Walter Segal auf der Baustelle in Lewisham. (Bild: Archiv John Segal)
Walter Segal auf der Baustelle in Lewisham. (Bild: Archiv John Segal)
Sein Vater, Arthur Segal (1875-1944), war ein expressionistischer Berliner Maler rumänisch-jüdischer Herkunft und DADA-Mitbegründer in Zürich. In künstlerischen Kreisen in Berlin und der Schweiz aufgewachsen (zum Bekannten- und Freundeskreis seines Vaters gehörten Hans Arp, Walter Gropius, Hugo Häring, Raoul Hausmann, Ludwig Hilberseimer, Erich Mendelsohn, Mies van der Rohe, Kurt Schwitters), entwickelte Walter Segal früh einen kritischen Abstand zu namhaften Figuren der Kunst- und Architekturszene. Als Architekt mit Bruno Taut und Julius Posener befreundet, mit Walter Gropius, Erich Mendelsohn und Sir Raymond Unwin bekannt, bewahrte Walter Segal diesen kritischen Abstand zeitlebens.
Entwurf für Patio-Häuser, um 1942. (Bild: Archiv John Segal)
Entwurf für Patio-Häuser, um 1942. (Bild: Archiv John Segal)
Selbstbau mit Methode
Deutet die Erscheinungsform späterer Gebäude bereits an: das noch vergleichsweise konventionell errichtete Apartmenthaus in Knightsbridge, London, 1957. (Bild: Dan Teodorovici)
Deutet die Erscheinungsform späterer Gebäude bereits an: das noch vergleichsweise konventionell errichtete Apartmenthaus in Knightsbridge, London, 1957. (Bild: Dan Teodorovici)
Diese leicht verständliche Methode erlaubte es auch Laien, das eigene Wohnhaus mit herkömmlichen Werkzeugen und standardisierten Materialien aus dem Baumarkt (Holzbalken, Holzbretter, Holzwolleplatten, Faserzementpaneele, Gipskartonplatten, Nägel, Bitumendachpappen, Stahlschuhe, Stahlstäbe zur diagonalen Aussteifung der Holzrahmen) weitgehend preiswert zu errichten.
Das einfache konstruktives Prinzip ist die Basis der Selbstbau-Methode. (Bild: Taran Wilkhu)
Das einfache konstruktives Prinzip ist die Basis der Selbstbau-Methode. (Bild: Taran Wilkhu)
Kurz, eine bewegliche Methode, die ausgeklügelte innenräumliche Details und Erweiterungen ebenso zulässt wie sie Balkone, Loggien, Terrassen, Treppen oder Rampen mühelos integriert. Die Erscheinungsform: Eine patina-freudige minimalistische Architektur, die an die Anmut traditioneller japanischer Holzbauten erinnert (Bruno Tauts Liebe für die traditionelle japanische Architektur mag Segal angeregt haben) – und auch an die aristotelische Auffassung der Architektur als pragmatische Kunst
Die Wohnhäuser in Segal Close und Walter´s Way erscheinen mit Gusto in die Landschaft eingebettet, oder, besser, sie gehen eine heitere Symbiose ein mit den inzwischen üppigen Bäumen und Gewächsen, die sie umgeben. Die Aufnahmen von Taran Wilkhu, zu bewundern im Buch "Walters´ Way" (2017) , fangen diese heitere Atmosphäre kongenial ein. Innen- und Außenräume sind gleichermaßen durchtränkt von dieser farbenfrohen, behaglichen, springlebendigen Atmosphäre. Vielleicht auch ein Echo der Persönlichkeit Walter Segals: Er galt als begnadeter Erzähler voller Energie, mit einer bemerkenswert dichten Präsenz und zugleich mit der Gabe ausgestattet, den Menschen in seiner Umgebung das Gefühl zu vermitteln, willkommen zu sein.
Selbstbau in der Lehre
Dieses Projekt inspirierte das Team des IBK 1 mit den Professoren Peter Sulzer und Peter Hübner und dem Dozenten Manfred Goss dazu, mit Studenten ein dauerhaftes Gebäude auf dem Campus Vaihingen zu planen. Das Ergebnis: das Bauhäusle, ein heute noch beliebtes Wohnheim für 30 Studenten, 1983 eingeweiht.
Segals Vermächtnis
Ästethisch und möglicherweise konstruktiv an japanischer Architektur orientiert. Häuser in Walter's Way. (Bild: Taran Wilkhu)
Ästethisch und möglicherweise konstruktiv an japanischer Architektur orientiert. Häuser in Walter's Way. (Bild: Taran Wilkhu)
Doch zwei Aspekte bleiben. Zuerst das Konzept des gemeinschaftlichen Bauens, das seit einigen Jahren eine Wiedergeburt erlebt, fortgeführt, verfeinert und an heutige Gegebenheiten angepasst. Jon Broome, Segals früherer Mitarbeiter an den zwei Siedlungen in Lewisham, entwickelt Segals Erbe weiter ; Peter Hübner ließ sich ebenfalls von Segal inspirieren und Andreas Hofer, künstlerischer Intendant der IBA Region Stuttgart 2027, prägt mit Projekten wie "Mehr als Wohnen“ das gemeinschaftliche Bauen heute.
