aber unser Bild von "dem" Land ändern – und nicht nur dieses. Eine neue Publikation liefert wichtige Hinweise.
Damit würde die Landflucht noch nicht gebremst, so Rainer Klingholz, Direktor des Berlin-Instituts. Aber dennoch könnte sich eine solche zumindest andeuten: Das zeigen Kongresse wie „Trafo“ der Kulturstiftung des Bundes; ein auf Mittel- und Kleinstädte sowie ländliche Räume fokussierter Bericht der Bundesstiftung Baukultur, „Stadt und Land“, eine Art kleiner Bauausstellung auf dem Land, wie sie der Architekt Christoph Hesse in Nordhessen initiiert hat, die IBA in Thüringen, die sich unter dem Titel „Stadtland“ beharrlich damit auseinandersetzt, was jenseits von Stadt vor sich geht und wie es gestaltet werden kann.
Und es geht weiter: Mit der Tagung "Die Zukunft auf dem Land" in Apolda (27. und 28. September), dem Detail-Kongress "Perspektive Land" (16. Oktober) und dem Landeskongress Archikon der Architektenkammer Baden-Württemberg im kommenden Frühjahr (31. März 2020).
Sehnsucht und Unzufriedenheit
Zur Wirklichkeit gehören aber vor allem Pendlerverkehre, Glyphosatwüsten, Bienenpetitionen. Auch Speckgürtel sind kein Privileg der großen Städte, die kleinen haben sie ebenfalls: Gewerbegebiete mit großen Märkten, wo der Einkauf für die Woche getätigt wird, wo fürs Basteln am eigenen Haus eingekauft wird. Dieses Haus steht oft in einem Einfamilienhausgebiet, das nur wenig näher am Landust-Traum ist als eine Mietwohnung in der Stadt.
Die Räume in der Region brauchen etwas mehr Verständnis für die Realität, die sie prägt. Bild: Wikimedia Commons, CC BY 4.0, Wolkenkratzer, Bild: >>>
Die Räume in der Region brauchen etwas mehr Verständnis für die Realität, die sie prägt. Bild: Wikimedia Commons, CC BY 4.0, Wolkenkratzer, Bild: >>>
Das Land gibt es nicht
Kein schöner Land? Ein Diskurs zur Landesentwicklung. Weitere Information >>> Foto: Büro Wilhelm Verlag
Kein schöner Land? Ein Diskurs zur Landesentwicklung. Weitere Information >>> Foto: Büro Wilhelm Verlag
Entsprechendes gilt auch für das Land: es gibt es nicht als Ideal, als Entität, die reproduziert werden kann – und das wirkt wiederum auf die Stadt zurück: "Möglicherweise ist die Stadt ja vor allem deshalb in der Krise, weil das Land verschwunden ist", so Nicolai Roskamp 2017. 2 Das beharrliche Arbeiten müssen wir also auf einen Raum beziehen, in dem sich die Ideen und Ideale von Stadt und Land nur in winzigen Ausschnitten abbilden. Das heißt auch, dass beharrlich an den Bildern und Begriffen gearbeitet werden muss, mit denen wir hantieren.
Seinem Tun Realismus hinzufügen: das heißt gerade nicht, das vermeintlich Unvermeidliche hinnehmen oder das Hässliche schönreden. Es heißt, über Wirtschaft, Besitz, über Beziehungen im Raum nachzudenken. Woher kommt der Strom, woher das Essen, woher die Konsumgüter, wer arbeitet wo und was macht er warum in seiner Freizeit? Es gelte, einen Zusammenhang nicht auf der Bild-, sondern auf der Nutzungs- und Eigentumsebene herzustellen, „zwischen gesellschaftlichen Strukturen, Nutzungen, Landnutzungen und Landschaft“, wie es Sören Schöbel in "Kein schöner Land?" beschrieb. Vielleicht heißt das ja, die Menschen an den Windparks beteiligen, gegen die sie sich wehren – also so genossenschaftlich zu denken, so dass die Betroffenen von den Veränderungen profitieren. Das heißt vielleicht auch, Menschen "auf dem Land" nicht in erster Linie als Klientel wahrzunehmen, die eine Kleinfamilie gründen und abends ins Wirtshaus will, sondern dass diese Menschen genauso wie in der Stadt divers in ihren Lebensentwürfen sind, dass sie auch außerhalb der Metropolen nach Möglichkeiten suchen, ihr ganz eigenes Leben zu gestalten. Und dann heißt das vor allem, den Raum der Region als politischen wahrzunehmen, weil er durch politische Eintscheidungen gestaltet wird.
Vielleicht kommt man dann wiederum auch auf andere Lösungen für leerstehenden Ladenlokale. Vielleicht nicht für jedes. Aber so könnte man zu einer neuen Erzählung für die ländlichen Räume kommen, die Martha Döhler-Bezardi, Geschäftsführerin der IBA für dringend nötig hält. Eine, die nicht mehr der toten Tante Emma und ihrem Laden nachweint, weil sie davon eh nicht wieder lebendig wird.
Das ist es mir wert
- 1Andri Gerber und Stefan Kurath: Einführung. In: Andri Gerber und Stefan Kurath (Hg.): Stadt gibt es nicht. Unbestimmtheit als Programm in Architektur und Städtebau. Berlin 2016. S. 7–30, hier S. 24.
- 2"Die Identitätskrise der Stadttheorie (und ihre Verabschiedung von der Suche nach einem Stadtbegriff) hat vermutlich ziemlich viel damit zu tun, dass der klassische Stadt-Land Gegensatz immer mehr an Substanz verloren hat, dass das Konzept von Land, das darin umgeht, Konturen und Sichtbarkeit einbüßt und immer blasser wird. Möglicherweise ist die Stadt ja vor allem deshalb in der Krise, weil das Land verschwunden ist." Nikolaus Roskamp: Die unbesetzte Stadt. Postfundamentalistisches Denken und das urbanistische Feld. Basel 2017, S. 137