IBA-Time in Baden-Württemberg: Die IBA Heidelberg feiert ihr Finale, die in Stuttgart hat Halbzeit. Was können wir von der IBA27 in fünf Jahren erwarten?
2027 werden wir auf eine hundertjährige Geschichte der Weißenhofsiedlung zurückblicken. Derzeit schaut die Region Stuttgart eher mit Sorgenfalten in die Zukunft und ihre Vertreter fragen sich, ob die Internationale Bauausstellung, die „IBA27 – Stadtregion Stuttgart“ diesem modernen Denkmal der Siedlungsgeschichte auf Augenhöhe begegnen kann.
„Ich warte immer noch darauf, dass jüngere und intelligente Politiker das Thema von Stadt, Landschaft und Ökologie als relevant und karriereförderlich aufgreifen werden.“ Thomas Sieverts 1Es war von Anfang an mutig. Ein Stück moderner Architekturgeschichte in Insellage, das bauliche Zeugnis einer Epoche, die quasi ein Dauerabo auf das Morgen hat, wurde als ein in der Zukunft liegendes Vorbild genommen. Daran wurde die Frage geknüpft, wie wir im 21. Jahrhundert in einer polyzentralen Stadtregion leben wollen. Das ist viel Zukunft auf einmal: Auch 2027 soll es um das gehen, was, nach 2027 kommen soll. Dass das Bauen und Planen aber nicht in der Gegenwart ankommt, hat ziemlich handfeste Gründe. Und sie sind es, die der IBA das Leben schwer machen.
Warum ist es so still?
Wohin verortet sich die IBA? Wie wirkt sie auf das regionale Gefüge? (Grafik: Hanisch/Schwarz)
Wohin verortet sich die IBA? Wie wirkt sie auf das regionale Gefüge? (Grafik: Hanisch/Schwarz)
An welche Typologien lässt sich anknüpfen wenn eine Region weiterentwickelt wird? Siegerentwurf zum Esslinger Tobias-Mayer-Quartier. (Bild: StudioVlayStreeruwitz/Carla Lo)
An welche Typologien lässt sich anknüpfen wenn eine Region weiterentwickelt wird? Siegerentwurf zum Esslinger Tobias-Mayer-Quartier. (Bild: StudioVlayStreeruwitz/Carla Lo)
Bei solchen kritischen Stimmen müsste eigentlich lebendig darüber spekuliert und gestritten werden, warum die Exzellenz auf der Kippe steht. Aber es ist so still. Niemand wundert sich, kaum einer wehrt sich dagegen, dass nach fünf Jahren die Zukunft noch in Routinen verheddert ist.
Appelle und Abstimmungen
Wie lässt sich aus dem komplexen Themenbündel der Planung eine fruchtbare Diskussion entwickeln? (Grafik: Hanisch/Schwarz)
Wie lässt sich aus dem komplexen Themenbündel der Planung eine fruchtbare Diskussion entwickeln? (Grafik: Hanisch/Schwarz)
In seiner Zwischenbilanz hat Hofer den aus seiner Sicht wesentlichen Malus benannt, der sich in den einfachen Appell umformulieren ließe: Traut euch! Dass die Gestaltungspotenziale in der Region in einer Diskussion zwischen Ökonomie und Ökologie drohen zerrieben zu werden, zeigt der Appell vom Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann an die Bürger Weilheims, im Bürgerentscheid für den Bau einer Brennstoffzellenfabrik zu stimmen, ansonsten drohe der regionale und internationale Abstieg. Der Appell hatte in diesem Fall Erfolg, die Fabrik kann gebaut werden. 6
Anders ging es in Donsdorf aus, der dort geplante High-Tech Park im Lautertal scheiterte im Bürgerentscheid. 7 Kein Einzelfall: Die Bürger Dettingens stimmen gegen das Gewerbegebiet auf dem Hungerberg. „Region Stuttgart muss neuen Hochtechnologie-Standort suchen“, titelt SWR aktuell. 8
Dabei sind das genau die Projekte, die man in der Regionalverwaltung vor Augen hatte, als man die Idee mit der IBA platzierte: Projekte, die existenziell für die Transformation sind, aber vom derzeitigem Planungssystem ausgebremst werden. Thomas Kiwitt bezweifelt zu Recht, dass die politische Teilhabe am Wohnort ausreicht – die regionale Perspektive, der regionale Alltag bleibt außen vor. „Was ist mit den Pendlern?“ Es bleibt der Eindruck, dass man sich daran gewöhnt hat, Bürgerwiderstand als fast alleinige zukunftsformende Kompetenz zu akzeptieren. An ihr arbeiten sich nicht nur Hofer und Kretschmann, sondern auch Thomas Kiwitt und sein Kollege, Walter Rogg von Geschäftsführung der Wirtschaftsförderung, ab. Sie tingeln durch die Region und versuchen, Bürger:innen zu überzeugen.
