Der Pritzker-Preis 2025 geht an Liu Jiakun. Obschon er bereits zweifacher Teilnehmer der Architekturbiennale in Venedig war (2008 und 2016), hatten Interessierte in Deutschland nur durch eine Ausstellung bei Aedes in Berlin 2017 die Gelegenheit, seine Arbeit kennenzulernen. Dass er nun mit dem wichtigsten Architekturpreis der westlichen Welt geehrt wird, überrascht nicht nur Fachleute. Ein Blick auf das Werk des nach Wang Shu zweiten Pritzker-Preisträgers aus China ist dennoch lohnend.
Liu Jiakun kommt 1956 in Chengdu zur Welt, der Hauptstadt der zentralchinesischen Provinz Sichuan. Die Mutter ist Internistin, und er verbringt weite Teile seiner Kindheit auf den Fluren des „Chengdu Second People’s Hospital“. 1978 nimmt er sein Architekturstudium an der Universität in Chongqing auf. Er bekennt heute, zunächst nicht ganz verstanden zu haben, was es bedeute, Architekt zu sein, aber „wie in einem Traum wurde mir plötzlich klar, dass mein eigenes Leben wichtig war.“ 1982 erlangt er den Bachelor-Abschluss und ist damit Teil jener ersten Generation von Absolvent:innen, die in einer Zeit des Umbruchs mit dem Aufbau Chinas betraut sind. Zunächst arbeitet Liu für das staatliche Chengdu Architectural Design and Research Institute, ehe er 1984 für zwei Jahre freiwillig ins tibetische Nagqu geht.Film „Connecting Past, Present and Future“; The Pritzker Architecture Prize
Neben dem Schreiben und dem Malen, so sagt er heute, sei damals seine größte Stärke gewesen, „vor nichts Angst zu haben“. Tagsüber arbeitet er als Architekt, nachts ist er Schriftsteller. Dass er sich in der Folge nicht von der Architektur abwendet, liegt am Besuch der Einzelausstellung von Tang Hua, einem ehemaligen Studienkollegen, im Shanghai Art Museum. Er erfährt dort, dass es möglich ist, von der in der Volksrepublik vorgeschriebenen gesellschaftlichen Ästhetik abzuweichen, und seine Begeisterung für die Architektur erwacht aufs Neue. In der Folge baut er Kontakt zu Künstlern wie Luo Zhongli, He Duoling und dem Dichter Zhai Yongming auf und diskutiert mit ihnen über den Zweck und die Kraft von Architektur.Wie Wasser
So sind in den letzten Jahren unterschiedliche Projekte – von ganz kleinen bis riesig großen – entstanden. Schon das 2002 fertiggestellte Luyeyuan-Stein-Skulpturen-Kunstmuseum in Chengdu macht deutlich, wie sehr gebauter Raum für Liu ein menschengemachtes Kulturgut ist, das sich auf verschiedenen Ebenen mit seiner Umwelt verzahnt. Fußwege und Brücken umgeben den Bau, durchmessen ihn und führen immer wieder zu Überschneidungen zwischen Innen und Außen; mit gebäudehohen Einschnitten in den steinernen Wänden wird diese Verbindung durch Fensteröffnungen inszeniert. Die Natur wird nicht imitiert, sondern als Kultur deren Teil. Bemerkenswert deutlich sollte diese Haltung 2021 bei der Renovierung des Tianbao-Höhlenbezirks über den Klippen von Erlang in Luzhou werden.
Bis 2006 entsteht auf dem neuen Campus des Sichuan Fine Arts Institute die Design Fakultät von Chongqing. Die sieben Gebäude belegen nicht nur die Fähigkeit des Architekten, ein derartig großes Raumprogramm auch auf städtebaulicher Ebene organisieren zu können, sondern unterstreichen auch seinen Willen, die Geschichten des Ortes formalästhetisch und atmosphärisch fortzuschreiben. Neben den verwendeten Materialien Schiefer, Backstein und dem mitunter roh gezeigten Beton, sind es auch die unterschiedlichen Dachformen der Gebäude, die deutlich auf die industrielle Prägung der Region Bezug nehmen. Außentreppen und Wege verbinden die Bauten auf den unterschiedlichen Niveaus der großzügigen Terrassen und des Erdbodens. Zwischen und über diesen Terrassen entstehen flexibel nutzbare Räume für die unterschiedlichen Funktionen des Hochschulbetriebs.
