Im Gebäude der ehemaligen, von Tadao Andō renovierten, Pariser Warenbörse zeigt die Pinault Collection die Arbeit „clinamen“ von Céleste Boursier-Mougenot. Nachdem zahlreiche Videos der Installation viral gegangen sind, hat sich David Kasparek selbst einen Eindruck verschafft. Der unterscheidet sich doch deutlich von dem, der im virtuellen Raum erweckt wird.
Zwischen 2017 und 2020 wurde die Beton-Rotunde nach Plänen des japanischen Architekten Tadao Andō in die alte Börse eingezogen (Bild: David Kasparek).
Zwischen 2017 und 2020 wurde die Beton-Rotunde nach Plänen des japanischen Architekten Tadao Andō in die alte Börse eingezogen (Bild: David Kasparek).
Raum für Kunst im Einklang mit der Architektur
Von meditativer Einkehr keine Spur: Céleste Boursier-Mougenots Installation „clinamen“ in der Pariser Bourse de Commerce (Bild: David Kasparek).
Von meditativer Einkehr keine Spur: Céleste Boursier-Mougenots Installation „clinamen“ in der Pariser Bourse de Commerce (Bild: David Kasparek).
Doch die Enttäuschung vor Ort in der Bourse de Commerce könnte kaum größer sein. Vom sanft-meditativen Klingen der aneinanderstoßenden Schalen keine Spur, von Kontemplation erst recht nicht. Ein Brausen erfüllt den Raum, das mit dem sprichwörtlichen Summen eines Bienenstocks nur unzureichend beschrieben ist. Vielmehr erinnert es an die Klangkulisse der Vollversammlung einer durchschnittlichen, weiterführenden Schule in der dafür freigemachten Dreifeldsporthalle irgendwo in Deutschland. Hunderte junge und zahlreiche ältere Menschen halten ihre Smartphones so, dass ihre Gesichter vor dem Bassin von der integrierten Kamera eingefangen werden, auch einige Profi-Influencer sind da. Gelangweilt routiniert spulen sie ihre bewährten Bewegungsabläufe ab, immer wieder korrigiert von der Freundin oder dem Freund hinter der Kamera, immer wieder ermahnt vom sichtlich genervten Personal, dem Beckenrand nicht zu nahe zu kommen.
Ungefähr so meditativ wie die Vollversammlung des Otto-Hahn-Gymnasiums in Herne
The Instagramable Place to be anno 2025: Die Pinault Collection im Herzen von Paris (Bild: David Kasparek).
The Instagramable Place to be anno 2025: Die Pinault Collection im Herzen von Paris (Bild: David Kasparek).
Dabei hätte die Arbeit die Ruhe, die die Videos suggerieren, durchaus verdient. Es ist eine theoretisch schöne Installation in einem praktisch schönen Raum. Doch im heutigen Kunstbetrieb ist es eben nicht vorgesehen, eine solche Arbeit nur wenigen Menschen – dafür gerne über einen längeren Zeitraum – zugänglich zu machen. Trotz der Tickets, die an Zeit-Slots gebunden sind, sind es schlicht zu viele Menschen, die diese gutgeölte Kulturmaschinerie durch die „multisensorische Installation“ spült. Obschon „clinamen“ von Céleste Boursier-Mougenot vorgaukelt, losgelöst von Alltag, Stress und Konsum zur Einkehr und zur Kontemplation anzuregen, ist sie systemisch bedingt doch bloß ein Teil von all dessen.
Ehe man also hier Gefahr läuft, unfreiwillig Teil des nächsten in Japan viral gehenden Videos einer Travel-Influencerin zu werden, ist die Zeit ungefähr an jedem anderen Ort der französischen Hauptstadt besser investiert. Ob ausgestattet mit dem Besten aus einer der vielen Patisserien an einem der schönen Plätze dieser immer grüner werdenden Stadt, oder in den Vororten auf den Spuren des viel zu früh verstorbenen DJ Mehdi: Beides ist wohltuender, spannender und ehrlicher. Oder man besucht einfach eine der vielen schönen Kirchen. Da ist es auch kühl. Und ruhig sowieso, gerade weil diese Räume – unfreiwillig gewissermaßen – eben nicht mehr Teil unseres Systems sind.