All dies zeigt, wie sehr der Diskurs darunter leidet, dass die Auseinandersetzung mit ungleichen Mitteln geführt wird: Den offiziellen und finanzierten Untersuchungen können sich andere nur mit ehrenamtlichem Engagement entgegenstellen, ohne dass diese Expertise angemessen berücksichtigt würde; in der Presse wird dieses Ungleichgewicht in der Regel noch reproduziert. Auch hierin liegt ein Grund dafür, dass sich der Abriss oftmals durchsetzt. Marlowes veröffentlicht deswegen an dieser Stelle die kritische Bewertung des offiziellen Abschlussberichts von Philipp Oswalt. Sie wurde verfasst für die Initiative Zukunft städtische Bühnen, die sich für den Erhalt der Doppelanlage einsetzt. red.
Oben: Im Master-Entwurf „Promenade Théâtrale“, erarbeitet Sofie Hoyer ein mögliches Szenario für die Zukunft der Städtischen Bühnen. Oben: Ansicht Westfassade.
Ursprünglich angestrebte Lösung "Kulturmeile". Die Oper sollte in einem Neubau mit einem Hochhaus an der Neuen Mainzer Straße untergebracht werden. (Bild: Stadt Frankfurt am Main, Kulturdezernat)
Ursprünglich angestrebte Lösung "Kulturmeile". Die Oper sollte in einem Neubau mit einem Hochhaus an der Neuen Mainzer Straße untergebracht werden. (Bild: Stadt Frankfurt am Main, Kulturdezernat)
Visualisierung des Oper-Neubaus mit Hochhaus an der Neuen Mainzer Straße (Bild: Stadt Frankfurt am Main, Kulturdezernat)
Visualisierung des Oper-Neubaus mit Hochhaus an der Neuen Mainzer Straße (Bild: Stadt Frankfurt am Main, Kulturdezernat)
Doch nicht nur die gegen die damalige Kritik verteidigten Schlussfolgerungen des zweiten Berichts erweisen sich mit dem dritten Bericht als obsolet. Stillschweigend werden nun auch wesentliche Kriterien des ersten Berichts verändert, der damals den Abrissbeschluss begründete. Die Themen Denkmalschutz und das Thema Graue Energie werden nun endlich behandelt und der Risikozuschlag für den Neubau von 10 auf 15 Prozent erhöht, wie schon 2020 von den Kritikern gefordert. Damit werden der damaligen Abrissentscheidung zentrale Argumente entzogen. Der neue Bericht hinterfragt aber weder die damalige Entscheidung, noch zieht er die Möglichkeit eines mit Neubau kombinierten Teilerhalts am jetzigen Standort in Betracht, obwohl dies in Hinsicht auf Ökologie, Nachhaltigkeit, Wirtschaftlichkeit und Denkmalschutz die naheliegendste Lösung wäre. Stattdessen propagiert er nun die Spiegelvariante mit Argumenten, die sich bei genauer Betrachtung als haltlos erweisen. Die mit ihren umfangreichen Detailinformationen sachlich erscheinende Darstellung ist erneut tendenziös, färbt die präferierte Variante schön und stellt die verbliebene alternative Option der Doppelanlage am jetzigen Standort gezielt schlecht da. Das zeigt sich schon an der unpausiblen Behauptung, dass die Spiegelvariante mit ihrem deutlich größeren Raumprogramm am Standort (da keine Auslagerungen in ein externes Produktionszentrum und keine Synergie einer Doppelanlage) zu 1.200 Quuadratmetern mehr Grünfläche führen soll (S. 25f.).
Eingriff ins grüne Denkmal
Spiegellösung: Oper und Schauspiel werden in Neubauten beiderseits des Willy-Brand-Platzes untergebracht. Der Neubau des Schauspiels ist in den geschützten Wallanlagen projektiert. (© Stadt Frankfurt/ Claus Graubner)
Spiegellösung: Oper und Schauspiel werden in Neubauten beiderseits des Willy-Brand-Platzes untergebracht. Der Neubau des Schauspiels ist in den geschützten Wallanlagen projektiert. (© Stadt Frankfurt/ Claus Graubner)
Nur wenige Sätze sind der Frage gewidmet, dass für die Spiegellösung die Aufstellung eine neuen Bebauungsplan erforderlich ist (S. 48). Doch dies ist keine Petitesse. Erste Reaktionen lassen erkennen, dass mit erheblichem Widerstand aus der Stadtgesellschaft gegen den propagierten Eingriff in die Wallanlage zu rechnen ist. Ein Bebauungsplanverfahren erfordert eine Bürgerbeteiligung und eröffnet Klagemöglichkeiten, von denen anzunehmen ist, dass diese von Vertretern des Natur-, Klima- und Denkmalschutzes wahrgenommen werden.
