Das Referenzieren hat wieder Konjunktur – oder besser gesagt, offenzulegen, wie unterschiedliche Referenzen in den Entwurfsprozessen moderner Architektur verarbeitet werden. Die Medien spielen dabei von je her eine Rolle – und auch die Strategien bei der Verwendung von Referenzen variieren, früher wie heute.
Mit der weitreichenden Pluralisierung von Stilformen und der Globalisierung der modernen Architekturproduktion ist es populärer denn je, sich zu Vorbildern, Bezugsbildern oder Abbildern des Entwerfens zu bekennen. Weiter befördert wird das durch das Übermaß an Bildern, die in digitaler Form und über das Netz in der Welt sind. Der Schweizer Architekturhistoriker Martin Steinmann gibt in einem Gespräch über eben diese „Pinterest-isation“ 1, die webbasierte Bildersammelei, zwei Gründe für die Verarbeitung von Referenzen an: Einerseits sei das „Aufnehmen von Bildern, die eine bestimmte Bedeutung evozieren“ eine Arbeitspraktik, andererseits sei es ein „Aufschneiden damit, was man alles kennt“. So verkehrt sich der einstige (vermeintliche) Makel des Referenzierens in einen Nachweis von Gebildetheit der Entwerferinnen und Entwerfer, taugt offenbar sogar zur Distinktion von Meisterschaft zu Mittelmaß.Der gegenwärtige Umgang mit Referenzen wird dabei ganz auf die Ebene des Bildes gedrängt, wo er allerdings nicht verharren sollte. Denn ebenso aufschlussreich sind die Strategien der Verwendung, die Art der Verarbeitung, also die Formen der Transformation, sowie die Praktiken und Werkzeuge, die das Referenzieren ausmachen. Als ein Entwurfs-Vorgehen, das zurück oder zur Seite blickt, um nach vorne zu entwickeln, kann es als Teilbereich des Weiterbauens angesehen werden. Dabei zeigt sich die Entwurfspraxis mit Referenzen als bisweilen sehr subjektives Spiel, quer durch die Jahrhunderte und über alle möglichen Bautypen hinweg.
Vorbilder und ihre Medienformen
Rom. Einst selbstverständliches Ziel der Architektenreise. Das Kolosseum in einem Gemälde von Bellotto (1721-1780) (Bild: Public Domain)
Rom. Einst selbstverständliches Ziel der Architektenreise. Das Kolosseum in einem Gemälde von Bellotto (1721-1780) (Bild: Public Domain)
Rem Koolhaas hat diese Geste in der Gegenwart quasi zur unverzichtbaren Kulturtechnik der Architektur gefestigt. Bereits 1995 hat er das Reisen als Grundverfasstheit und damit als wesentlichen Aspekt der Globalarchitektur in seinem Buch „S, M, L, XL“ mit einer ikonischen Grafik, dem „Travel Behavior“ seines Office for Metropolitan Architecture, belegt. Heute werden auf der Website des Büros selbstverständlich die Projekteinträge auf einer Weltkarte visualisiert – der Reisezweck ist dabei nicht mehr der wissensdurstige Blick in die Ferne, die Suche nach dem inspirierenden Andern, sondern die Missionierung desselben.
Spolien im Innenhof des Schlosses Glienicke, Berlin-Wannsee. (Bild: Eva Maria Froschauer)
Spolien im Innenhof des Schlosses Glienicke, Berlin-Wannsee. (Bild: Eva Maria Froschauer)
Das letzte hier angesprochene Medium, die Fotografie, verweist auf die Übermacht digitaler Bilder als Anschauungsmaterialien des Entwerfens. Images aller Art liegen in unendlichen Mengen tatsächlich und metaphorisch gesprochen auf den Schreibtischen der Gegenwart, und oft ist den Betrachtenden, den Entwerfenden gar nicht klar, dass und wie sie wirken. Selbst dann, wenn vorgegeben wird, referenzfrei zu arbeiten, prägen sich Bilder ein und werden zum wahrscheinlich wichtigsten Referenzobjekt des Weiterbauens unserer Tage. Und längst ist es nicht mehr ein dem Architekturmachen zugehöriges Vorgehen, mögliche Vorbilder oder Abbilder, möglicher Anlehnungs- oder Ableitungsobjekte, zu verschleiern oder nicht zu nennen. Ganz im Gegenteil, das Explizitmachen, das bewusste Nennen und Sichtbarmachen des vorbildlichen Materials ist das neue „Bildhandeln“ im Entwerfen.
