Finale der IBA Heidelberg: Die Abschlusspräsentation der IBA vermittelt einen Eindruck davon, was in den vergangenen zehn Jahren in der Stadt in Bewegung geraten ist, angestoßen und bisweilen sogar gebaut wurde. Die Summe der 23 Einzelprojekte zeigt, dass die Zeiten der spektakulären Präsentation menschlicher Errungenschaften nun wirklich vorbei sind und sich Planungskultur verstärkt auf die Mühen anderer Ebenen verlegen muss. Alles keine neuen Erkenntnisse – nun aber mit Erfahrungen aus dem wahren Leben unterlegt.
Angesichts von geballter Fachkompetenz und so viel Verve wird am Ende des vielbeschworenen »Ausnahmezustands auf Zeit« Großes erwartet von einer IBA, für die sich eine mittelgroße Stadt im Zeitraum von zehn Jahren erkleckliche Summen vom Munde abspart – oder zumindest nicht anderweitig ausgibt. Eigentlich sollen nicht weniger als eine bauliche Revolution (wie einst auf dem Stuttgarter Weißenhof) oder zumindest das Neueste von Neuesten (wie auf der Interbau) oder etwa konkrete Ansätze zum Umgang mit massiven gesellschaftlichen Verwerfungen (wie etwa entlang der Emscher) zu bestaunen sein. Wer mit solchen Erwartungen an eine heutige IBA so hoch einsteigt, muss enttäuscht werden.
Visualisierung der neuen Neckarbrücke (Bild: sbp, Stuttgart/ Berlin)
Visualisierung der neuen Neckarbrücke (Bild: sbp, Stuttgart/ Berlin)
Nice to see
Der Energiespeicher, final visualisiert (Bild: Lava, Berlin)
Der Energiespeicher, final visualisiert (Bild: Lava, Berlin)
Hunger nach Leuchttürmen
Am ehesten möchte man das Fachpublikum zum Collegium Academicum schicken, das bundesweit erste Wohnheim, das von Studierenden selbst entwickelt und gebaut wurde und dessen Wohnraum über das Modell des Projektverbunds Mietshäuser Syndikat dauerhaft dem Immobilienmarkt entzogen bleibt. Dem Herzblut, mit dem sich die Initiatoren dem wirklich einmal nachhaltigen Projekt verschrieben und sich zu Baufachleuten herangebildet haben, sollte man nachspüren und sich en passant mit dem vielversprechenden System flexibler Raumkonfiguration und der von Stahlverbindungen freien Vollholzkonstruktion befassen – Architekten sind DGJ aus dem benachbarten Frankfurt am Main. Hier verbinden sich alle Ebenen aktueller Baufragen in einem Projekt, bei dem viel gewollt und erreicht wurde – mit Abstrichen an gestalterischen Details, aber eben ernsthaft aufs Wesentliche konzentriert, der Verantwortung für alle Folgen des Bauens wurde eben nicht ausgewichen.
Stadtmodell Heidelberg, zu sehen in der Ausstellung (Bild: Ursula Baus)
Stadtmodell Heidelberg, zu sehen in der Ausstellung (Bild: Ursula Baus)
Wie sag ich's meinen Mitmenschen?
Politik (OB) und Verwaltung (Baubürgermeister) sind jetzt gefordert, das PHV so zu bauen, wie es geplant ist. (Bild: KCAP)
Politik (OB) und Verwaltung (Baubürgermeister) sind jetzt gefordert, das PHV so zu bauen, wie es geplant ist. (Bild: KCAP)
Details sind einfach langweilig
Und so stellen sich unversehens viele Fragen: nach dem Sinn des Formats IBA überhaupt, nach dessen Sichtbarkeit, dessen völlig in die Irre führenden Namen, der Diskrepanz zwischen den Erwartungen und dem letztlich Erreichbaren.
Am liebsten möchten sich die Initiatoren und Geldgeber im Erfolg und im Glanze weithin strahlender Bauprojekte sonnen. Gerade noch hinnehmbar sind gute planerische und bauliche Lösungen für die spezifischen Problemstellungen vor Ort, sofern sie sich fürs Stadtmarketing ausschlachten lassen. Die Hoffnung, dass eine IBA Leuchtturmprojekte hervorbringt, die gleichzeitig allen vordringlichen Aspekten heutiger Anforderungen an gebaute Umwelt gerecht werden und dann noch als Wahrzeichen medial verwertbar sind, muss man aber leider fahren lassen. Die Materie ist zu komplex geworden. Eine IBA oder gar ein einzelnes Objekt kann den aktuellen Stand von Technik und Planungsinstrumenten so wenig umfassend präsentieren wie eine Architekturbiennale. Die Ausdifferenzierung aller Lebensaspekte ist so weit vorangeschritten, dass wir Innovationen, die sich bisweilen im Mikroskopischen abspielen und sich ohnehin nur dem Fachmann erschließen, nicht mehr einfach so auf einer »Welt«-Ausstellung vorführen können.
Es bleibt also nur, sich den großen Linien zu widmen und sich eine davon auszusuchen.
Wissen gegen Stadt
Die 3 Dokumentationen der IBA Heidelberg – LOGbücher – sind im Schuber erhältlich, und zu bestellen bei der IBA Heidelberg.
Die 3 Dokumentationen der IBA Heidelberg – LOGbücher – sind im Schuber erhältlich, und zu bestellen bei der IBA Heidelberg.
