Keine Abhilfe: Wohnungen als Anlage. Berlin, Europacity. (Bild: Christian Holl)
Keine Abhilfe: Wohnungen als Anlage. Berlin, Europacity. (Bild: Christian Holl)
Die Lage auf dem Wohnungsmarkt ist dramatisch. Politische Vorschläge und Entscheidungen bewegen sich auf dem Niveau dessen, was sich seit Jahren als untauglich erwiesen hat, unbequemen Schritten wird aus dem Weg gegangen. Mit guten Projekten gegen eine Politik anzuarbeiten, die dafür sorgt, dass diese Projekte die Ausnahme bleiben, ist ein Kampf gegen Windmühlen. Es wird Zeit, dass wir uns auf die Suche nach den Ursachen der Misere machen.
„Be prepared“ schrieb kürzlich Stephan Reiß-Schmidt auf Linkedin. Der Bodenpolitikexperte, Bodenwende-Mitinitiator, ehemalige Stadtdirektor und Leiter der Hauptabteilung Stadtentwicklungsplanung Münchens mahnt: „Wir sollten uns in Kommunen und Planungsbüros auch darauf vorbereiten, wie wir das Schlimmste verhindern können, falls dieser unglaubliche Entwurf tatsächlich Gesetz wird.“ 1 Dieser „unglaubliche Entwurf“ ist der geplante §246e im Baugesetzbuch. Mit ihm würden für das Bauen von Wohnungen in Gebieten mit angespannten Wohnungsmärkten fast alle Bindungen entfallen – ein Alptraum. Inzwischen spricht sich ein breites Bündnis von Verbänden und Institutionen gegen diesen §246e aus.2 Hoffen wir, dass sie mit ihrem Einspruch erfolgreich sind. Dann aber wäre nur das Schlimmste verhindert. Gewonnen wäre nichts.Desaströse Arbeitsteilung
Immer weitere Neubauten helfen allein nicht. Es will nur keiner wahrhaben. Wohnsiedlung Schildacker, Freibhurg. (Bild: Wikimedia Commons, Andreas Schwarzkopf, CC BY-SA 4.0)
Immer weitere Neubauten helfen allein nicht. Es will nur keiner wahrhaben. Wohnsiedlung Schildacker, Freibhurg. (Bild: Wikimedia Commons, Andreas Schwarzkopf, CC BY-SA 4.0)
Die Diskussionen um den Wohnungsmarkt, dessen Unzulänglichkeiten und Zumutungen leiden auch an anderen Stellen unter verfestigten Strukturen, in die keine Bewegung kommt. Dabei liegen die Analysen schon lange auf dem Tisch. „Die in ihren Sozialbeziehungen ausgedünnte Kleinfamilie stellt eine ungeheure Arbeitsintensivierung dar. Vieles, was gemeinsam über mehrere Familien hinweg leicht(er) gelöst werden kann, wird, wenn man ihm allein gegenübersteht, zur Dauerüberforderung. […] Die berufliche Mobilität und der Trend zum Single-Dasein sind bereits Beton geworden“, so Ulrich Beck 1986.4 Und Ernst Hubeli knapp 35 Jahre später: „Gälte es, das historisch Spezifische im beginnenden 21. Jahrhundert zu bezeichnen, dann wäre es die Diskrepanz zwischen heterogenen Lebensformen und homogenen Wohnformen.“ 5
Was ist normal?
In den 1980ern durfte man noch von Modellen sprechen. Heute sollte man nicht mehr so zun, als beträten wir Neuland. Katalog der ersten bayrischen Initiative für experimentellen Wohnungsbau (Bild: Titel Publikation)
In den 1980ern durfte man noch von Modellen sprechen. Heute sollte man nicht mehr so zun, als beträten wir Neuland. Katalog der ersten bayrischen Initiative für experimentellen Wohnungsbau (Bild: Titel Publikation)
Wenig weiter kommt man, wenn man immer nur weiter auf die Wohnfläche je Person verweist, die seit Jahren wächst. Eher sollte man genau hinschauen. Diese Zahl ist bei den über 65-jährigen Alleinlebenden am höchsten: 83 Quadratmeter beträgt sie 8, und damit lässt sich auch ein Teil des Wachstums erklären. Er kommt von den alt werdenden Boomern, vorzugsweise in den Einfamilienhäusern. Es hilft nicht weiter, ihnen daraus einen Vorwurf zu machen. Vielmehr muss man sich fragen, warum alternativen Angebote für ältere Menschen fehlen, warum so wenig in solche Angebote und in die Unterstützung und Beratung für einen Umzug investiert wird.
