Sanierung und Erweiterung in Weinstadt: Blick vom Altbau zum Übergang in den Anbau. (Bild: Jürgen Bubeck)
Umbauen, Sanieren, Erweitern haben sich zum selbstverständlichen Teil des Architekturpublizierens gemausert. Dennoch darf darüber nachgedacht werden, ob mit der gängigen Praxis alles eingeschlossen wird, was das Umbauen bedeuten kann. Das zeigt ein Projekt aus der Nähe von Stuttgart. Es eignet sich dafür, das Umbauen als alltäglichen Prozess zu sehen, als Prozess, der nicht endet. Gerade weil es nicht perfekt ist, öffnet es den Raum für das, was noch nicht absehbar ist.
2012, als es noch nicht Usus war, den Wert des Bestands zu betonen und darauf zu insistieren, ihn zu erhalten, hat Bruno Reichlin, Architekt und Architekturtheoretiker, der Hoffnung Ausdruck verliehen, die Bewahrung des architektonischen Erbes könne „so manche hartnäckige Denkgewohnheit beseitigen.“ Er hoffte auf eine „Poetik des Zwischenraums“, durch die die Ästhetik des Bauens im Bestand sich von der „derzeit vorherrschenden“ unterscheiden könne. Die Architektur der Umnutzung, der Wiederherstellung, der Restaurierung sei selten spektakulär, sie sei mehr eine Kunst des Ausweichens, „sie übt die Kunst des Judoka, der die Stärke des anderen (in diesem Fall, des unserer Obhut anvertrauen Werkes) zu seinen Zwecken nutzt.“ 1Dabei handelt es sich in vielen Fällen ja nicht einmal um ein Werk, das umgebaut, umgenutzt, weitergebaut werden soll, sondern eher um ein Konglomerat, ein Resultat einer Entwicklung, die irgendwann vorübergehend zum Stillstand gekommen ist. Die Aufgabe des Bauens im Bestand ist es dann, den Faden wieder aufzunehmen, an ihn anzuknüpfen und nicht darauf zu beharren, dass überhaupt ein Werk entstehen müsse, das abgeschlossen ist, als fertiges Projekt dokumentiert werden kann und wie ein Brocken weitergereicht wird, damit irgendwann ein Anderer in Jahren ihn behauen kann. Eher geht es darum, eine Erzählung aufzugreifen, an ihr weiterzuschreiben, ohne sie zu beenden, wie das Arbeiten an einer Serie mit Episoden, mit neuen Protagonisten, die dazu kommen, alten, die blieben und solchen, die verschwinden und nur noch Spuren hinterlassen.
Ohne Beschönigung
Alter Gebäudeteil mit ehemaligem Stall und Durchblick zum Anbau. (Bild: Florian Stocker)
Alter Gebäudeteil mit ehemaligem Stall und Durchblick zum Anbau. (Bild: Florian Stocker)
Die Figur des Hl. Florian im Eingangsraum des Altbaus. Nach ihm ist das Haus nun benannt. (Bild: Florian Stocker)
Die Figur des Hl. Florian im Eingangsraum des Altbaus. Nach ihm ist das Haus nun benannt. (Bild: Florian Stocker)
Blick auf den Alt und Neu verbindenden "Zeitenwandler", den verglasten Übergang mit bichromatisch beschichtetem Glas. (Bild: Florian Stocker)
Blick auf den Alt und Neu verbindenden "Zeitenwandler", den verglasten Übergang mit bichromatisch beschichtetem Glas. (Bild: Florian Stocker)
Das Haus ist so gut bewohnbar, ohne fertig zu sein. Die Gewölbekeller können für die Nutzung noch erschlossen und hergerichtet, Lager und Abstellräume für eine noch unbekannte Verwendung aktiviert werden. Der Bauernnutzgarten wird weiter betrieben, das Haus verleugnet durch den Umbau nicht, was es war, die Vergangenheit wird nicht in behübschendem Licht verklärt, nicht idyllisiert und verharmlost. Es bleiben Gegenstände und Konstruktionen, die als Zeitenbrücken fungieren: Sie erzählen von der Geschichte, vom Leben in anderen Zeiten, auch wenn sie heute nicht mehr gebraucht werden, so die Außentreppe zur Erschließung des ersten Obergeschosses von Osten.
