Der erste Versuch: korrekt, ambitioniert
Die Preisträger zum Wettbewerb 2012, von links: 1. Preis, M + M, Marc Weis, Martin de Mattia, München; Annabau Architektur und Landschaft, Sofia Petersson und Moritz Schloten, Berlin 2. Preis: realities: united, Studio for art and architecture, Jan Edler und Tim Edler, Berlin mit Schlaich Bergermann und Partner Beratende Ingenieure, Berlin; Prozessagenten Susanne Jaschko, Berlin und Belgrad Creative 3. Preis: 'Herbstgarten'' von Anna Dilengite, Tina Bara, Alba d’Urbano, Leipzig
Die Preisträger zum Wettbewerb 2012, von links: 1. Preis, M + M, Marc Weis, Martin de Mattia, München; Annabau Architektur und Landschaft, Sofia Petersson und Moritz Schloten, Berlin 2. Preis: realities: united, Studio for art and architecture, Jan Edler und Tim Edler, Berlin mit Schlaich Bergermann und Partner Beratende Ingenieure, Berlin; Prozessagenten Susanne Jaschko, Berlin und Belgrad Creative 3. Preis: 'Herbstgarten'' von Anna Dilengite, Tina Bara, Alba d’Urbano, Leipzig
Nationales Einheits- und Freiheitsdenkmal in Berlin, überarbeiteter Entwurf Stand Herbst 2014: Nachtansicht vom Schinkelplatz aus betrachtet. (© Milla & Partner)
Nationales Einheits- und Freiheitsdenkmal in Berlin, überarbeiteter Entwurf Stand Herbst 2014: Nachtansicht vom Schinkelplatz aus betrachtet. (© Milla & Partner)
Denn die Stadt Leipzig fasste später zusammen: «Der erste Verfahrensversuch wurde im Jahr 2014 ohne Ergebnis geschlossen. Mit großer Mehrheit folgte die Ratsversammlung am 16. Juli 2014 einem Vorschlag von CDU, SPD und Bündnis 90/Die Grünen, das Wettbewerbsverfahren zu beenden.»1 Zur Begründung hieß es in einer Pressemeldung vom 16.7.2014: "Das laufende Verfahren wird beendet, zugleich aber ist die Verwaltung beauftragt ein neues Verfahren vorzulegen, in dessen Ergebnis die Friedliche Revolution vom Herbst 1989 angemessen gewürdigt werden kann. Zentraler Punkt soll künftig eine breite und umfassende Bürgerbeteiligung sein. Nur so könne über "Gestalt und Verfahren für eine angemessene Würdigung der Friedlichen Revolution im öffentlichen Raum entschieden" werden, heißt es in dem Antrag. Oberbürgermeister Burkhard Jung sagte: 'Diese Atempause wird gut tun.' Zugleich haben die Stadträte ihren früheren Beschluss zum Ort des Denkmals aufgehoben: Eine künftige Erinnerung an den Herbst 1989 muss nun nicht mehr auf dem Wilhelm-Leuschner-Platz realisiert werden."2
Nicht JurorInnen, sondern "die Leipziger" haben das letzte Wort?
Der Wilhelm-Leuschner-Platz – zuvor "Königsplatz" – in seiner ovalen Version, um 1920, mit "historischen" Raumkanten (Bild: Wikipedia free)
Der Wilhelm-Leuschner-Platz – zuvor "Königsplatz" – in seiner ovalen Version, um 1920, mit "historischen" Raumkanten (Bild: Wikipedia free)
Dem Stadtforum hätte man nun sagen können: Lasst es gut sein, wenn ihr sowieso kein Denkmal braucht. Und was meint das Stadtforum mit "würdiger Form"? Am ersten Verfahren ist in der Sache nichts zu bemängeln. Aber das Stadtforum argumentierte: "Wir [das Stadtforum, Anm. der Autorin] hoffen, dass die Bundesregierung und der Freistaat Sachsen eine solche Willensäußerung für einen neuen Wettbewerb aus der Leipziger Bevölkerung akzeptieren." Die Bedeutung eines nationalen Denkmals wurde hier auf die Befindlichkeit "der Leipziger Bevölkerung" reduziert. Das Ergebnis eines korrekten Verfahrens wurde von "den Leipzigern", die am Vorfeld sehr wohl beteiligt waren, beiseite geschoben.