Verfahren des Weiterentwerfens
Lichthof des John Soane Museums. (Bild: Public Domain)
Lichthof des John Soane Museums. (Bild: Public Domain)
Das Zitat in der Architektur wird entweder gemäß den Systemen Schrift und Sprache angewandt oder, wie viele Aussagen im Kontext des Entwerfens, unscharf genutzt. An dieser Stelle soll besonders den wörtlichen, damit unveränderten, kenntlich gemachten Einschluss einer vorhandenen Aussage abgehoben werden.
Ein Beispiel der Geschichte ist das 2004 rekonstruierte sogenannte Architektur-Pasticcio, das im Monument Court des John Soane’s House (seit dessen Tod 1837 öffentliches Museum) in London steht. Der kleine Innenhof des Museums ist mit Fragmenten der Architekturgeschichte ausgestattet, und dabei ist die Idee des Zitates regelrecht auf die Spitze getrieben, indem Kapitelle und andere Bauelemente auf groteske Weise zu einem zehnstöckigen Totem-Pfahl der Baugeschichte gestapelt sind. Gemäß Soane sollte dies die Entwicklung und den Fortschritt der Welt-Architektur demonstrieren. Das Pasticcio ist ein weitgehend zweckfreies Demonstrationsobjekt, während das folgende Beispiel den direkten Einbezug einer bereits vorhandenen Aussage – ganz im Sinne einer Spolie – leistet. Die zitierende und damit materiale Weiternutzung von Architekturelementen geschieht hier ob ihrer symbolischen Aussage und ebenso aufgrund ihrer Funktion.
Zitat als Entwurfsstrategie, Klostergarten im Münchner Lehel, Hild und K Architekten, 2009. (Bild: Michael Heinrich)
Zitat als Entwurfsstrategie, Klostergarten im Münchner Lehel, Hild und K Architekten, 2009. (Bild: Michael Heinrich)
Zwei Entwürfe für die Friedrichwerdersche Kirche von Schinkel – als klassizistische und als neogotische Variation. (Bilder: Europeana Collection, CC BY-NC-SA; links >>>, rechts >>>)
Zwei Entwürfe für die Friedrichwerdersche Kirche von Schinkel – als klassizistische und als neogotische Variation. (Bilder: Europeana Collection, CC BY-NC-SA; links >>>, rechts >>>)
Bleibt die Variation im Entwurfsprozess auf der Ebene der Zeichnung, dann versteht man darunter das Herstellen vieler Skizzen
Saniertes Hochhaus der Hochschulde Darmstadt, Staab Architekten, 2011. Ansocht von Nordosten. (Bild: LSDSL, CC BY-SA 3.0, Wikimedia Commons)
Saniertes Hochhaus der Hochschulde Darmstadt, Staab Architekten, 2011. Ansocht von Nordosten. (Bild: LSDSL, CC BY-SA 3.0, Wikimedia Commons)
Ein berühmtes Beispiel der Baugeschichte ist Karl Friedrich Schinkels Entwurfsweg zur Friedrichswerderschen Kirche in Berlin-Mitte. Er begann mit einem Gegenentwurf zu einem bereits bestehenden und legte 1821 die Version eines römischen Tempels mit korinthischen Säulen samt einem Campanile vor. Nach Ablehnung durch den Regenten entwarf Schinkel 1823/24 eine klassizistische Wandpfeilerkirche, ehe eine Variante im „antikisierenden Gotikstil“ 1829/30 zur Ausführung kam. Schinkels Meisterschaft im Umgang mit immer neuen Entwurfsvorstellungen des Bauherrn zeigte sich in den Variationen und darin, dass er diese nicht als minderwertige Lösungen verstand und selbstverständlich publizierte.
