Five Swords, 1976
541 x 670,6 x 883,9 cm.
dahinter: Alexander Calder:
Black Flag, 1974
713,7 x 602 x 523,2 cm.
(c: Calder Foundation, New York)
Also Mange frei für Alexander Calder, der 1898 als Sohn einer malenden Mutter und eines bildhauernden Vaters in Philadelphia geboren wurde. Den hundertsten Jahrestag von Calders Ankunft in Frankreich nimmt die Fondation Louis Vuitton zum Anlass für eine umfassende Werkschau unter dem Titel „Rêver en équilibre“. Wie wenigen Künstlern seines Jahrhunderts ist es Calder gelungen, ein vollkommen eingeständiges Werk zu schaffen, in dem er das Mobile (er)fand - aber auch das Stabile. Beide Begriffe gehen auf Marcel Duchamp zurück. Calder ist der Ahnherr der kinetischen Kunst, die er mit schwebender Leichtigkeit und organischen Formen in Bewegung und Gleichgewicht brachte. Staunend steht man vor den roten, blauen, gelben Blechen, die sich langsam drehen, die immer wieder neue Raumkonstellationen schaffen und dabei herrliche Schatten werfen. Eine Kunst, die sich der Schwerkraft zu widersetzen scheint (was sie natürlich nicht kann) und dabei zart wie im Vogelflug durch die Räume schwebt. Seine Werke sind kindlich frei und überbordend lustvoll und zugleich mit einem sicheren Gefühl für Form und Proportion gesetzt. Das zeigt sich bereits bei Calders famosen frühen Tierskizzen aus dem Zoo oder bei seinen Akrobatengruppen aus Draht, die mit der Perspektive spielen.
"Rêver en équilibre" – Installation von Alexander Calder (© 2026 Calder Foundation, New York / ADAGP, Paris; © Fondation Louis Vuitton / Marc Domage)
"Rêver en équilibre" – Installation von Alexander Calder (© 2026 Calder Foundation, New York / ADAGP, Paris; © Fondation Louis Vuitton / Marc Domage)
Weg zur Abstraktion
Zu den besonderen Qualitäten dieser im Wortsinn Jahrhundertausstellung auf vier Geschossen in der Fondation gehört es, dass sie nicht nur einen überwältigenden Eindruck des Reichtums von Calders Werk vermittelt. Sie sortiert sein Wirken auch auf anschauliche Weise in den Horizont seiner Epoche und seines künstlerischen Umfeldes ein. So sind neben Calders Werken auch Arbeiten von Piet Mondrian zu sehen sowie von Paul Klee und Joan Miró, zwei anderen großen Schöpfern abstrakter Bildträumen, die eine faszinierende Nähe zu Calders Werken aufweisen, aber auch von Pablo Picasso, Fernand Léger und Hans Arp.
Nach Hitlers Machtergreifung verließ Calder Frankreich und kehrte zunächst in die USA zurück. Im April 1937 war er im Vorfeld der Weltausstellung wieder in Paris. Zusammen mit Joan Miró besuchte er die Baustelle des Pavillons der Spanischen Republik, den Josep Lluís Sert und Luis Lacasa realisierten. In unmittelbarer Nachbarschaft zu Picassos Guernica schuf Calder dort den „Quecksilberbrunnen“ zu Ehren der Mine von Almadén, einer Hochburg des Arbeiterwiderstands, den er 1973 der Fundació Joan Miró schenkte, deren Entwurf wiederum von Sert stammt.
Bewegte Räume
rechts im Raum: Alexander Calder: Mobile "Le 31 Janvier", 1950. 385 x 575 cm. (im Bild: Achat de l'État / State purchase, 1950. Attribution, 1959. Centre Pompidou, Paris. Musée national d'art moderne / Centre de création industrielle)
rechts im Raum: Alexander Calder: Mobile "Le 31 Janvier", 1950. 385 x 575 cm. (im Bild: Achat de l'État / State purchase, 1950. Attribution, 1959. Centre Pompidou, Paris. Musée national d'art moderne / Centre de création industrielle)
Mobile Meditation
Ein bisschen müde von meiner begeisterten Wanderung durch die Ausstellung, habe ich mich an den Rand des Raumes gesetzt und dem großen Mobile zugeschaut. Es entfaltet sich in zwei Zweigen, der ein eher horizontal, der andere eher vertikal ausgerichtet. Dieser Dualismus setzt sich in der Farbigkeit fort. Die eine Seite der 22 organisch geformten Elemente ist weiß, die andere schwarz. Mal drehten sich alle weißen Seiten zu mir, mal waren es alle schwarzen und mal war es gemischt. Immer gleich aber blieb, dass das Mobile in Bewegung war. Mal schneller, mal langsamer reagierte es auf die Luftbewegungen der Umgebung. So entfaltete das kinetische Kunstwerk eine performative Kraft. Immer anders, aber mit den immer gleichen Formen. Wie lange ich dort gesessen habe? Ich weiß es nicht mehr, denn auf „Le 31 Janvier“ zu schauen, ist wie eine Meditation, bei der man den Formen folgt, den Überschneidungen, den Schatten und manchmal die Beobachter beobachtet. Dort ist Calders Kunst ganz bei sich und entfacht zugleich ein (Zusammen-) Spiel mit den Betrachtern. Nichts ist statisch, aber alles ist stabil in seiner Fragilität. Leicht und schwebend schafft es stetig neue Konstellationen und öffnet der Phantasie neue Räume.