Präliminarien | So verwundert es nicht, dass vor allem im aufklärerischen 18. Jahrhundert im deutschen Sprachraum jede Menge Fachliteratur auf den Markt drängt, die sich vorrangig auf die ökonomischen und technischen Grundlagen des Bauens fokussiert. So veröffentlicht Johann Friedrich Penther 1743 nicht von ungefähr eine „richtige Anweisung zum Bau-Anschlag“.1 Auch Lorenz Johann Daniel Suckow geht in seinen „Erste(n) Gründe(n) der bürgerlichen Baukunst“ dezidiert auf Fragen der Bauökonomie ein.2) Während der „Allrounder“ Luka Voch, wie seinerzeit allgemein üblich als Militär-Ingenieur und Architekt ausgebildet, im Jahre 1778 der breiten Öffentlichkeit seinen Bestseller zur „Untersuchung der wahren und falschen Bauüberschläge“ vorstellt.3)
"Sammlung nützlicher..." – Der 1. Band im 6. Jahrgang wurde David Gilly herausgegeben. (Bild: Münchner Digitalisierungs Zentrum)
"Sammlung nützlicher..." – Der 1. Band im 6. Jahrgang wurde David Gilly herausgegeben. (Bild: Münchner Digitalisierungs Zentrum)
Darstellung der Bauakademie von Eduard Gaertner, 1868 (Wikimedia gemeinfrei)
Darstellung der Bauakademie von Eduard Gaertner, 1868 (Wikimedia gemeinfrei)
"Ökonomische Baukunst"
Im August des Jahre 1831 stellt der für die Bauakademie zuständige Minister den vom temporären Akademieleiter Peter Beuth verfassten Antrag auf Umbenennung der Bauakademie in „Allgemeine Bauschule oder Allgemeines Bauinstitut“ vor. Worauf der König den Zusatz einer „allgemeinen Bauschule“ genehmigt. 1832 bis 1836 errichtet Karl Friedrich Schinkel zwischen dem Berliner Kupfergraben und seiner Friedrichwerderscher Kirche ´jenen zeitlos modernen, mit roten Ziegeln verkleideten Akademie-Neubau, den der Volksmund umgehend als „roten Kasten“ in sein Herz schließt.5) In diesem programmatischen Spätwerk bezieht Schinkel sogar seine eigene Wohnung. Lehren wird er dort jedoch nie. Mit Schinkels Bauakademie-Neubau ist jene weit über den Klassizismus hinaus weisende, zeitlos wirkende Architektur-Ikone entstanden, die nach ihrer Auslöschung durch die Bombardements des II. Weltkrieges und die anschließende Tabula Rasa-Dekonstruktion der jungen DDR schon seit längerem wiederauferstehen soll.
Christian Peter Wilhelm Beuth, Zeichnung von Franz Krüger, 1835 (Bild: Wikimedia gemeinfrei, smb digital)
Christian Peter Wilhelm Beuth, Zeichnung von Franz Krüger, 1835 (Bild: Wikimedia gemeinfrei, smb digital)
Auf den Lehrplan stehen Geometrie, Arithmetik, Logarithmen, Physik, Chemie, Handzeichnen, Maschinenzeichnen und geometrische Darstellung. Beuth steht auch der Technischen Deputation vor, die als Anlaufstelle für Gewerbetreibende mit einer Bibliothek, einer Maschinen- und Modellsammlung sowie einer Sammlung aktueller industrieller Produkte im ehemaligen Hackeschen Palais untergebracht ist. Ein Anbau aus den Jahren 1827-1829 wird für Beuth zu einer Art von Demonstrationsprojekt. Weil dabei in Kooperation mit Schinkel ein Haus in Skelettbauweise nebst gusseisernen Stützen und Rasterfassaden entsteht, so wie es Beuth im Jahre 1826 gemeinsam mit Schinkel auf einer Studienreise nach England gesehen und bewundert hat.