Eine solche appellative Praxis ist letztlich aber nur das Symptom für tiefsitzende strukturelle Probleme. Der Regionalplan sei ein zu restriktives Instrument, so Kiwitt. Ursprünglich konzipiert, um den Siedlungsdruck in der Region zu steuern, verhindert es heute aufgrund seiner strengen Vorgaben genau dies. Thomas Kiwitt beschreibt seine neue Rolle so: „Früher habe ich den Kommunen sagen müssen, dass sie nicht in die Restriktionsflächen bauen können, heute muss ich sie dazu auffordern.“ Der ehemalige Regionalpräsident Dr. Bernd Steinacher sprach gerne vom „atmenden“ Regionalplan und meinte damit eine kultivierte Form des Miteinanders von Kommunen und Region. Das war wohl eine andere Zeit. Heute scheint der Regionalplan eher zu röcheln. Zwischen regionalen Zwecken und kommunalem Vorgehen ist ein Vakuum entstanden.
Siegerentwurf im Wettbewerb »Wohnen am Fluss in Untertürkheim« (Bild: NL Architects)
Siegerentwurf im Wettbewerb »Wohnen am Fluss in Untertürkheim« (Bild: NL Architects)
Das IBA-Netz als regionales Labor
Den Diskussionsprozess zu intensivieren kann nicht allein an die IBA delegiert werden. (Bild: IBA'27 / Franziska Kraufmann)
Den Diskussionsprozess zu intensivieren kann nicht allein an die IBA delegiert werden. (Bild: IBA'27 / Franziska Kraufmann)
Fast 150 Projekte: Das IBA Netz. (Bild: IBA27)
Fast 150 Projekte: Das IBA Netz. (Bild: IBA27)
Wo liegt die Zukunft der Region. (Grafik: Hanisch/Schwarz)
Wo liegt die Zukunft der Region. (Grafik: Hanisch/Schwarz)
Die Stadt ist kein geschlossenes und deterministisches System. Sie braucht permanente Debatte. Sie braucht aber auch eine Handlungsmacht und einen räumlichen Bezugsrahmen, der ihren Herausforderungen und dem Alltag der Menschen angemessen ist. Kurz bevor die Region Stuttgart 1994 gegründet wurde, schreibt Otl Aicher als Nachwort zu „die welt als entwurf“, dass „in kritischen Situationen (…) deutlich werden kann, wie wenig unser wissen und unser handeln noch aufeinander bezogen sind“, und weiter: „verantwortung ist nur noch antwort. reden und tun sind auseinandergebrochen.“ 11 Im IBA-Jahr 2027, 33 Jahre nach der Gründung der Region Stuttgart sollte sichtbar werden, wie diese Lücke wieder geschlossen werden kann.
Das ist es mir wert
- 1Stefan Kurath: jetzt: die Architektur. Zürich 2022, S. 240
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- 9Axel Simon: Mehr Stadt an der Glatt : sie nennen sich das Krokodil : eine Gruppe junger BSA-Architekten macht das Glattal zur Grossstadt : ein Plan zur Verdichtung. In: Hochparterre : Zeitschrift für Architektur und Design (2011), S. 24 Siehe >>>
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- 11Otl Aicher: die welt als entwurf. Berlin 1991, S. 198