Großsiedlungen werden immer noch grundsätzlich skeptisch beäugt, auch wenn sie noch so gut funktionieren. Alt-Erlaa, Wien. (Bild: Christian Holl)
Großsiedlungen werden immer noch grundsätzlich skeptisch beäugt, auch wenn sie noch so gut funktionieren. Alt-Erlaa, Wien. (Bild: Christian Holl)
Privatisierungen bis ins Mark
In den letzten Jahrzehnten wurden nicht nur Wohnungsmärkte, sondern auch Risiken privatisiert: Armutsrisiken, insbesondere das Altersarmutsrisiko, das Risiko also, krank und arbeitsunfähig zu werden. Wir bekamen die Ich-AG, die Riesterrente und die Privatversicherung. Kliniken wurden geschlossen, Zahnbehandlungen und Brillen Privatangelegenheiten. Die Menschen wurden zu „Unternehmer ihrer selbst“. 12 Care-Leistungen für die Gemeinschaft wie Kindererziehung oder Ehrenamt schlagen sich nicht in Sicherheit vor Altersarmut nieder: „Die Generationen, die nach 1973 geboren wurden, haben wieder gelernt, Angst zu haben.“ 13 Und auch der Wohnungsmarkt instrumentalisiert die Angst. 14
Das Ideal: Exklusiv, nicht integriert. (Bild: Christian Holl)
Das Ideal: Exklusiv, nicht integriert. (Bild: Christian Holl)
Es sorgt dafür, dass Grenzziehungen attraktiv werden, mit denen anderen der Zugang zu gesellschaftlichen Chancen vorenthalten wird, um sie für sich selbst zu sichern. Der Neoliberalismus hat, so der Befund von Paul Mason, das Denken und Verhalten der Menschen verändert. 18 Die Individualisierung der Lebensstile und von Risiken wird nicht durch eine Form des Zusammenlebens, der Rücksichtnahme und der Solidarität kompensiert, die ihr zugrunde liegenden Verhaltensweisen werden nicht mehr so selbstverständlich wie früher erlernt. Statt dessen werden Einschränkungen individuellen Konsums als eine unzumutbare Übergriffigkeit des Staates empfunden.19 Dabei ist es nicht nur die eine Form der Steuerung, die wirklich wirkt, sie ist auch gerecht 20 – individuelle Einschränkungen, freiwillig oder nicht, schaffen allenfalls die Freiräume, damit andere sich nicht einschränken müssen. Auch ein Rebound-Effekt.
Raus aus der Falle
Das ist es mir wert
- 1Linkedin, Eintrag vom 30. Januar, unter >>>
- 2siehe : „Appell gegen die Einführung des „Bau-Turbo“ – § 246e Baugesetzbuch“, unter >>>
- 3Der Immobilienmarkt profitiert vom knappen Wohnungsangebot, das Boden- wie Mietpreise hochtreibt. Ernst Hubeli: die neue Krise der Städte. Zur Wohnungsfrage im 21. Jahrhundert. Zürich 2020, S. 14. Siehe auch: Hauptsache die Aktionäre bekommen ihre Rendite, Die Zeit vom 8. November 2023 >>>
- 4Ulrich Beck: Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne. Frankfurt am Main 2015 (Erstauflage 1986), S. 202
- 5Ernst Hubeli: Die neue Krise der Städte. Zur Wohnungsfrage im 21. Jahrhundert. Zürich 2020, S. 37 f.