Der zweite Aspekt gilt dem Selbstbau – ursprünglich ein Kennzeichen des vernakulären Bauens weltweit: in ihrer jeweils eigenen Region sind Bauern seit alters her die besten Erbauer ihrer Dörfer und Häuser gewesen. Vielmehr, sie waren es, jedenfalls gilt das für weite Teile Europas, vor allem Mittel- und Westeuropas.
Detail der Wohnanlage Segals Close und Walters Way (Bild: Taran Wilkhu)
Detail der Wohnanlage Segals Close und Walters Way (Bild: Taran Wilkhu)
Mit seinem Ansatz aktualisiert Segal nun das Konzept des Selbstbaus, er holt es in die Gegenwart, haucht ihm neuen Lebensatem ein – und ermöglicht es seinen Bauherren, nicht allein selbst zu bauen, sondern gleichzeitig an sich selbst zu arbeiten, sich selbst zu erbauen. Bauherren wussten dies auch zu schätzen: "Er lehrte uns, selbst zu denken, und gab uns soviel Selbstvertrauen, dass wir, nachdem unsere Häuser fertig waren, das Gefühl hatten, dass wir alles tun könnten, wonach uns der Kopf stände – er änderte buchstäblich unser Leben.“ Ganz im Sinne von Paul Valérys "Eupalinos oder Der Architekt", dem imaginären Dialog zwischen Sokrates und dem Baukünstler Eupalinos, der Walter Segal besonders am Herzen lag. Dort lässt Valéry Eupalinos Sokrates entgegnen: "Indem ich baute, warf er lächelnd hinzu, habe ich mich, glaube ich, selbst erbaut ...“
Ausstellungen über Walter Segal
Das ist es mir wert
- 1Günther Anders, Ketzereien. München: C.H. Beck, 1991, S. 15 (2) John McKean, Learning from Segal. Von Segal lernen. Basel / Boston / Berlin: Birkhäuser, 1989, S. 119 (3) Vgl. Wulf Herzogenrath, Wulf / Paul Liška (Hg.), Arthur Segal 1875-1944. Berlin: Argon, 1987 (4) Vgl. The Architects’ Journal (AJ): Special Issue: The Segal Method. Themenheft, London 5. November 1986, S. 31-68 (5) Vgl. Aristoteles, Die Nikomachische Ethik. Übersetzung und Nachwort von Franz Dirlmeier. Stuttgart: Philipp Reclam jun., 2006, Buch IV, S. 157–158 (6) Alice Grahame / Taran Wilkhu, Celebrating Segal: Walters Way & Segal Close. A look at London’s most unusual streets. Forest Hill Press: London, 2016. 2. Auflage: Park Books, Zürich, 2017 Siehe auch die Rezension von Christian Holl >>>(7) Peter Sulzer / Lehrstuhl I für Baukonstruktion und Entwerfen, Universität Stuttgart (Hg.), Selbstbau als Lehrform. Studenten planen und bauen ein Haus. Schriftenreihe Baukonstruktion, Heft 19. Lehrstuhl I für Baukonstruktion und Entwerfen, Universität Stuttgart: Stuttgart 1981 (8) Zum Bauhäusle siehe: Manfred Sack, Mit dem Kopf und mit den Händen. Ein Praktikum mit sehr praktischen Folgen: Studentenwohnungen als Lehrgegenstand. In: DIE ZEIT, 24. Juni 1983 Alice Grahame, 'A playground for grown up kids': inside the student housing built by its residents. In: The Guardian, London, Online-Ausgabe, 26. November 2018(9) Jon Broome, The Green Self-Build Book. How to design and build your own eco-home. Cambridge: Green Books, 2014 (1. Auflage 2007) (10) Peter Hübner, Holzleichtbau – gebaute Geschichten aus schlanken Hölzern als eine Anleitung zum Bauenlernen. Mit einem Beitrag von Manfred Goss. Schriftenreihe Baukonstruktion, Heft 23. Lehrstuhl I für Baukonstruktion und Entwerfen, Universität Stuttgart: Stuttgart 1990; Peter Blundell Jones, Peter Hübner. Bauen als ein sozialer Prozess. Stuttgart / London: Edition Axel Menges, 2007 (11) McKean op. cit., S. 177 (12) Paul Valéry, Eupalinos oder Der Architekt. Frankfurt am Main / Leipzig: Suhrkamp, 1991, S. 55