Marktgeschrei (33) | »Ich sach Dir mal wat: Seit vier Wochen bin ich hier, und wat meinste? Ich krich dat gebacken. Da sagen wir unsern Jungs, sie können Homeoffice von uns aus auf Malle machen, Hauptsache, wir werden den Schuppen los.« Der am Strand telefonierende Herr kann es sich offenbar leisten, wochenlang an einem der teuersten Orte der Republik im »Homeoffice« zu weilen. Die Strandpromenade ist ein öffentlicher Raum, den er mir nichts, dir nichts als sein Outdoor-Office nutzt: eine Groteske zu public private property und medialen Leerräumen.
Telefonieren im öffentlichen Raum – Stadtmobiliar und Kunst in Westerland (Bild: Ursula Baus)
Telefonieren im öffentlichen Raum – Stadtmobiliar und Kunst in Westerland (Bild: Ursula Baus)
Essen, Trinken, Tierliebe – alles wichtig, aber dafür ist der öffentliche Raum zu schade. (Bild: Ursula Baus)
Essen, Trinken, Tierliebe – alles wichtig, aber dafür ist der öffentliche Raum zu schade. (Bild: Ursula Baus)
Abstandsgrün, »Friesenwall«, Heckenwall zweifach – eine Zonierung des Raums in Kampen, die klare Grenzen setzt. (Bild: Ursula Baus)
Abstandsgrün, »Friesenwall«, Heckenwall zweifach – eine Zonierung des Raums in Kampen, die klare Grenzen setzt. (Bild: Ursula Baus)
Reale und mediale Öffentlichkeit
Habermas bezieht sich auf die mediale Öffentlichkeit, die ihre Äquivalenz durchaus im öffentlichen (Kommunikations-)Raum findet. Die semiotische Deutung dessen, was man hier auf Sylt und vor allem in Kampen sieht, hat sich in den letzten Jahrzehnten in Kommunen manifestiert, die sich im Ganzen als »gated communities« profilieren und nicht wissen oder nicht wissen wollen, wie sie dem Markt gemeinwohlorientiert entgegensteuern können. Die kaschierende Inszenierung privaten Gewinns und die offenbare Sozialisierung des Verlusts nehmen sie hin. Gerade, aber nicht nur Kampen ist in dieser Hinsicht in der Art, wie öffentlicher Raum behandelt wird, aussagekräftig. Gunter Sachs (1932-2011), aus heutiger Sicht nachgerade ein Intellektueller, scheute seinerzeit nicht die Öffentlichkeit und schämte sich seines Reichtums nicht, wovon der »Standort Kampen« in Sachen Aufmerksamkeit und ökonomisch durchaus profitierte. Kampen heute symbolisiert indes die Dünkel und Überheblichkeit der Reichen, die die Öffentlichkeit scheuen und in ihren Blasen jene Echoräume konstruieren, die in der »medialen Öffentlichkeit« die deliberative Demokratie zerrütten. In Kombination mit Medienunternehmen zeichen sich hier analoge Strukturen des Metaverse ab, das scheinbar intentionslos propagiert wird.
Der Klenderhof in Kampen (Bild: Wikimedia Commons CC BY-SA 4.0, Drisminstede)
Der Klenderhof in Kampen (Bild: Wikimedia Commons CC BY-SA 4.0, Drisminstede)
Kapitalismuskritik und mehr
Hier schließt sich ein Kreis, in dem es um Öffentlichkeit geht. Axel Springer und der Reichtum, den er – und als machthabende Medienunternehmer auch Leo Kirch (1926-2011) oder Hubert Burda (*1942) – mit seinen Medien erwarb, ist Geschichte, insofern sie nicht mehr demokratietragend wirken, sondern unverhältnismäßige Privatvermögen hinterließen beziehungsweise -lassen.
Die gegenwärtige mediale Öffentlichkeit, wie sie Habermas begreift und in seiner »neuen Struktur der Öffentlichkeit« als nicht mehr demokratietragend analysiert, wird jetzt von Springer und vielen anderen Medientechnikern wie Facebook, Google & Co sehr gewinnträchtig befördert. Gewiss, man sollte von seiner Arbeit leben können, aber in diesem Sektor wirken die lukrativ arbeitenden Medientechniker nicht mehr im Sinne der vierten Kraft im Staat, weil sie nicht mehr deliberativ, sondern in erster Linie konsumbestätigend agieren; dafür stellen sie redaktionell unkontrollierte Medienräume für selbsternannte »Autoren« bereit, an vielen Stellen werden statt Redakteuren »Content Manager« beschäftigt.
Zurück ans Meer. Das mutmaßlich teuerste Haus in Kampen, der Klenderhof, wo – siehe oben – Springer und kurze Zeit Schweizer residierten, gehört, so moin.de, inzwischen einem deutschen IT-Unternehmer: Ralph Dommermuth, deutscher Internet-Milliardär aus dem Westerwald (gmx.de und web.de), lebt eher zurückgezogen.
Der Klenderhof ist eine Inkarnation der Sylter Art des Bauens »unter Reet«. Bei Wikipedia lesen wir nun: »Axel Springer hörte 1977 in der Küche im Radio, dass in Deutschland jährlich fast 1.500 Kinder bei Verkehrsunfällen ums Leben kommen. Wenig später startete die Bild-Zeitung eine Kampagne unter dem Motto »Ein Herz für Kinder«, bei der bis heute fast 150 Millionen Euro an Spenden zusammen kamen.«66)7 Das wäre doch ein guter Anlass für eine Springer-Initiative heute, dass (nicht nur) Sylt autofrei zugunsten überlebender Kinder werde.
Im Naturschutzgebiet »Braderuper Heide« (Bild: Ursula Baus)
Im Naturschutzgebiet »Braderuper Heide« (Bild: Ursula Baus)
Braderup, naturgeschützter Watt-Bereich (Bild: Ursula Baus)
Braderup, naturgeschützter Watt-Bereich (Bild: Ursula Baus)
Das ist es mir wert
- 1Jürgen Habermas: Ein neuer Strukturwandel der Öffentlichkeit und die deliberative Politik. Berlin 2022
- 2ebda., Seite 87
- 3Architekt und Grafik-Designer; von ihm stammt der Prototyp des Lufthansa-Logos. Bauten u.a.: Verwaltungsgebäude der Nordstern-Versicherung (Fehrbelliner Platz, Teil von Speers und Hitlers Berlin-Neugestaltung), Görings Landhaus Darß
- 4Erst 2005 wurde der Wunsch publik, ihn doch – wenigstens symbolisch – aus der Ehrenbürgerliste zu streichen.
- 52019 bei Sotheby's ohne Hinweise auf Göring angeboten: https://www.youtube.com/watch?v=pclPLhW9tmI
- 6Wikipedia, https://de.wikipedia.org/wiki/Klenderhof
- 7Wikipedia, https://de.wikipedia.org/wiki/Klenderhof