Und was hat das alles mit Architektur zu tun? Fragt man sich an Weihnachten vielleicht nicht ganz so oft. Obwohl. Wohnungsnot. Vernakuläres Bauen. Mobilitätsverhalten. Es fällt einem schon etwas ein. Ein paar Gedanken der Marlowes-Herausgeber anlässlich das nahenden Festes.
Winterdorf. (Bild: CC0 Public Domain)
Winterdorf. (Bild: CC0 Public Domain)
Alles schon gesagt. Also nochmal
Man findet in dieser Gegenüberstellung vieles von der Großstadtfeindlichkeit, die Hans Paul Bahrdt oder Elisabeth Pfeil beklagt hatten, die idealisierte Sicht auf das Land, die in unzähligen Essays, Untersuchungen beschrieben worden sind. Bei Tolstoi wird aber auch sichtbar, was diese Großstadtkritik immer erst möglich gemacht hat: Der Blick auf das Land, der nie die Perspektive derer aufgenommen hatte, auf die man schaut. Es bleibt deswegen immer ein realitätsferner Blick.
Immer wieder findet man Autor:innen, die nach Tolstoi das Thema aufgreifen, die den Städtern, seien sie auch irgendwann aufs Land gezogenen, die verklärte Sicht auf das Land nachweisen, genauso wie denen, die in Vorortsiedlungen und in Einfamilienhausgebieten aufgewachsen sind, die die »Landlust« lesen und nichts von der industriellen Produktion wissen wollen, die in der Landwirtschaft längst Einzug gehalten hat. Alles unnütz, weil es ja bereits einmal formuliert wurde?
So wie es Tolstoi schon beschreiben hatte, wird man auch in anderen Dingen und Themen immer jemanden finden, der vorher schon darüber geschrieben hatte; im Zweifel wird man bei den alten Griechen fündig. Aber deswegen heißt das gerade nicht, dass man das nicht wieder aufgreifen, nicht wieder beschreiben, nicht wieder verdeutlichen müsste, nicht wieder neu entdecken dürfte: Das Schreiben und Beschreiben wie das Lesen neuer Texte ist eine Aneignung, ohne die die Qualität von Tolstoi verblassen und verstauben würde. Dessen Frische können wir ja nur erkennen, weil auch wir uns darum bemühen, unseren Weg zu finden, eine Wirklichkeit zu erfassen, um sie wenigstens ein kleines bisschen gestalten zu können. Mit der Weihnachtsgeschichte treiben wir dieses Spiel ja auch schon seit 2000 Jahren. Christian Holl
All Zitate aus: Leo Tolstoi: Anna Karenina. In der Neuübersetzung von Rosemarie Tietze. dtv Taschenbuchausgabe, München 2011, S. 360 ff.
Blick aus dem Zug, nahe Fulda, Dezember 2022 (Bild: Ursula Baus)
Blick aus dem Zug, nahe Fulda, Dezember 2022 (Bild: Ursula Baus)
Mit goldenem Schlitten
Seit Jahrzehnten beklage ich die Zerstörungskraft des Automobils, das in der »autogerechten Stadt« seine Verwüstungsspuren genauso hinterlässt wie in zerschnittenen Landschaften und versiegelten Flächen immenser Größen. Der »goldene Schlitten« des Jedermann wächst und wächst – wüstentauglich der SUV, angeberisch der Porsche, scheinheilig der Elektro-BMW. Wie abstrus, heuchlerisch und ignorant hierzulande Verkehrspolitik betrieben wird, kann kein vernünftiger Mensch mehr begreifen. Ja, ich habe Verständnis für die Klima-Aktivisten, die verschwindend wenig Schaden im Vergleich zu denen anrichten, die mit dem ewigen buisiness as usual – auch in der Verkehrspolitik – die Lebensgrundlagen menschlichen Daseins vernichten. Und ich habe kein Verständnis dafür, dass diese AktivistInnen wie Staatsfeinde behandelt werden.
Ich habe kein Verständnis dafür, dass die Grünen das Verkehrsministerium der FDP überließen. Schon verkündet Minister Wissing, dass die Straßen ausgebaut werden sollen – faktisch zulasten der Schienen. Der Kanzler, dem außer ”Wumms“ kaum etwas einzufallen scheint, stützt die FDP und schert sich einen Kehrricht um umweltfreundlichen ÖPV. Ich bringe kein Verständnis dafür auf, dass Kommunen nicht flächendeckend Tempo 30 einführen, womit auch Fußgängern und Fahrradfahrerinnen geholfen wäre. Dass auf Autobahnen nicht längst bei Tempo 130 Schluss ist. Ich habe auch kein Verständnis dafür, dass die Firmenwagenprivilegien beibehalten werden, dass die Autoindustrie unentwegt Subventionen erhält und pro E-Auto tausende Euro hinterher geschmissen bekommt. Dass die Stellplatzverordnungen nicht grundsätzlich abgeschafft und in die Entscheidungshoheit der Kommunen gegeben werden. Dass Garagen nicht zu Wohnungen umfunktioniert werden können. Dass Autos auf den Straßen und Gehwegen stehen und den Platz beanspruchen, den Kinder für ihre Bewegungsfreiheit brauchen.
All diese Kritik ist nicht neu, sie mag langweilig sein, aber sie ist nicht falsch, und ihr wird seit langer Zeit mit guten Beispielen konstruktiv begegnet. Es geht nicht darum, Mobilität einzuschränken. Die Politik ist gefordert, ressourcenschonende, umweltverträgliche Mobilität schnell und konsequent zu organisieren. Bislang redet sie sich raus, sie könne nicht gegen Mehrheiten agieren. Doch genau das muss sie: Sie muss mit Konzepten, die weiter in die Zukunft gedacht sind als das, was Menschen auf dümmliche Fragen zu ihrem Wohlstand antworten. Schauen wir unter den Weihnachtsbaum: Schlitten oder Big-Bobby-Car? Die Spielzeug-Eisenbahn? Früh übe, wer die Welt verändern soll. Ursula Baus
Egal ob unter den Augen von Esel, Ochs´ oder Ziege – it´s the same prodecure as every year with the Wiege (Bild: commons.wikimedia, Florida Memory)
Egal ob unter den Augen von Esel, Ochs´ oder Ziege – it´s the same prodecure as every year with the Wiege (Bild: commons.wikimedia, Florida Memory)