Das immerhin steht nun klar vor Augen – und ließ sich wohl schon zu Anfang erahnen. So war Engelbert Lütke Daldrup als Verfasser des Memorandums mit niedrigen Erwartungen gestartet und hatte bescheiden mit »gemeinsamen Lernprozessen« als Ziel der IBA argumentiert.3 Heute ist er zuversichtlich – obwohl die Uni nie mit ins Boot gestiegen ist –, dass die letztlich doch in Gang gekommene Vernetzung von Wissenschaft und Verwaltung samt einem gewissen Qualitätsbewusstsein erhalten bleibt. Eine zufriedenstellende Antwort darauf, wie Wissen Stadt schafft, bleibt hingegen im Dunkeln und lässt sich schon gleich dreimal auf keine knackige Formel bringen.
Systemisches Knausern
Als hätte es das Land Baden-Württemberg als Träger der Unis geahnt, dass hier wenig Anlass zum öffentlichen gegenseitigen Schulterklopfen herauskommt, hat es seine Unterstützung schon gleich zu Beginn verweigert. Überhaupt muss man fragen, warum dieses Bundesland so gar kein ernsthaftes Interesse an Baukultur hat. Seine bestehenden Liegenschaften schleppt es mit wie lästigen Schmutz am Hosenbein, Wettbewerbsergebnisse spart es unter dem Vorwand der Treuhänderschaft für die Allgemeinheit zu Belanglosigkeiten herab, statt sie als Ausweis der Exzellenz der Landesverwaltung zu inszenieren, Denkmäler werden lieber bis zur Abrissreife vernachlässigt als gepflegt, Bauprojekte selbst noch im Kleinen innerhalb lächerlich langer Laufzeiten zwischen persönlichen Partikularinteressen in immer wieder neuen Gutachten zu diesem oder jenem aufgerieben.
Woran liegt’s? Ist es die inzwischen erreichte Regelungstiefe, bei der die Optimierung der Themen innerhalb einzelner Fachgebiete die jeweiligen Nachbardisziplinen ausbremst? Sind es durch steten Tropfen abgeschliffene Kanten und demotivierte Mitarbeiter innerhalb verkrusteter Strukturen? Die Befindlichkeiten der alle Wahlperiode wechselnden Entscheider und der nicht minder dem System der Macht ausgesetzten höheren Chargen? Oder einfach nur deren Angst, für eine Entscheidung gerade stehen zu müssen? Vermutlich all das zusammen. Und dies bringt uns zurück zur IBA und zur Heidelberger Stadtverwaltung. Natürlich sitzen auch dort Personen, die keine Überstunden scheuen, um dem Guten einen Weg zu bahnen, während andere, brillante Köpfe hin oder her, aus welchen Gründen auch immer kein Interesse am Fortkommen bestimmter Planungsschritte an den Tag legen. Die Verstricktheit der Menschen in allerlei Beziehungs- und Interessengeflechten lässt sich strukturell kaum aushebeln. Wer ein Mittel weiß, möge die Hand heben.
Eine Aufwertung für die ganze Stadt: der Landwirtschaftspark (Bild: IBA Heidelberg, Christian Buck)
Eine Aufwertung für die ganze Stadt: der Landwirtschaftspark (Bild: IBA Heidelberg, Christian Buck)
IBA für alle!
So ergab sich schon für vorangegangene IBAs die Tendenz zur Beschränkung auf Prozessgestaltung und Einwirken auf die lokale Planungskultur. In dieser Wirkung nach innen liegt immerhin ihre Stärke, nämlich Perspektiven zu erweitern, Projekte und vor allem Prozesse fachlich zu begleiten, zu stärken gegebenenfalls zu initiieren – und dabei, kaum zu unterschätzen, die Bedeutung der »Planungsphase 0« auch auf städtebaulicher Ebene ins allgemeine Bewusstsein zu rücken.
Allenthalben geht es darum, die Kooperationsbereitschaft zu stärken – es ist ja traurig genug, wenn man das explizit einfordern muss. Aber vielen Beteiligten ist nicht klar, dass Bauen Verantwortung für jedes Detail und alles drum herum bedeutet. Volker Hassemer ließ verlauten: »Wir recyceln jede Blechdose. Aber wir recyceln nicht Erkenntnisse, Verständnis, Überzeugungen hin zu einer besseren Zukunft – das ist eine Schwäche unserer Gesellschaft.«4
Im Grunde braucht jede Stadt eine IBA. Und die IBA dringend einen anderen Namen. In Heidelberg wird überlegt, die IBA-Mitarbeiter in die Verwaltung zu übernehmen. Klug, denn deren in zehn Jahren angesammelte Expertise wird gebraucht, zur Weiterführung der begonnenen Projekte und erst recht für neue. Bleibt also zu überlegen, wie auch andere Stadtverwaltungen zu einer solchen »Task-Force« kommen, die von Qualitätssicherung bis Durchhaltevermögen alles bieten und einfordern kann – und muss. Würden das Gesetzeslage und Budget hergeben?
IBA Direktor Michael Braum bei der Eröffnung des IBA-Finales (Bild: Engelbert Lütke Daldrup)
IBA Direktor Michael Braum bei der Eröffnung des IBA-Finales (Bild: Engelbert Lütke Daldrup)
Das ist es mir wert
- 1Eine Übersicht zu allen Projekten finden Sie hier: https://iba.heidelberg.de/de/projekte
- 2Stefan Rettich: Der Euphemismus »Knowledge Pearl«. In: LOGbuch No 3, Basel 2022, Seite 22-29
- 3Engelbert Lütke Daldrup: Plädoyer für eine Internationale Bauausstellung in Heidelberg. 2010
- 4Volker Hassemer, in: IBA Heidelberg (Hrsg): IBA magazin No 5