- 6Destatis.de, Haushalte und Haushaltsmitglieder >>>
- 7siehe: SWR2 Wissen, 20. Mai 2023 >>> (ab ca. 28:10)
- 8Destatis.de, „Haushalte der Altersgruppe 65+ haben pro Kopf den meisten Wohnraum zur Verfügung“, Pressemitteilung vom 15. Juni 2023 >>>
- 9Philipp Lepenies: Verbot und Verzicht. Politik aus dem Geiste des Unterlassens. Berlin 2022, S. 16. Als ergänzende Lektüre, die zeigt, wie sehr die Ideen des Neoliberalismus in eine Mikropolitik münden, die darauf abzielt, Wirkungen auf Bewusstsein und Handeln zu entfalten, Denkfähigkeit und Handlungsweisen radikal zu verändern, sei empfohlen: Grégoire Chamayou: Die unregierbare Gesellschaft. Eine Genealogie des autoritären Liberalismus. Berlin 2019
- 10Ebd., S. 256
- 11Ebd., S. 259
- 12Paul Mason mit Verweis auf Michel Foucault. Paul Mason: Klare, lichte Zukunft. Eine radikale Verteidigung des Humanismus.Berlin 2019, S. 73
- 13Grégoire Chamayou: Die unregierbare Gesellschaft. Eine Genealogie des autoritären Liberalismus. Berlin 2019 S. 41
- 14Ernst Hubeli: Die neue Krise der Städte. Zur Wohnungsfrage im 21. Jahrhundert. Zürich 2020, S. 15 f.
- 15Wilhelm Heitmeyer: Autoritäre Versuchungen. Berlin 2018, S. 126f.
- 16Ebd., S. 130
- 17Ebd., S. 134. Siehe auch Stephan Lessenich: „Denn es sind eben nicht nur 'die da oben', die etwas gegen die Öffnung von Berechtigungsräumen und eine gesellschaftliche Verallgemeinerung der Lebensgestaltungsschancen haben und die auf diesbezügliche Avancen mit Versuchen der Verzögerung oder Verhinderung entsprechender Fortschritte antworten. Auch für die in der Konkurrenz um ihre Marktchancen stehenden Normalsterblichen erscheint die Öffnung von Berechtigungsräumen als Bedrohung ihrer erkämpften und als solcher wertgeschätzten, im Zweifel sogar selbst prekären Statusposition.“ Grenzen der Demokratie. Teilhabe als Verteilungsproblem. Ditzingen 2020, S. 87
- 18Paul Mason: Klare, lichte Zukunft. Eine radikale Verteidigung des Humanismus.Berlin 2019, S. 68.
- 19„Der Erfolg des Neoliberalismus beruht auch darauf, dass genügend Menschen davon überzeugt worden sind, dass die neoliberalen Grundprämissen einen unumstößlichen, naturgesetzlichen Charakter haben. In der hefitgen Reaktion auf Verbotspläne zeigt sich das überdfeutlich. Die Grundprämissen des Neoliberalismus lassen, den Schluss zu,dass Verbot und Verzicht, vom Staat verordnet, illegitim sind und unterlassen werden müssen.“ Philipp Lepenies: Verbot und Verzicht. Politik aus dem Geiste des Unterlassens. Berlin 2022, S. 252
- 20Vgl. Michael Kopatz: Ökoroutine. Damit wir tun, was wir für richtig halten. München 2018
- 21„Mehrere Familien übergreifende Lebens- und Unterstützungszusammenhänge werden meist schon durch die Wohnverhältnisse ausgeschlossen. Die berufliche Mobilität und der Trend zum Single-Dasein sind bereits Beton geworden. Die Wohnungen werden kleiner. Sie bleiben ganz auf die individuelle Familienmobilität zugeschnitten. Dass mehrere Familien zusammenziehen und zusammen mobil sein wollen, bleibt vom Grundriss der Wohnungen, Häuser, Wohnviertel ausgeschlossen.“ Ulrich Beck: Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne. Frankfurt am Main 2015 (Erstauflage 1986), S. 202
- 22Philipp Lepenies: Verbot und Verzicht. Politik aus dem Geiste des Unterlassens. Berlin 2022, S. 19