1992 wurden zum ersten Mal die Schelling Architekturpreise vergeben. Die Auszeichnungen, die im Oktober 2022 verliehen wurden, zeigen, wie groß das Potenzial von Planung und Architektur ist, zu einer besseren Welt beizutragen. Sie zeigen aber auch, dass dieses Potenzial noch viel viel besser genutzt werden muss.
Viel beachtete Publikation von Itohan Osayimwese, die den Verflechtungen von Kolonalismus und der modernen Architektur in Deutschland nachgeht. (Bild: University of Pittsburgh Press)
Viel beachtete Publikation von Itohan Osayimwese, die den Verflechtungen von Kolonalismus und der modernen Architektur in Deutschland nachgeht. (Bild: University of Pittsburgh Press)
2020 konnte, der Pandemie geschuldet, keine öffentliche Preisverleihung stattfinden; man holte die Würdigung der beiden Preisträgerinnen daher 2022 nach. Lina Ghotmeh, in Beitrut geboren, wo sie auch studierte, hat inzwischen ihre Zelte in Paris aufgeschlagen und nimmt von dort mit Entwürfen und Bauten Einfluss auf die Architekturdebatten. Sie versteht Architektur als Archäologie der Zukunft: Das, was ihnen widerfahren könnte, was sie bedeutend machen könnte, bestimmt die Gestalt, die Ghotmeh ihnen heute gibt. So gelingt es ihr, eine starke formale Präsenz mit einer intelligenten Mischung von Funktionen zu verbinden und dem eigenen Anspruch gerecht zu werden, „zu verstehen, dass man sich notwendigerweise immer in einem System von Beziehungen befindet.“ Den Theoriepreis 2020 erhielt die Architektur- und Stadthistorikerin Itohan Osayimwese, die sich mit der Entwicklung afrikanischer Architektur, der Bedeutung der Emigration für die Entwicklung und Wahrnehmung von Architektur und – vielbeachtet – mit dem Einfluss des Kolonialismus auf die deutsche Architektur von 1850 bis in die 1930er Jahre befasst.
Die Region, der Raum der Stadt
Paola Viganò. (Bild: Fabrizio Stipari)
Paola Viganò. (Bild: Fabrizio Stipari)
"Unité(s)" in Dijon, Sophie Delhay Architecte. (Bild: Bertrand Verney)
"Unité(s)" in Dijon, Sophie Delhay Architecte. (Bild: Bertrand Verney)
"Unité(s)" in Dijon, Sophie Delhay Architecte. Auf einem Raster aufbauend sind 40 Wohnungen entstanden. Die Grundidee: Ein zentraler Raum zwischen den Fassaden erhöht die Wohn- und minimiert die Erschließungsfläche. Auch Loggien und Terrassen sind aus der Idee des flexiblen Grundrissrasters entwickelt. (Bild: Bertrand Vernay)
"Unité(s)" in Dijon, Sophie Delhay Architecte. Auf einem Raster aufbauend sind 40 Wohnungen entstanden. Die Grundidee: Ein zentraler Raum zwischen den Fassaden erhöht die Wohn- und minimiert die Erschließungsfläche. Auch Loggien und Terrassen sind aus der Idee des flexiblen Grundrissrasters entwickelt. (Bild: Bertrand Vernay)
Sozialer Wohnungsbau, endlich zeitgemäß
Sophie Delhay (Bild: Sophie Delhay Architecte)
Es war am Ende diese kontinierlich weiterverfolgte und variierte Haltung, gerade im sozialen Wohnungsbau das gemeinschaftliche Wohnen zu forcieren, die die Jury dann am Abend bewogen hat, den Preis Delhay zuzuerkennen. „Ihre über Jahre hinweg entwickelte, systematische Entwurfsmethodik setzt erst einmal jeden Raum mit seinen möglichen Nutzungen in Beziehung, übersetzt diese in Diagramme und Zeichnungen und fragt erst dann nach der passenden Gestaltung“, so heißt es in der Laudatio. In Workshops mit den Bauträgern, deren Hausverwaltungen und Bauabteilungen überzeugt Delhay die Bauherrschaft, und entwickelt ihre Ideen dabei weiter. Zudem reagiert Delhay darauf, dass im sozialen Wohnungsbau die zukünftigen Nutzer:innen meist unbekannt sind, indem sie eigene, ältere Bauten besucht und die Bewohner:innen nach den Erfahrungen fragt, die sie mit dem Gebäude gemacht haben, um sie in neuen Bauten berücksichtigen zu können. Und auch in den neuen Bauten sorgen Schiebetüren, nutzungsoffene Raumkonzepte und verbindende Gemeinschaftsflächen für eine adaptionsfreundliche Struktur. Es lohnt sich, genauer hinzusehen.
Haus B von SummacumFemmer – errichtet mit einfachen Mitteln und mit einer anpassungsfähigen Struktur ausgestattet. (Bild: SummacumFemmer)
Haus B von SummacumFemmer – errichtet mit einfachen Mitteln und mit einer anpassungsfähigen Struktur ausgestattet. (Bild: SummacumFemmer)
La Borda im Südwesten Barcelonas, ein Projekt von LaCol, ist ein aus Holzmodulen gebautes Haus mit 38 Wohnungen und großzügigen Gemeinschaftsflächen. (Bild: Lluc Miralles)
La Borda im Südwesten Barcelonas, ein Projekt von LaCol, ist ein aus Holzmodulen gebautes Haus mit 38 Wohnungen und großzügigen Gemeinschaftsflächen. (Bild: Lluc Miralles)
Zur Internetseite der Schelling Architekturpreise >>>
Zu den Internetseiten der Preisträgerinnen und Nominierten
2022
Architekturpreis: Sophie Delhay Architecte >>>
Nominiert: LaCol Arquitectura Cooperativa >>>
Nominiert: SummacumFemmer >>>
Theoriepreis: Paola Viganò – Studio Paola Viganò >>>
2020
Architekturpreis: Lina Ghotmeh Architecture >>>
Theoriepreis: Ithohan Osayimwese >>>
Das ist es mir wert
- 1Paola Vigano: Typen, Prototypen und das Projekt Stadt. In: Andri Gerber, Regula Iseli, Stefan Kurath, Urs Primas: Morphologie von Stadtlandschaften. Gechichte, Analyse, Entwurf, Reimer Verlag, Berlin, 2022, S. 51–65, hier S: 58