Der zweite Versuch: bemüht
Das Wettbewerbsgebiet; http://www.wettbewerb-freiheits-und-einheitsdenkmal-leipzig.de/projects…
Das Wettbewerbsgebiet; http://www.wettbewerb-freiheits-und-einheitsdenkmal-leipzig.de/projects…
Der Stadtrat schloss sich an, es folgte ein "Denkmal-Dialog", der neue Wettbewerb wurde vorbereitet, eine DenkmalWerkstatt im Hansahaus eingerichtet. Im Juni wurde der zweite Wettbewerb unter zuvor 12 von einer Findungskommission ausgewählten Teilnehmern und 24 zusätzlich möglichen Bewerbern ausgelobt – 32 Beiträge gab es schließlich zu bewerten, die von KünstlerInnen auch internationalen Rangs erarbeitet worden sind. Und nun ist er entschieden.
Der preisgekrönte Entwurf des Ateliers Loidl für den Wilhelm-Leuschner-Platz; (C Atelier Loidl)
Der preisgekrönte Entwurf des Ateliers Loidl für den Wilhelm-Leuschner-Platz; (C Atelier Loidl)
Am Platz – wenn man denn von einem solchen schon reden will – sind bekannte Bauten, aber bislang keine Raum bildenden Bebauungen zu finden – siehe unser Einstiegsfoto. Max Dudlers S-Bahn-Station, einiger Bestand und die Trinitatiskirche von Schulz und Schulz sind gut und schön – aber was dazwischen platzgestaltend entsteht, lässt keine räumliche Klarheit ahnen. Am alten wie neuen Wettbewerbsstandort Wilhelm-Leuschner-Platz wird viel Neues entstehen, das nicht explizit aufeinander bezogen ist – aber so ist Stadtplanung heute. Unwägbarkeiten wie bürgerlicher Unmut, Investorenpleiten, Arbeitsmarktentwicklung oder Gesinnungswechsel, wahlbedingter Wechsel im politischen Personal, Verteuerungen aller Art und vieles mehr gehen vielerorts zulasten einer konsistenten, zeitlich zuverlässigen Planung früherer Zeiten. So darf man sich im Blick auf das Wettbewerbsgebiet auch nicht über die Vokabel "Möglichkeitsraum" wundern. Die gewünschte "Verzahnung" war für den Denkmalwettbewerb also schwierig und teils fiktiv.
Das Ergebnis: dürftig
von links: 1. Preis: ZILA Architekt.innen, Architekten, Leipzig, mit Bea Meyer, Künstlerin, Leipzig und Michael Grzesiak, Architekt, Leipzig; 2. Preis: Richter Musikowski Architekten, Berlin, mit Grieger Harzer Dvorak | Landschaftsarchitekten, Berlin, und Anna Talens, Künstlerin, Berlin; 3. Preis: Thomas Moecker, Künstler, Leipzig, mit Werner Klotz, Künstler, Berlin, und Anna Dilengite, Architektin, Leipzig; (© Hansjoachim Wuthenow)
von links: 1. Preis: ZILA Architekt.innen, Architekten, Leipzig, mit Bea Meyer, Künstlerin, Leipzig und Michael Grzesiak, Architekt, Leipzig; 2. Preis: Richter Musikowski Architekten, Berlin, mit Grieger Harzer Dvorak | Landschaftsarchitekten, Berlin, und Anna Talens, Künstlerin, Berlin; 3. Preis: Thomas Moecker, Künstler, Leipzig, mit Werner Klotz, Künstler, Berlin, und Anna Dilengite, Architektin, Leipzig; (© Hansjoachim Wuthenow)
Ist das so? Banner, Fahnen und Transparente sind motivisch im Entwurf wenig abstrakt aufgenommen; Aneignung und Partizipation könnten bedeuten, dass Menschen eingeladen sind, die Teile eigenmächtig zu gestalten. So ist es aber nicht gedacht. Wäre aber auch nicht schlimm, denn bürgerlicher Eigensinn und Vandalismus werden das Ihre tun. Das alles gehört zur Stadt der Gegenwart dazu – Leipzig hat nach der Wende gleichwohl stadtplanerisch Gutes erfahren.
