Die Mülbergerstraße war einmal Esslingens erste Adresse. Vom Altstadtkern führt sie, von der Ebershaldenstraße ausgehend, seit den letzten Tagen des 19. Jahrhunderts in den Südhang hinein, um auf halber Höhe eine Kehrtwende zu vollziehen und oberhalb der „Burg“ wieder herauszukommen. Die Villen und Mehrfamilienhäuser, die hier zwischen 1896 und 1926 entstanden, stehen überwiegend unter Denkmalschutz: 16 an der Zahl, die älteren Häuser auf der Talebene nicht mitgerechnet. Bekanntester Architekt und Bauherr sind Paul Bonatz und der Fabrikant Paul Eberspächer, doch bei dem 1925/26 errichteten Bau handelt es sich um einen ein Nachzügler. Die meisten entstanden zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als der Straßenzug angelegt wurde: mit der Katharinenstaffel als Querverbindung und einer Grünanlage mit dem Lenaudenkmal in der Kehre.
Kein Haus gleicht dem anderen
Haus des Architekten Wager, der aus Bern nach Esslingen zog. (Bild: Dietrich Heißenbüttel)
Haus des Architekten Wager, der aus Bern nach Esslingen zog. (Bild: Dietrich Heißenbüttel)
So sehr prägen diese Villen das Bild, dass eine Reihe belangloserer Häuschen kaum ins Auge fällt: schlichte Kuben mit Walm- oder Satteldach, wie sie auch oberhalb die Straßenzüge bevölkern; ein vereinzelter Nachkriegs-Bungalow; die Panoramaklinik. Doch in jüngster Zeit macht sich eine Invasion weißer Schuhschachteln bemerkbar. Sie sollen wohl an einen vermeintlichen Bauhaus-Stil anknüpfen, bezwecken aber nur eines: aus dem luxuriösen Grund und Boden das Maximum an Rendite herauszupressen. Bauen um zu verkaufen: das haben auch schon die Architekten-Brüder Karl und Otto Junge um 1900 praktiziert, die am Fuß der Mülbergerstraße eine ganze Villenkolonie mit 15 Häusern errichteten. Doch nun wird das Terrain systematisch mit viergeschossigen Klötzen zugepflastert, die einer hinter und über dem anderen den Hang hinaufklettern.
Bild: Dietrich Heißenbüttel
Bild: Dietrich Heißenbüttel
Bild: Dietrich Heißenbüttel
Bild: Dietrich Heißenbüttel
Bild: Dietrich Heißenbüttel
Bild: Dietrich Heißenbüttel
Bild: Dietrich Heißenbüttel
Bild: Dietrich Heißenbüttel
Bild: Dietrich Heißenbüttel
Bild: Dietrich Heißenbüttel
Bild: Dietrich Heißenbüttel
Bild: Dietrich Heißenbüttel
Bild: Dietrich Heißenbüttel
Bild: Dietrich Heißenbüttel
Fertighäuser im "Bauhausstil"
Alt und Neu – kein Vergleich. Bild: Dietrich Heißenbüttel
Alt und Neu – kein Vergleich. Bild: Dietrich Heißenbüttel
Wir leben nicht mehr im Kaiserreich. Dienstboten haben ausgedient. An die Stelle von Bällen und Hauskonzerten ist der Flachbildschirm getreten. Sind die historischen Villen im Frühling samt und sonders geradezu in ein Meer blühender Bäume und Sträucher getaucht, ist rund um die Neubauten kaum mehr zu sehen als Gras, Kies und ein wenig pflegeleichtes Abstandsgrün. Auch die Architektur scheint abgedankt zu haben. Sie begnügt sich damit, ein Klischeebild der Moderne zu reproduzieren. Auf ironische Weise hat sich Walter Gropius‘ Vision erfüllt, der das Heil in der Vorfertigung suchte: Den „Bauhausstil“ – dessen Existenz Gropius vehement bestritt – gibt es auch vom Fertighaushersteller. Zwar weiß sogar die Fertighauswelt: „Eigentlich gibt es ihn gar nicht: den Bauhausstil.“ Aber sie weiß eben auch: „Fertighäuser im Bauhausstil werden aktuell wieder vermehrt nachgefragt.“(1)
(1) Zitate: www.fertighauswelt.de