Ein großer Zeitsprung in die Gegenwart zeigt, die Variation funktioniert auch synchron an einem Bauwerk. Staab Architekten wandten dieses Instrument für die Grundinstandsetzung des sogenannten Hochhauses C10 der Hochschule Darmstadt (2011) an. Dabei ging es um die Neuinterpretation einer typischen Rasterfassade der 1960er Jahre, die nicht völlig verschwand, sondern baulich ertüchtigt wurde und in vier Varianten weiterwirkt. Für jede Himmelsrichtung entwickelten Staab Architekten ein anderes Konzept, das auffälligste moduliert die Südfassade mit Hilfe von dreidimensionalen Sonnenschutzblenden neu und bezieht sich trotzdem auf das alte Raster. Muck Petzet und Florian Heilmeyer bezeichnen ein solches Vorgehen als „Redesign“ .
Alter und neuer Teil des Friedhofs San Cataldo in Modena. (Bilder: Sergius08, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0, oben; Massimo Alberici, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0, unten)
Alter und neuer Teil des Friedhofs San Cataldo in Modena. (Bilder: Sergius08, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0, oben; Massimo Alberici, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0, unten)
Gemäß der Rhetorik erzählt eine Paraphrase nach, aber sie schreibt nicht gänzlich um. Sie verdeutlicht und interpretiert einen Inhalt bei gleichbleibendem Sinn. Für die Architektur genommen bedeutet dies: Der Ursprungsbau bleibt sichtbar, doch erzählen die Nachschaffenden den Gegenstand mit ihren Mitteln neu. Dabei verbindet das wesentliche Werkzeug der Paraphrase – nämlich das „das heißt“ – die erste Erzählung mit der zweiten. Beim paraphrasierenden Entwerfen und Bauen ist interessant zu beobachten, wie hoch der Veränderungsgrad zwischen den Erzählungen ist. Ein Beispiel der Geschichte, bei dem Erzählung und Nacherzählung unmittelbar nebeneinanderstehen und gegenseitig aufeinander verweisen, ist Aldo Rossis und Gianni Braghieris Erweiterung des historischen Friedhofs San Cataldo in Modena (1971 bis 1976). Alt- und Neubau sind in ihrer umfassenden Geste aufeinander bezogen und erklären sich dabei gegenseitig. Die Gebäudetypologie wird weitererzählt, die strenge und gebundene Form eines italienischen Friedhofs erfährt in der Interpretation der 1970er Jahre noch einmal eine Essenziierung. Umso verwunderlicher ist es, dass in Publikationen über San Cataldo der historische Bau oft nicht gezeigt wird.
Leitmotiv Paraphrase, Gropius-Haus in Dessau, Bruno Fioretti Marquez, 2014. (Bild: Christian Holl)
Leitmotiv Paraphrase, Gropius-Haus in Dessau, Bruno Fioretti Marquez, 2014. (Bild: Christian Holl)
Appropriation
Diese Strategie eignet an, sowohl immateriell als auch materiell. Sie darf weit mehr als die Zitation, welche die Quelle wahrt, oder die Paraphrase, die entlang des Originals nacherzählt. Indem die Appropriation das vereinnahmte Ausgangsmaterial kopiert und collagiert, verfremdet und manipuliert, wird dieses umgeformt und zu einem neuen Original verarbeitet.
Appropriierendes Entwerfen, Ningbo Museum, China, Amateur Architecture Studio, 2008 (Siyuwj, CC BY-SA 3.0, Wikimedia Commons)
Appropriierendes Entwerfen, Ningbo Museum, China, Amateur Architecture Studio, 2008 (Siyuwj, CC BY-SA 3.0, Wikimedia Commons)
Mit der Kultivierung der Wand und des Ziegelsteins hat auch ein Projekt von Amunt Architekten aus den Jahren 2010/11 zu tun: ein Aachener Reihenhaus, das über eine auf den ersten Blick provisorisch und laienhaft wirkende „Addition“ erweitert wurde. In Wahrheit handelt es sich dabei um eine detailgenau vollzogene und inszenierte Störung, die gleichzeitig eine Vereinnahmung von Bauform und Material darstellt. Amunt begründen ihre Entwurfshaltung mit der Anlehnung an Alltagskulturen des Bauens und mit ihrer beständigen Suche nach Referenzen, die sie beispielsweise fotografisch dokumentieren.