Alfred von Wolzogens umfänglicher Dokumentation mit dem Titel „Aus Schinkels Nachlass“ lassen sich unzählige Hinweise auf Peter Beuth entnehmen. So auch die Passage aus einem Brief, den Beuth im Jahre 1823 zwecks Vorbereitung des gemeinsamen Reise aus England an Schinkel schreibt: „Die Wunder neuerer Zeit, mein Freund, sind mir hier die Maschine und die Gebäude dafür, Factoreien genannt. So ein Kasten ist acht auch neun Stock hoch, hat mitunter vierzig Fenster Länge und vier Fenster Tiefe. Jeder Stock ist zwölf Fuß hoch; alle sind gewölbt, nämlich mit neun Fuß Spannung der ganzen Länge nach. Die Säulen sind von Eisen. Der Balken, der darauf liegt auch; dabei Seitenwände und Umfassungsmauern wie Kartenblätter, im zweiten Stock nicht zweiundeinenhalben Fuß dick ... Eine Masse solcher Kasten steht auf sehr hohen Punkten, die die Gegend dominieren; hierzu ein Wald noch höherer Dampfmaschinenschornsteine, wie die Nadeln, so daß man nicht begreift, wie sie stehen, - macht in der Ferne einen wunderbaren Anblick, besonders des Nachts, wenn die Tausende von Fenstern hell mit Gaslicht prangen – Hell muß es sein.“6) Beuths geradezu euphorische Beschreibungen frühindustrieller Fabriklandschaften wirken wie die Vorwegnahme moderner Stadtvisionen von Paul Scheerbart oder Bruno Taut.
Karl Friedrich Schinkel, Gemälde von Carl Begas, 1826 (Bild: Wikimedia gemeinfrei)
Karl Friedrich Schinkel, Gemälde von Carl Begas, 1826 (Bild: Wikimedia gemeinfrei)
Gleichklang
Aus der engen Zusammenarbeit zwischen den beiden entstehen Publikationen wie die reich bebilderten „Vorbilder für die Fabrikanten und Handwerker“. Und Beuth ist es, der sich mit Verve für die Beschaffung der Baugelder für die geplante Bauakademie einsetzt. Beuths 1820 begründete Technische Schule, das spätere Gewerbeinstitut, die sich der künstlerischen Ertüchtigung von Handwerkern aller Art zu Kunsthandwerkern verpflichtet, ist des facto nichts anderes als Wegbereiter und komplementäre Ergänzung der späteren Bauakademie. Zum spartanisch-moralischen Background seiner Schule für maximal dreißig Studierende schreibt Beuth im Jahre 1820 voller Pathos: „Es ist Pflicht der Zöglinge des K. Gewerbe Instituts, sich der Wohlthat werth zu zeigen, welche ihnen der Staat durch die Aufnahme angedeihen läßt. Diese Anstalt ist nur für sehr fähige, fleißige, ordentliche und moralische Menschen bestimmt; andere werden daraus entfernt. Ihr anzugehören soll eine Auszeichnung seyn. Wahrer Gewerbefleiß ist nicht ohne Tugend denkbar.“9)
Ironie des Schicksals: der charismatische Universalkünstler und begnadete Baumeister Schinkel wird weder an Beuths Schule noch an der spätere Bauakademie lehren, obwohl er seit 1820 einen Professorentitel innehat. Gleichwohl ist die Bauakademie bis heute untrennbar mit seinem Namen und seinen programmatischen baukünstlerischen Denkräumen verbunden.