Versäumnisse und Suggestionen
Entwurf für einen Umbau der bestehenden Anlage unter weitgehender Erhaltung des Bestands. Masterarbeit von Sofie Hoyer von 2018. Blick in die Passage. Weitere Information zum Entwurf >>>
Entwurf für einen Umbau der bestehenden Anlage unter weitgehender Erhaltung des Bestands. Masterarbeit von Sofie Hoyer von 2018. Blick in die Passage. Weitere Information zum Entwurf >>>
Der Bericht legt es mit einer Vielzahl von Formulierungen darauf an, das Denkmal schlecht und klein zu reden. Das Kunstwerk von Zoltan Kemeny wird flapsig „Blechwolken“ genannt (S. 57), die „unter Aufsicht des Künstlers gefertigt und aufgehängt“ worden seien (S.40). Es wird nicht als das, was es ist – eine ortsspezifische Raumskulptur – wertgeschätzt, sondern wie ein serieller dekorativer Innenraumschmuck beschrieben, der „auch überall anders neu aufgehängt werden“ (S. 40) und nach Belieben in anderen Bauten und Räumen zum Einsatz kommen könne.
Außenansicht Foyer im Entwurf von Sofie Hoyer.
Außenansicht Foyer im Entwurf von Sofie Hoyer.
Mit dem Zweiten Bericht von Herbst 2021 wurde das zuvor aufwändig entwickelte Konzept sang- und klanglos beerdigt (dort S. 42/ 43) und nicht mehr weiterverfolgt. Nun wird die Nichtbearbeitung dieser Frage der Variante „Doppelanlage“ als Malus zugerechnet, weil vor deren Bau überhaupt erst eine Standortsuche erfolgen müsse (S. 33). Dies ist umso bitterer, da dies, wie auch die ebenfalls erforderliche, aber unterbliebene Klärung von Interimsspielstätten, zeitlich zu allererst erfolgen müsste. Es hilft nichts, trotz des dreijährigen Stillstands ist die umgehende Realisierung eines Produktionszentrums geboten und auch die einzige mögliche Maßnahme, um die Arbeitsbedingungen für eine Vielzahl der Mitarbeiter der städtischen Bühnen bald grundlegend zu verbessern und die Fortsetzung des Spielbetriebs zu sichern. Sie bietet auch den Vorteil, an einem zweiten, nicht so zentralen Standort mit Werkstattarbeit und gegebenenfalls Probebühnen einen kulturellen Impuls zu setzen und sich so in anderer Weise der Stadtgesellschaft zu öffnen, was auch Potenzial für Kooperationen und Synergien mit anderen kulturellen Aktivtäten bietet.
Interimsfrage ungelöst
Blick von oben in die neue Passage, die auch noch erhaltenen Teile des ersten Theaters von 1902 wieder sichtbar macht. (Bild: Sofie Hoyer)
Blick von oben in die neue Passage, die auch noch erhaltenen Teile des ersten Theaters von 1902 wieder sichtbar macht. (Bild: Sofie Hoyer)
Das Vorgehen ist bizarr: Mit großer Akribie widmet sich die unterstellte Stabstelle des Kulturdezernats (und nicht etwa des Amtes für Bau und Immobilien) den baulichen Details von „über 60 neuen Bewertungskriterien“ (S. 10), von denen zahlreiche gar nicht entscheidungsrelevant sind, wie der Bericht auch immer wieder einräumt. Während hier vieles längst überuntersucht und von geringem Erkenntnisgewinn ist, ist anderes Entscheidungsrelevantes unterbelichtet bzw. gar nicht betrachtet. Dies gilt nicht nur für die Fragen Interim und Produktionszentrum, sondern vor allem für Fragen der kulturellen Konzeption. Weder gibt es eine ernsthafte Befassung mit der Zukunft des Stadttheaters, noch wurde etwa der Frage nach gegangen, ob Synergien gefunden werden können mit den parallelen Planungen für den Neubau der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Verbindung mit einem Zentrum der Künste, gewünschten Produktionsorten der freien Szene oder dem English Theatre. Hier wäre das Kulturamt in seiner Kernkompetenz gefragt, aber schweigt sich aus. Auch dies muss nun unverzüglich nachgeholt werden.
Aus der kritischen Lektüre der drei Berichten der Stabsstelle ergibt sich eine klare Handlungsperspektive: Parallel zum Bau des Produktionszentrums sollte die Stadt zeitnah für die Doppelanlage am Willy-Brandt-Platz einen ergebnisoffenen Architekturwettbewerb ausloben, der es den Teilnehmer überlässt, gemäß der von ihnen entwickelten Konzeption zu entscheiden, welche Teile des Bestands sie abreißen und durch Neubau ersetzen und welche Teile sie sanieren und um- und weiterbauen wollen.
Ältere Beiträge auf Marlowes zum Thema:
– Open Space statt Signature, 24. Juni 2019 >>>