Alle Zeichnungen und Modellbilder: Archiv Gunther Wawrik. Alle Seitenabbildungen aus dem besprochenen Band
Alle Zeichnungen und Modellbilder: Archiv Gunther Wawrik. Alle Seitenabbildungen aus dem besprochenen Band
Eine solche Polemik zwischen Formvorstellungen war Kern in Le Corbusiers Städtebau gewesen. 1925 auf französisch, bald auch auf deutsch publiziert, war es die Schrift zur Zukunft der Städte – wegweisend für die Maximen der CIAM, der Charta von Athen, die bis in die 1960er Jahre global als Richtschnur galten. Corbu entfaltete sein Argument aus dem Gegensatz von naturhaft krummen und autogerecht geraden Straßen: „Der Mensch schreitet geradeaus, weil er ein Ziel hat; er weiß wohin er geht, er hat sich für die Richtung entschieden und schreitet in ihr geradeaus. Der Esel geht im Zickzack, döst ein wenig, blöde vor Hitze und zerstreut, geht im Zickzack, um den großen Steinen auszuweichen, um sich den Anstieg sanfter zu machen, um den Schatten zu suchen. Er strengt sich so wenig wie möglich an…“
Die Bergstadt von oben.
Die Bergstadt von oben.
Wir können sie als ein Kontra zu Corbu lesen: eine bergig terrassierte Stadt ohne PKW-Kreuzungen und Gegenverkehr, wo Autos an den Rand gedrängt sind und es primär attraktive Fußwege gibt sowie lautlose öffentliche Verkehrsmittel. Aus der Vogelschau zeigen sich als Hauptstruktur zwei Straßenspiralen – eine hinauf, die andere hinunter. Sie sind ineinander verschlungen in der Figuration eines uralten Ornament-Motivs: Laufender Hund beziehungsweise Doppelmäander. In diesem universellen Signet dreht sich eine Spirale von außen ins Zentrum hinein, die zweite windet sich aus der Mitte wieder hinaus – als gekurvte oder auch orthogonale Wellenbewegung.
Schichtenplan (links) und Tangentialstraßen
Schichtenplan (links) und Tangentialstraßen
An die Radialstraßen gliedern sich tädtebauliche Einheiten – Stadtpartikel – sowie terrassierte Gärten und Glashäuser als Allmende an.
An die Radialstraßen gliedern sich tädtebauliche Einheiten – Stadtpartikel – sowie terrassierte Gärten und Glashäuser als Allmende an.
Die Bergstadt verknüpft also Krummes mit Geradem, „Organisches“ mit „Rationalität“. Das eine wäre die zwiebelhafte Struktur eines archaischen, ein „heiliges Zentrum“ mit Schichten und Schilden umhüllenden Topos, das andere die zentralperspektivisch grenzenlose Rationalität im Sinn von Renaissance und Aufklärung. Doch in mindestens einem Brennpunkt befreit sich Wawriks Fiktion energisch aus archaisierender Verhaftung: In alten Ensembles besetzt die Spitze des Bau- und Lebensgefüges die Burg samt Bergfried, die Abtei samt Turm, der Dom oder ein Haupttempel – von Athen oder Shatrunjaya bis Prag, Salzburg, Laibach… Dies war die alte Hierarchie, die exklusive Besetzung des besten, dominierenden Platzes. Hier aber ist der Bergkamm, der oberste Rücken, unbebaut gedacht, freigehalten als leere Mitte, grüner Festplatz.
Der Stadt vorgelagt: Ein eine Kuppe fassender „Kopf“.
Der Stadt vorgelagt: Ein eine Kuppe fassender „Kopf“.
Mit dem so handlich gestalteten Buch "Die Bergstadt" hebt Architekt Wawrik seine in früheren Projekten partiell angesteuerte Verschränkung der Denk- und Handlungsstile in eine große, sinfonische Fiktion und sagt uns im Metatext: Die Polarität zwischen Natur und Artefakt als ökologische Herausforderung zu bewältigen, benötigt die Verschmelzung von „rationalen“ mit „wilden“ Denk- und Handlungsweisen. Nicht eine Dogmatik, welche das jeweils andere ablehnt, sondern eine Intelligenz, die durch beides radikal, doch interdependent hindurchgeht.
112 Seiten, 46 farbige und 21 Abbildungen, 16 x 24 cm, 29 Euro
Park Books, Zürich, 2020
Weitere Information >>>
Dieser Text wurde erstmals am 28. November 2020 in Die Presse / Spectrum veröffentlicht.
Eine ausführlichere Auseinandersetzung Otto Kapfingers mit Wawriks Bergstadt ist auf den Seiten des GAT zu finden >>>