Viele Fragen zur "Freiheit"
Denn Kunst, auch oder sogar gerade die im öffentlichen Raum, muss keineswegs auf Anhieb verständlich sein. Werke von Otto Herbert Hajek, Richard Serra, Joseph Beuys; Mischa Kuball, Flaka Haliti, Jochen Gerz und vielen, vielen anderen stehen im öffentlichen Raum, sind von einem künstlerischen Rang, der zeittypischem Geschmack und Volkes Stimme schlichtweg voraus war oder ist. Wenn wir einmal mehr die Architektur bemühen wollen: Der Eiffelturm avancierte vom Scheusal zum weltweit bekannten Sehnsuchtssymbol.
Den jetzigen Siegerentwurf finde ich durchaus schlicht und recht belanglos in der Aussage. Da werden fünfzig starre, weiß gestrichene "Plakate" aus Edelstahl ohne Inhalt an durchaus überlegten Stellen auf den Platz gestellt – alle Passanten werden schon wissen, was gemeint ist. Gewiss unmissverständlich kommt die semiotische Aussage daher, aber eben auch ohne jede Komplexität, Mehrdeutigkeit oder doch Interpretationsspielräume. Darin zeigt sich eine befremdende Harmlosigkeit, die eingedenk der heute deutlich schwieriger gewordenen Denkmalaufgabe "Freiheits- und Einheitsdenkmal" zu korrigieren wichtig wäre.
Die "Atempause" nach dem ersten Wettbewerb hat den gleich gebliebenen Standort beschert, die Leipziger Bürgerschaft zur Causa zwischenzeitlich befriedet – aber ein intensive, gegenwartsgemäße Auseinandersetzung mit den zeitgeschichtlichen Ereignissen zu 1989 innerhalb der letzten zwölf Jahre erkenne ich nicht. Gerade diese hätte man erwarten dürfen, auch wenn sie leider nicht explizit eingefordert war.
Im "freitag" wurde beklagt: "Der Wendezeit in ihrer Komplexität zwischen anfänglicher Euphorie, zunehmender Skepsis und biografischen Brüchen ein Denkmal zu setzen, das leisten beide Entwürfe [Berliner und Leipziger Denkmal, Anm. der Autorin] nicht. Konsequent wäre die Trennung in ein Freiheitsdenkmal in Leipzig und ein Einheitsdenkmal in Berlin gewesen. Beide hätten dann die Chance gehabt, Ambivalenzen deutlicher zu fassen."8 Dergleichen wäre auch ein Aufgabenteil der KünstlerInnen gewesen, wenn sie denn die Freiheit dazu gehabt hätten. Die sie sich auch hätten nehmen können. Und wenn "die" Leipziger dies nicht begriffen hätten: Nicht auf Anhieb erkennbare Bedeutungen gehören zu jedem ambitionierten Kunstwerk dazu. Lokale Denkmale haben die Leipziger ja nach eigener Aussage genug.
Einheit?
So wird das nationale Denkmalkunstwerk provinzialisiert: Für die Leipziger Stadtgesellschaft und ihre Gäste "verständlich" soll es sein. Dass diese Klientel auseinander dividiert wird, deutet auf ein Selbstverständnis im Sinne von "Wir" und "die anderen". Und dann hilft es auch nicht, wenn für die Wettbewerbsausstellung eine "Westreise" geplant ist, genauer: nach Frankfurt am Main, Karlsruhe, Nürnberg, Hannover und Bonn.