Liu Jiakun Architects, Luyeyuan-Stein-Skulpturen-Kunstmuseum, Chengdu 2002, Foto: Bi Kejian/The Pritzker Architecture Prize
Liu Jiakun Architects, Luyeyuan-Stein-Skulpturen-Kunstmuseum, Chengdu 2002, Foto: Bi Kejian/The Pritzker Architecture Prize
Liu Jiakun Architects, Luyeyuan-Stein-Skulpturen-Kunstmuseum, Chengdu 2002, Foto: Bi Kejian/The Pritzker Architecture Prize
Liu Jiakun Architects, Luyeyuan-Stein-Skulpturen-Kunstmuseum, Chengdu 2002, Foto: Bi Kejian/The Pritzker Architecture Prize
Liu Jiakun Architects, Luyeyuan-Stein-Skulpturen-Kunstmuseum, Chengdu 2002, Foto: Bi Kejian/The Pritzker Architecture Prize
Liu Jiakun Architects, Luyeyuan-Stein-Skulpturen-Kunstmuseum, Chengdu 2002, Foto: Bi Kejian/The Pritzker Architecture Prize
Liu Jiakun Architects, Design Fakultät auf dem neuen Campus des Sichuan Fine Arts Institute, Chongqing 2006, Foto: Jiakun Architects/The Pritzker Architecture Prize
Liu Jiakun Architects, Design Fakultät auf dem neuen Campus des Sichuan Fine Arts Institute, Chongqing 2006, Foto: Jiakun Architects/The Pritzker Architecture Prize
Liu Jiakun Architects, Design Fakultät auf dem neuen Campus des Sichuan Fine Arts Institute, Chongqing 2006, Foto: Lv Hengzhong/The Pritzker Architecture Prize
Liu Jiakun Architects, Design Fakultät auf dem neuen Campus des Sichuan Fine Arts Institute, Chongqing 2006, Foto: Lv Hengzhong/The Pritzker Architecture Prize
Liu Jiakun Architects, Design Fakultät auf dem neuen Campus des Sichuan Fine Arts Institute, Chongqing 2006, Foto: Xu Lang/The Pritzker Architecture Prize
Liu Jiakun Architects, Design Fakultät auf dem neuen Campus des Sichuan Fine Arts Institute, Chongqing 2006, Foto: Xu Lang/The Pritzker Architecture Prize
Mini bis maxi
Film „West Village: A Megastructure, A Masterpiece“; The Pritzker Architecture Prize
In den Ausmaßen kaum größer und in den funktionalen Aneignungsmöglichkeiten kaum vielfältiger vorstellbar ist dagegen der „West Village“ genannte Superblock, den das Büro von Liu bis 2015 in Chengdu realisiert. Gebäude, Infrastruktur, Landschaft, öffentlicher Raum, Sportstätte und Naherholungsgebiet: In dieser Großstruktur wird all das eins. Geschäfte, Büros, kulturelle Einrichtungen und Multifunktionsräume umschließen einen öffentlichen Außenraum mit Gastronomie, Fußball- und Basketballplätzen und werden ihrerseits durch einen Rundweg verbunden, der sich über Rampen bis auf das Dach nach oben staffelt und als Laufstrecke inmitten der Stadt dient. Ein Haus, ja ein ganzes Quartier, für die Menschen.Schreiben, Recycling, Ortsbezug
Liu Jiakun Architects, Hu Huishan Memorial, Chengdu 2009, Foto: Iwan Baan/The Pritzker Architecture Prize
Liu Jiakun Architects, Hu Huishan Memorial, Chengdu 2009, Foto: Iwan Baan/The Pritzker Architecture Prize
Liu Jiakun Architects, Hu Huishan Memorial, Chengdu 2009, Foto: Jiakun Architects/The Pritzker Architecture Prize
Liu Jiakun Architects, Hu Huishan Memorial, Chengdu 2009, Foto: Jiakun Architects/The Pritzker Architecture Prize
Liu Jiakun Architects, Hu Huishan Memorial, Chengdu 2009, Foto: Jiakun Architects/The Pritzker Architecture Prize
Liu Jiakun Architects, Hu Huishan Memorial, Chengdu 2009, Foto: Jiakun Architects/The Pritzker Architecture Prize
Liu Jiakun Architects, Hu Huishan Memorial, Chengdu 2009, Foto: Bi Kejian/The Pritzker Architecture Prize
Liu Jiakun Architects, Hu Huishan Memorial, Chengdu 2009, Foto: Bi Kejian/The Pritzker Architecture Prize