Epilog
Rund um die Friedrichwerdersche Kirche entstehen teure Wohnungsbauten. Der "rote Kasten", dessen Ecke hier als Attrappe installiert ist, würde weitere Sichtbezüge zustellen. (Bild: Wilfried Dechau, Mai 2021)
Rund um die Friedrichwerdersche Kirche entstehen teure Wohnungsbauten. Der "rote Kasten", dessen Ecke hier als Attrappe installiert ist, würde weitere Sichtbezüge zustellen. (Bild: Wilfried Dechau, Mai 2021)
Um schlimmeren Befürchtungen zuvor zu kommen, soll daher Karl Friedrich Schinkel das letzte Wort haben: „Da Zweckmäßigkeit das Grundprinzip alles Bauens ist, so bestimmt die möglichste Darstellung des Ideals der Zweckmäßigkeit, das ist der Charakter oder die Physiognomie eines Bauwerks, seinen Kunstwerth. Auf welcher Stufe nun auch das Baukunstwerk unter den übrigen Künsten stehen möge, immer hat es vor ihnen den Vorzug, daß das Ideal der Baukunst eine eigenthümliche Schöpfung des Geistes im Grundprincip ist.“2
2) Lorenz Johann Daniel Suckow. Erste Gründe der bürgerlichen Baukunst in einem Zusammenhange entworfen, Cuno, Jena 1763
3) Lukas Voch, Untersuchung der wahren und falschen Bauüberschlägen. Nebst einer Anweisung wie sich die Bauenden dagegen sicher stelle können, Rieger. Allen Bauherren gewidmet, Augsburg 1778; vergl. hierzu auch: L. Voch, Unterricht bey vorfallenden Baustrittigkeiten zum Gebrauche derer, die mit dem Bauwesen umzugehen haben. Als auch denen Herren Juristen und allen Bürgern, welche in dergleichen Baustrittigkeiten verfallen können, Rieger, Augsburg 1780
4) Die ersten Architekturzeitschriften, in: Klaus Jan Philipp, Um 1800, Architekturtheorie und Architekturkritik in Deutschland zwischen 1790 und 1810, Menges, Stuttgart/London 1987, Seite 36 f.
5) vergl. hierzu: Harald Bodenschatz, Der „rote Kasten“. Zu Bedeutung, Wirkung und Zukunft von Schinkels Bauakademie, Transit, Berlin 1996
6) Anhang zum Reisetagebuch, zwei Briefe Beuth’s an Schinkel aus England vom Jahre 1823, in: Alfred von Wolzogen, Aus Schinkels Nachlass, Reisetagebücher, Briefe und Aphorismen mitgeteilt von A. V. Wolzogen, Faksimile-Nachdruck der Ausgabe Berlin 1862, Mäander, Mittenwald 1981, Seite 131 f.
7) Mario Zadow, Karl Friedrich Schinkel, Rembrand, Berlin West 1980. Seite 29
8) vergl. hierzu: Gustav Friedrich Waagen, Karl Friedrich Schinkel als Mensch und Künstler, Die erste Biographie Schinkels im Berliner Kalender von 1844
9) Peter Beuth, zit. in: M. Zadow, Karl Friedrich Schinkel, Rembrand, Berlin West 1980, Seite 187;
zuletzt: Christiane Salge, Baukunst und Wissenschaft; Architektenausbildung an der Berliner Bauakademie um 1800, Gebr. Mann, Berlin 2021
Das ist es mir wert
- 1Johann Friedrich Penther, Bau-Anschlag oder richtige Anweisung. In zweyen Beispielen, als bei einem gemeinen hoelzernen und bey einem ansehnlichen steinernen Hause. Wie alle Bau-Materialien, deren Kosten, ingleichen allen uebrigen Bau-Kosten ausfindig zu machen, wodurch man eines jeden anderen Baues Anschlag zu verfertigen geschickt werden kann. Nebst verschiedenen Bau-Anmerkungen zum Nutzen derer, so mit eigenen Baus-Sachen zu thun haben, oder in Baucommissionen gebraucht werden, oder sonst als Liebhaber der bürgerlichen Bau-Kunst darin weiter zu gehen trachten, Pfeffel, Augsburg 1743
- 2Aphorismen aus Schinkels nachgelassenen Papieren, 3. Stellung der Baukunst in den übrigen Künsten, in: Alfred von Wolzogen, Schinkels Nachlass, Faksimile-Nachdruck von 1862, Mäander, Mittenwald 1981, Seite 209 f.