Lageplan
Lageplan
Grundriss UG (Gewölbekeller)
Grundriss UG (Gewölbekeller)
Grundriss EG
Grundriss EG
Grundriss 1. Obergeschoss
Grundriss 1. Obergeschoss
Grundriss 2. Obergeschoss
Grundriss 2. Obergeschoss
Grundriss Dachgeschoss
Grundriss Dachgeschoss
Schnitt
Schnitt
Blick auf den Erweiterungsbau von Südost. Inzwischen wurde der Bestandsbau im Hintergrund verputzt. (Bild: Florian Stocker)
Blick auf den Erweiterungsbau von Südost. Inzwischen wurde der Bestandsbau im Hintergrund verputzt. (Bild: Florian Stocker)
Nur vorläufig
Einfaches Bauen: Leitungen sichtbar verlegt und neue Stahlrahmeninnenfenster. Die Wand zeigt die Spuren des Alten. (Bild: Florian Stocker)
Einfaches Bauen: Leitungen sichtbar verlegt und neue Stahlrahmeninnenfenster. Die Wand zeigt die Spuren des Alten. (Bild: Florian Stocker)
Blick von Nordosten auf den Anbau. Er ist nur nach Süden verglast, dort aber über die ganze Fläche. (Bild: Florian Stocker)
Blick von Nordosten auf den Anbau. Er ist nur nach Süden verglast, dort aber über die ganze Fläche. (Bild: Florian Stocker)
Blick auf den "Zeitenwandler" von Südost, darunter die gebliebene Außentreppe, die keine Funktion mehr hat, aber als Zeugin der alten Nutzung geblieben ist. (Bild: Christian Holl)
Blick auf den "Zeitenwandler" von Südost, darunter die gebliebene Außentreppe, die keine Funktion mehr hat, aber als Zeugin der alten Nutzung geblieben ist. (Bild: Christian Holl)
Blick in das Innere des Erweiterungsbaus, links der Anschluss an den Bestand. (Bild: Jürgen Bubeck)
Blick in das Innere des Erweiterungsbaus, links der Anschluss an den Bestand. (Bild: Jürgen Bubeck)
Blick aus Südwest auf den Bestand. Das linke Haus ist noch nicht saniert und kann später aktiviert werden. (Bild: Florian Stocker)
Blick aus Südwest auf den Bestand. Das linke Haus ist noch nicht saniert und kann später aktiviert werden. (Bild: Florian Stocker)
Im Obergeschoss des Eingangsraums. Damit der Raum rechts hinten genutzt werden kann, war eine Absturzsicherung der offenen Bereiche notwendig. (Bild: Christian Holl)
Im Obergeschoss des Eingangsraums. Damit der Raum rechts hinten genutzt werden kann, war eine Absturzsicherung der offenen Bereiche notwendig. (Bild: Christian Holl)
Auch im offenen Anbau zwischen Alt und Neu ist nur das Nötigste für den Erhalt und die neue Nutzung getan worden. (Bild: Christian Holl)
Auch im offenen Anbau zwischen Alt und Neu ist nur das Nötigste für den Erhalt und die neue Nutzung getan worden. (Bild: Christian Holl)
Wanddetail im Altbau. Überall sind Spuren der Geschichte zur finden. (Bild: Christian Holl)
Wanddetail im Altbau. Überall sind Spuren der Geschichte zur finden. (Bild: Christian Holl)
Fertigstellung Umbau und Erweiterung eines Weinbauernhofes im Remstal "Haus mit
Zeitenwandler"
Bauherrschaft: privat
Architektur: Architekturbüro Stocker BDA mit privaten Auftraggebenden
Mitarbeit: David Diorio
Tragwerksplanung: Mathias Seiler
2023-2025
Das ist es mir wert
- 1Bruno Reichlin: Überlegungen zur Erhaltung des architektonischen Erbes des 20. Jahrhunderts. In: Elise Feiersinger, Andreas Vass, Susanne Veit (Hg.): Bestand der Moderne. Von der Produktion eines architektonischen Werts. Zürich 2012, S. 30–39
- 2Hans Paul Bahrdt: Grundformen sozialer Situationen. Eine kleine Grammatik des Alltagslebens. München 1996, S. 145
- 3Ulf Stolterfoth: Fachsprachen LIV; Berlin 2020. „Wanderlyrik“ wurde beim 2023 beim BDA Baden-Württemberg herausgegeben.