Mies van der Rohe, Walter Gropius – sie gehörten im Nachkriegsdeutschland zu den unumstrittenen Heroen der Architektur. In seinen Erinnerungen beschreibt der damals junge Karlsruher Architekt Erich Rossmann seine Begegnungen mit beiden.
Erich Rossmann. (Bild: Joachim Christmann)
Erich Rossmann. (Bild: Joachim Christmann)
Der unbekannte Große
Der große Hörsaal war brechend voll, viele standen in den Gängen oder saßen auf den Fensterbänken. Es waren die Grundsätze eines nachdenklichen Mannes, die langsam und mit sehr knappen Sätzen zu uns kamen. Man spürte, dass er wortkarg war. Er sagte nur das, was ihn seit langem beschäftigte. Am stärksten beeindruckte seine unbedingte Überzeugung, dass eine Erneuerung der Baukunst von der Form her nicht möglich sei, dass jeder große Baugedanke von der Konstruktion bestimmt wird. „Romanik und Gotik haben uns das schon gezeigt. Die Konstruktion versagt sich aller Willkür und ist objektive Grundlage für jede neue Entwicklung. Man kann sich nicht jeden Montagmorgen eine neue Form ausdenken. Man muss vielmehr beharrlich an jener Ordnung arbeiten, die mehr ist als Organisation und die jedem Ding das gibt, was ihm angemessen ist. Nur so entsteht wirkliche Form in einer wirklichen Welt. Meine Hoffnung ist eine Baukunst, die die Gotik beerbt. Die wenigen echten Bauten unserer Zeit (er sagte „echt“ und nicht „gut“) zeigen die Konstruktion. Bei ihnen sind Konstruktion und Form ein und dasselbe.“
Ein älterer Student provozierte ihn: „Die Baukunst, die Sie vertreten, ist kalt und rational. Viele Menschen fühlen sich darin nicht wohl.“ Prompt kam der Satz, der ihm vorausging und den wir schon kannten: „Kalt ist ein Glas Milch! Architektur kann nicht kalt oder warm sein, sie ist von einer konstruktiven Ordnung bestimmt oder sie ist es nicht.“ Es gab keine richtige Diskussion. Zu jeder Frage hielt der Meister einen langen Monolog. Als wir nach mehr als drei Stunden erregt und nachdenklich auseinandergingen, zeigte der Siebenundsechzigjährige keine Spur von Müdigkeit.
Unermüdlich
Haupt war berühmt als standfester Zecher und als ein Mann, der noch Sinn für fröhliches, unbeschwertes Feiern hatte und andere dabei mitreißen konnte. Eine Zeit lang war er auch Direktor der Karlsruher Kunstakademie. Auf einem der Faschingsbälle der Akademie war er als Zeus in einer weißen Toga aufgetreten. Er hatte ein braungebranntes, männliches Gesicht mit einer kräftigen Nase und trug zur Toga eine selbstgefertigte Perücke mit Locken aus ganz regelmäßig aufgeklebten, gelben Hobelspänen. Schon während des Studiums, als es um den Entwurf für ein Kongresshaus ging, hatte er uns beigebracht: „Denken Sie daran, das Beste und Wichtigste an den Tagungen sind die Nachtungen – und für die brauchen wir Räume, in denen wir diskutieren, schwofen und feiern können.“
Der Silberprinz
HfG Ulm, 1955. (Bild: Sammlung René Spitz; Hans G. Conrad, ©René Spitz; via Wikimedia Commons)
HfG Ulm, 1955. (Bild: Sammlung René Spitz; Hans G. Conrad, ©René Spitz; via Wikimedia Commons)
Gropius saß inmitten einer Gruppe und diskutierte die Weiterentwicklung der Bauhausidee in der neuen Hochschule für Gestaltung. Wenn ich mich recht erinnere, war auch der Maler und einstige Bauhausmeister Georg Muche dabei. Die Jüngeren blickten ehrfürchtig zu den beiden auf. Gropius trug ein Jackett mit kleinen schwarzen und weißen Karos, dazu eine schwarze Hose, ein weißes Hemd, eine schmale schwarze Fliege und eine dunkle Hornbrille. Er war zierlicher, als ich ihn mir nach den Bildern, die ich von ihm gesehen hatte, vorgestellt habe. Paul Klee soll ihn Silberprinz genannt haben. Das passte immer noch. In den Räumen und auf den Fluren der neuen Schule tummelten sich die Besucher. Bill, dem das irgendwie zu viel war, ging brüllend durch die Flure und fragte jeden, was er hier zu suchen hätte und ob er eingeladen sei. Wir wurden mit vielen anderen ziemlich unsanft hinauskomplimentiert.
Herausgegeben von Andreas Rossmann, 144 Seien mit 33 schwarz-weiße Abbildungen. 14,2 x 22,5 cm, 19,80 Euro.
Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln, 2025
Weitere Information >>>
In diesem Buch erzählt Rossmann aus seinem Leben,
das in der Dammerstock-Siedlung, 1929 von Walter Gropius
entworfen, seinen Mittelpunkt hat. Das Eingangskapitel stellt eines seiner Hauptwerke, die Lukaskirche in Karlsruhe, vor; der Anhang gibt einen Überblick über sein Schaffen und zeigt eine Auswahl von fünfzehn Bauten aus fünfzig Jahren. Seine Architektur ist streng und nüchtern: „Es sollte selbstverständlich aussehen – so, als hätte niemand es entworfen.“