Mit diesem letzten Hinweis auf die Fotografie schließt sich der Kreis von den Verfahren und Strategien zur Verarbeitung historischer Referenzen in der zeitgenössischen Architektur zurück zu den zeitlosen Medienformen des Anspielens und Weiterentwerfens. Einer der bemerkenswertesten Aspekte dabei bleibt die Frage nach dem Grad der notwendigen Verdauung der – wie weit auch immer zurückdatierenden – geschichtlichen Grundlagen des Weiterbauens. Egal wie intensiv der Verstoffwechslungsprozess dabei vonstattengeht – um bei der Metapher zu bleiben – allein das erfolgreiche Aufspalten und Verwerten des Gegebenen schafft die Energie, um dem Neuen eine kraftvolle Aussage zu verleihen.
Mit freundlicher Genehmigung der Herausgeberschaft und des Verlags.
Wolfgang Bachmann hat das Buch rezensiert >>>
Das ist es mir wert
- 1T. Joanelly / R. Züger: Pinterest-isation, Editorial: werk, bauen + wohnen 4, 2018, S. 1. (2) M. Steinmann / T. Joanelly / R. Züger (im Gespräch): Entwurf und Referenz. Bilder verdauen, werk, bauen + wohnen 4, 2018, S. 10–17, hier S. 13. (3) OMA, R. Koolhaas, B. Mau: S, M, L, XL (New York 1995) S. xiii. (4) H.-R. Meier, Spolien (Berlin 2020). (5) Vgl. R. Brillant / D. Kinney (Hg.): Reuse Value. Spolia and Appropriation in Art and Architecture from Constantine to Sherrie Levine (London 2011). (6) Vgl. H.-R. Meier: Rückführungen. Spolien in der zeitgenössischen Architektur, in: S. Altekamp / C. Marcks-Jacobs / P. Seiler (Hg.): Perspektiven der Spolienforschung 1. Spoliierung und Transposition (Berlin 2013), S. 333–349. (7) M. Petzet / F. Heilmeyer (Hg.): Reduce. Reuse. Recycle. Ressource Architektur. Deutscher Pavillon 13. Internationale Architekturausstellung La Biennale di Venezia 2012 (Ostfildern 2012), Abschnitt „Materialrecycling“, S. 168‒183. (8) M. Ghyoot / L. Devlieger / L. Billet / A. Warnier / Rotor: Déconstruction et réemploi. Comment faire circuler les éléments de construction (Lausanne 2018). (9) E. M. Froschauer: Bildhandeln der Architektur. AFFs Fotosammlung als Strukturgerüst der Ideen, Vorzeichnung des Entwerfens und Merkzettel des Vermittelns, in: AFF Architekten (in Vorbereitung 2021). (10) E. M. Froschauer: Entwurfsdinge. Vom Sammeln als Werkzeug moderner Architektur (Basel 2019), S. 155–175. (11) T. Knox: Sir John Soane’s Museum, London (London 2009), S. 63. (12) Petzet / Heilmeyer 2012, S.178–181. (13) BauNetz, 16. Juli 2009: Spolien im Lehel. Wohnanlage in München fertig >>> (14) Petzet / Heilmeyer 2012, S. 178. (15) U. Schwarz: Transformation und Poesie, in: Hild und K Architekten: Hild und K (Luzern 2011), S. 6-13, hier S. 7. (16) Ebd., S. 12. (17) Froschauer, 2019, Abschnitt „Versioning“, S. 174–175. (18) B. Maaz (Hg.): Die Friedrichswerdersche Kirche. Schinkels Werk, Wirkung und Welt (Berlin 2001), S. 43–50. (19) K. F. Schinkel: Sammlung Architektonischer Entwürfe, enthaltend teils Werke, welche ausgeführt sind, teils Gegenstände, deren Ausführung beabsichtigt wurde (Berlin 1858). (20) Petzet / Heilmeyer 2012, S. 142–145. (21) Froschauer 2019, Abschnitt „Paraphrase“, S. 168–169. (22) Gespräch „Die unscharfe Moderne. Meisterhäuser in Dessau wieder vollständig“. Stiftung Bauhaus Dessau 2017, S. 259. (23) Ebd., S. 260. (24) M. J. Holm et al. (Hg.): Wang Shu. Amateur Architecture Studio (Zürich 2017), S. 21. (25) Petzet / Heilmeyer 2012, S. 158–161. (26) Ebd., 162–165; Monografische Veröffentlichung zu Amunt Architekten, 2G. International Architecture Magazine 75, 2017, S. 142–143.