Liu Jiakun Architects, West Village, Chengdu 2015, Foto: Qian Shen Photography/The Pritzker Architecture Prize
Liu Jiakun Architects, West Village, Chengdu 2015, Foto: Qian Shen Photography/The Pritzker Architecture Prize
Liu Jiakun Architects, West Village, Chengdu 2015, Foto: Arch-Exist/The Pritzker Architecture Prize
Liu Jiakun Architects, West Village, Chengdu 2015, Foto: Arch-Exist/The Pritzker Architecture Prize
Liu Jiakun Architects, West Village, Chengdu 2015, Foto: Arch-Exist/The Pritzker Architecture Prize
Liu Jiakun Architects, West Village, Chengdu 2015, Foto: Arch-Exist/The Pritzker Architecture Prize
Liu Jiakun Architects, West Village, Chengdu 2015, Foto: Jiakun Architects/The Pritzker Architecture Prize
Liu Jiakun Architects, West Village, Chengdu 2015, Foto: Jiakun Architects/The Pritzker Architecture Prize
Liu Jiakun Architects, West Village, Chengdu 2015, Foto: Chen Chen/The Pritzker Architecture Prize
Liu Jiakun Architects, West Village, Chengdu 2015, Foto: Chen Chen/The Pritzker Architecture Prize
Film „Materials as Memory“; The Pritzker Architecture Prize
Liu Jiakun, der – neben zahlreichen anderen nationalen und internationalen Preisen – im Jahr 2022 auch mit dem German Design Award geehrt wurde, ist derzeit Gastprofessor an der School of Architecture Central Academy of Fine Arts (Peking, China) und hat zuvor an der Cité de l'architecture et du patrimoine in Paris, dem MIT in Cambridge/USA, und der Royal Academy of Arts in London gelehrt. Er lebt und arbeitet weiterhin in Chengdu, der Stadt, in der er geboren wurde.Die Hinwendung zum Ort als architektonischem Ur-Element und zu den Geschichten, die wir mit ihm verbinden, würdigt nun auch die Jury des Pritzker-Preises: „Identität hat sowohl mit dem Individuum als auch mit dem kollektiven Gefühl der Zugehörigkeit zu einem Ort zu tun. Liu Jiakun greift die chinesische Tradition auf, ohne nostalgischen Ansatz oder Zweideutigkeit, sondern als Sprungbrett für Innovation“, heißt es in der Begründung des Preisgerichts. „Er schafft eine neue Architektur, die gleichzeitig ein historisches Dokument, ein Stück Infrastruktur, eine Landschaft und ein bemerkenswerter öffentlicher Raum ist.“
Liu Jiakun Architects, Renovierung des Tianbao-Höhlenbezirks, Luzhou 2021, Foto: Arch-Exist/The Pritzker Architecture Prize
Liu Jiakun Architects, Renovierung des Tianbao-Höhlenbezirks, Luzhou 2021, Foto: Arch-Exist/The Pritzker Architecture Prize
Liu Jiakun Architects, Renovierung des Tianbao-Höhlenbezirks, Luzhou 2021, Foto: Arch-Exist/The Pritzker Architecture Prize
Liu Jiakun Architects, Renovierung des Tianbao-Höhlenbezirks, Luzhou 2021, Foto: Arch-Exist/The Pritzker Architecture Prize
Liu Jiakun Architects, Shuijingfang-Museum, Chengdu 2013, Foto: Jiakun Architects/The Pritzker Architecture Prize
Liu Jiakun Architects, Shuijingfang-Museum, Chengdu 2013, Foto: Jiakun Architects/The Pritzker Architecture Prize
Liu Jiakun Architects, Shuijingfang-Museum, Chengdu 2013, Foto: Chin Hyosook/The Pritzker Architecture Prize
Liu Jiakun Architects, Shuijingfang-Museum, Chengdu 2013, Foto: Chin Hyosook/The Pritzker Architecture Prize
Liu Jiakun Architects, Shuijingfang-Museum, Chengdu 2013, Foto: Arch-Exist/The Pritzker Architecture Prize
Liu Jiakun Architects, Shuijingfang-Museum, Chengdu 2013, Foto: Arch-Exist/The Pritzker Architecture Prize