Freiheit ist immer auch: Freiheit der Kunst
Was also bleibt inhaltlich vom "Freiheits- und Einheitsdenkmal"? Ein verklärender Rückblick? Eine Bestandsaufnahme zu Enttäuschungen? Dazu hätten KünstlerInnen sich aus unserer Gegenwart heraus auf die Suche machen können.
Und auch wenn es politisch unkorrekt sein mag: Die "Bevölkerung" – im Osten, im Westen, im Süden und im Norden – verfügt nicht über künstlerischen Sachverstand – wie sollte sie? Sie hat es nicht gelernt, was keinerlei Vorwurf ist. Die "Bevölkerung" kann sich auch nicht in die Verfahrensentwicklung von geringinvasiven Operationstechniken einmischen. Ärgerlich ist also vielmehr, wenn in einem Denkmalkunst-Wettbewerb künstlerischer Sachverstand entscheidet und durch vermeintlich demokratische Willensbildung ersetzt wird – auch, wenn der Wettbewerb außerordentlich ernsthaft und aufwändig über viele Jahre hinweg von BürgerInnen begleitet worden ist. Man muss nicht Adornos Kunstverständnis des "Rätselhaften" bemühen, um einzufordern, dass Kunst nicht als Dienstleistung für eine Bevölkerung degradiert werden darf, die ihrer selbst nicht sicher sein kann. Für die Kunsttheorie relevant: Gibt es eine Zensur durch einen vermeintlichen, vielfältig beeinflussten "Bürgerwillen"? Bürgerbeteiligung "im Nachhinein" soll maßgeblich sein?
Es wird auch argumentiert, es gehe hier ja um Steuergelder. Mit denen die Kunst im öffentlichen Raum finanziert werde. Jedes öffentliche Museum wird mit Steuergeldern finanziert. Aber fragt man die Bürgerschaft, ob eine öffentliche Sammlung mit einem Tizian oder einem Rembrandt erweitert werden möge? Derzeit ist es, zum Glück, kunstwissenschaftliche Kompetenz, die das entscheidet. Die Aufgaben freier Kunst sind nicht in Museen oder gar private Räume zu verbannen. Sie gehören in den öffentlichen Raum.
Das ist es mir wert
- 1https://www.leipzig.de/buergerservice-und-verwaltung/unsere-stadt/leipziger-freiheits-und-einheitsdenkmal/der-denkmalprozess-bis-2014. Auf dieser Website ist das gesamte Verfahren ausführlich dokumentiert.
- 2https://www.leipzig.de/newsarchiv/news/stadtrat-beendet-denkmals-wettbewerb
- 3https://www.stadtforum-leipzig.de/projekte/freiheits-und-einheitsdenkmal/
- 4Das konservative Stadtforum Leipzig "wünscht und fordert die Aufnahme der historischen Baufluchten auf dem Plangebiet. Das heißt: die Wiederherstellung des Platzes in Form des alten Königsplatzes und die Bebauung zwischen Wilhelm-Leuschner-Platz (Königsplatz) und Markthallenstraße sowie auf den drei geplanten Flächen im östlichen Bereich." (https://www.stadtforum-leipzig.de/projekte/wilhelm-leuschner-platz/)
- 5https://www.stiftung-fr.de/portfolio/freiheits-und-einheitsdenkmal/
- 6https://www.baunetz.de/meldungen/Meldungen-Atelier_Loidl_gewinnt_in_Leipzig_8572871.html
- 7https://freiheitsdenkmal-leipzig.de/wp-content/uploads/2024/10/PM_Siegerentwurf_PK_02_10_f.pdf
- 8Sarah Alberti: Den Mutigen ein Zeichen. In: der freitag, 8.10.2024
- 9https://freiheitsdenkmal-leipzig.de/wp-content/uploads/2024/10/PM_Siegerentwurf_PK_02_10_f.pdf
- 10Tim Großmüller, "Stabile Bürger Neubrandenburg", zit. nach: Süddeutsche Zeitung, 18.10.2024