War was?

Aufgrund der Verstrickungen von Thomas Pritzker in den Fall des Sexualstraftäters Jeffrey Epstein geriet der wohl wichtigste Architekturpreis der westlichen Welt in den letzten Wochen in die Kritik. Nun hat die Jury überraschend schnell dennoch einen aktuellen Preisträger benannt: Smiljan Radić Clarke.

Es ist noch keine vier Wochen her, als die Hyatt-Foundation Ende Februar gegenüber der New York Times bekanntgab, die Verleihung des von ihr gestifteten Pritzker Architekturpreises würde in diesem Jahr später erfolgen als gewohnt.1 Der Preis trägt den Namen der Familie, die ihn gestiftet und ihr Vermögen unter anderem mit dem Betrieb der Hyatt-Hotels gemacht hat. Jay A. Pritzker und seine Ehefrau Cindy hatten die Auszeichnung auf Anregung von Carleton Smith Ende der 1970er-Jahre ins Leben gerufen. Aufgrund der Verwicklungen ihres Sohnes Thomas Pritzker in den Fall Epstein war der Preis in die Schlagzeilen geraten und sieht sich seitdem einiger Kritik ausgesetzt.2 Thomas Pritzker hatte als Vorsitzender der Hyatt-Foundation den Preis in den letzten Jahren stets an die Ausgezeichneten übergeben.

Wer infolge der Äußerungen gegenüber der New York Times auf eine Zeit der Besinnung, Einkehr und tiefgreifender Reflexion spekuliert hat, sieht sich nun mindestens überrascht. „Später als gewöhnlich verliehen“ heißt in diesem Fall offenkundig: ziemlich genau eine Woche später als üblich[3]. Von Reflexion keine Spur, von der vielfachen namentlichen Nennung Pritzkers in den „Epstein-Files“ kein Wort. Stattdessen Business as usual. Das bringt den Ausgezeichneten nicht nur in eine ausweglose Lage, sondern ist zudem ein abermals gruseliger Beleg für das Zeitalter der Konsequenzlosigkeit, in dem wir zu leben scheinen.

Zeitalter der Konsequenzlosigkeit

Während Mona Sahlin nach der sogenannten „Toblerone-Affäre“ Mitte der 1990er-Jahre noch als stellvertretende schwedische Ministerpräsidentin zurücktrat3 und nicht zur Wahl der Premierministerin antrat, bei der sie als aussichtsreichste Kandidatin galt, können amtierende US-Präsidenten davon schwadronieren, Frauen „an die Muschi zu grabschen“,4 selbst häufiger in den Epstein-Files genannt werden, als Gott in der Bibel5 oder Kriege ohne Rücksicht auf Verfassung6 oder Völkerrecht7 führen, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen. Während Gregor Gysi infolge der „Bonusmeilen-Affäre“8 2002 noch von seinem Amt als Wirtschaftssenator Berlins zurücktrat, scheint ein Tennisspiel während großflächiger Stromausfälle in der Bundeshauptstadt und die dem nachfolgende miserable Informationspolitik9 heute kein Grund für Konsequenzen für den regierenden Bürgermeister Berlins zu sein.

Und so scheinen auch die gewichtigsten Hinweise auf die Verstrickung desjenigen, der den vermeintlich wichtigsten Architekturpreis der westlichen Welt übergibt, und dessen Name der Preis trägt – "The Pritzker Architecture Prize“ –, zu keinen nachvollziehbaren Konsequenzen zu führen. Das bringt nun den ausgezeichneten Architekten Smiljan Radić Clarke in die Bredouille. Sein Werk beschreibt die Jury um ihren Vorsitzenden Alejandro Aravena mit den Worten: „Mit einem Werk, das sich an der Schnittstelle von Ungewissheit, materiellem Experimentieren und kulturellem Gedächtnis positioniert, zieht Smiljan Radić die Zerbrechlichkeit jedem ungerechtfertigten Anspruch auf Gewissheit vor. Seine Gebäude wirken provisorisch, instabil oder bewusst unvollendet – fast schon am Rande des Verschwindens –, bieten jedoch einen strukturierten, optimistischen und stillen, freudvollen Schutzraum, der die Verletzlichkeit als einen wesentlichen Bestandteil der gelebten Erfahrung annimmt.“10

Der Architekt in der Zwickmühle

Ob das Werk des chilenischen Architekten wirklich derart bemerkenswert und damit dem einst so hochangesehenen Preis würdig ist, sei an dieser Stelle dahingestellt. Doch wie soll sich Radić Clarke nun verhalten? Lehnt er den Preis ab, verzichtet er auf die bis vor kurzem höchste Weihe des Berufsstandes. Nimmt er ihn an, ist er der Architekt, der allen Einwänden und Erkenntnissen zum Trotz eine Auszeichnung akzeptiert, deren Name für das Gebaren eines männlichen Machtnetzwerks steht, das dank Milliarden auf den Konten und damit finanzierter Anwälte glaubt, schalten und walten zu können, wie es ihm beliebt. Schließlich ist auch das, neben all der Konsequenzlosigkeit, ein Zeichen unserer Zeit: Männer tun das, was sie wollen, während die einzige, bis heute im Fall Epstein verurteilte Person eine Frau ist.11

Wie auch immer sich Radić Clarke dazu verhält, dass die Hyatt-Foundation sich eben nicht zu den im Raum stehenden Anschuldigungen verhält, wird mindestens dem Werk des Preisträgers nicht gerecht, dem Gerechtigkeitsempfinden Vieler aber ebenso wenig und den Opfern von sexueller Ausbeutung erst recht nicht. An dieser misslichen Lage ist nicht der Architekt schuld, der just von der Jury so überraschend früh benannt wurde. Doch dass Smiljan Radić Clarke nun mit einem der wichtigsten Architekturpreise der Welt ausgezeichnet und damit suggeriert wird, man könne einfach wieder zur Tagesordnung übergehen, ist ein Problem.

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