Sie finden sich nur noch selten in den Städten: Tankstellen. Und sie werden vielleicht dort sogar ganz verschwinden. Doch damit würde auch ein urbaner Sozialraum verloren gehen. Wie könnte man darauf reagieren?
„‚Geschockt‘ und ‚traurig‘: Die traditionsreiche Tankstelle in Frankfurt schließt ihre Tore. Nach über sechs Jahrzehnten soll das Gelände einer Tankstelle in Frankfurt verkauft werden. Die Bewohner von Heddernheim und Römerstadt können die Nachricht noch gar nicht fassen.“ So lauteten die einleitenden Zeilen eines Artikels, der im Januar 2022 in der Frankfurter Neuen Presse (FNP) erschien 1. Die Autorin beschrieb den Unmut der Bevölkerung über das Ende einer Tankstelle – die Eigentümer:innen hatten beschlossen, die Tankstelle zugunsten von Wohnungsbauten zu veräußern. Der Artikel zitiert einen Facebook-Nutzer mit den Worten: „Wenn ein Wille dagewesen wäre, um die Tankstelle und damit auch ein Stück Tradition für den Stadtteil zu erhalten, wäre bestimmt auch ein Weg gefunden worden. Hier wird alles geopfert für Wohnungen.“ Warum löst die Obsoleszenz einer Mineralöl-Tankstelle solch sentimentale Gefühle aus, 2022, in dem Jahr, in dem ein mögliches Aus des Verbrennungsmotors im Kontext des europäischen Green Deals bereits diskutiert wurde, der Übergang zu nachhaltigen Mobilitätsformen für jede und jeden nachvollziehbar sein sollte, der Druck auf den Frankfurter Wohnungsmarkt eklatant hoch ist? Die Heddernheimer bezeichneten ihre Tankstelle als eine der „tragenden Säulen des Heddernheimer Gemeindewesen“. Was aber macht die Bedeutung von Tankstellen für die lokale Bevölkerungen eigentlich aus? Handelt es sich bei Tankstellen um einen urbanen Sozialraum, der allmählich verschwindet?
Geschlossene Tankstelle in Frankfurt. (Bild: Marie Luisa Jünger)
Geschlossene Tankstelle in Frankfurt. (Bild: Marie Luisa Jünger)
Immer weniger Großstadttankstellen
Zwar lassen die Bilder von Autos, die tagtäglich die Innenstädte verstopfen, einen kaum vorstellen, dass sich perspektivisch viel ändern wird. Das Handeln der großen Mineralölkonzerne macht jedoch Hoffnung, dass die klassische Mineralöltankstelle in nicht allzu ferner Zukunft einer autogerechten Vergangenheit angehören wird: Exxon Mobil, Betreiber der Esso-Tankstellen, und der französische Mineralölkonzern Total verkauften in den letzten Jahren ihre deutschen Tankstellennetze und beschränken sich seitdem auf die Belieferung mit Kraftstoffen. Aral und Shell setzen dagegen darauf, die Tankstellen an perspektivische Bedarfe anzupassen: Das Verkaufs- und Nutzungsangebot soll steigen. Aral möchte zudem Tankstellen mit Schnellladesäulen für E-Autos ausstatten. Allerdings ist das deutsche Stromnetz einem flächendeckenden Netz an Schnellladesäulen noch nicht gewachsen ist.
Die Faszination Tankstelle
Tankstellen der Reichskraftsprit GmbH, Berlin (1927-1928), Perspektivische Ansicht Wärterhaus großer Typ, Hans Poelzig, 1927. (Public Domain, Architekturmuseum der TU Berlin)
Tankstellen der Reichskraftsprit GmbH, Berlin (1927-1928), Perspektivische Ansicht Wärterhaus großer Typ, Hans Poelzig, 1927. (Public Domain, Architekturmuseum der TU Berlin)
Elemente einer Tankstelle – bis heute kaum verändert. ( Grafik: Sabine Tastel)
Elemente einer Tankstelle – bis heute kaum verändert. ( Grafik: Sabine Tastel)
Immer noch werden Tankstellen romantisiert und mit Worten wie Freiheit, Wanderlust, zufällige und unerwartete Begegnungen, nächtlicher Treffpunkt in Verbindung gebracht. Dass die Tankstelle zum Symbol für Fortschritt und Freiheit wurde, stammt aus einer Zeit, in der Mineralöl für die Allgemeinheit preiswert wurde und als unerschöpflich galt. In Filmen und der Literatur werden Tankstellen häufig als Kulissen für zufällige, unerwartete, aber auch explosive und kriminelle Begegnungen verwendet. Das wohl bekannteste Beispiel ist der Kultfilm „Die Drei von der Tankstelle“, bei dem die Tankstelle zum zentralen Ort des Geschehens wird. Das Phänomen junger Erwachsener, die ihre Abende an Tankstellen verbringen, wurde 2004 von dem Fotografen Tobias Zielony in einer eindrucksvollen Fotoserie dokumentiert. Begleitende Texte des Verlegers Jan Wenzel untermalen die Bilder mit Aussagen der Jugendlichen, die die Tankstellen als verlässlichen Treffpunkt der lokalen Jugend beschreiben 7.
Tankstelle, 2004 (Bild: Tobias Zielony )
Tankstelle, 2004 (Bild: Tobias Zielony )
Repräsentant einer globalen Megaindustrie
Beobachtungen in Frankfurt am Main
Inventur der Tankstellen in Frankfurt/Main. (Grafik: Sabine Tastel)
Inventur der Tankstellen in Frankfurt/Main. (Grafik: Sabine Tastel)
Ich führte nun zu unterschiedlichen Tages- und Nachtzeiten in einer warmen Woche im August 2022 Raumbeobachtungen entsprechend der Burano-Methode durch, die folgendes ergaben: Am Samstagnachmittag bei 33° Celsius Außentemperatur wurde der eigentliche Tankvorgang zur Nebentätigkeit. Die zentrale Aktivität bestand im ausgiebigen Waschen von Autos durch mehrheitlich männlich gelesene Personen. Trotz regen Treibens und Warteschlangen bei der Autodusche entstand keine Hektik auf dem Grundstück. „Männer“ unterbrachen ihren Putzvorgang, lehnten an ihren Autos und beobachteten das Geschehen. Neben dem ausgiebigen Waschen von Autos waren am Samstagnachmittag eine Vielzahl an Einzelaktivitäten zu beobachten, die der Multifunktionalität des Raumes gerecht wurden. Obwohl sich ein Discounter-Supermarkt auf dem direkt angrenzenden Grundstück befindet, kamen einige Personen zur Tankstelle, um sich dort im Shop zu versorgen, vermutlich, um lange Warteschlangen im Supermarkt zu vermeiden. Sonntagnacht wurde die Tankstelle, wie zu erwarten, zum Nahversorger. Personen kamen zu Fuß oder mit dem Auto, um sich im kleinen Tankstellenshop mit allerlei zu versorgen.
Tankstelle in Sachsenhausen-Süd, an der die Raumbeobachtungen entstanden sind. (Bild: Sabine Tastel)
Tankstelle in Sachsenhausen-Süd, an der die Raumbeobachtungen entstanden sind. (Bild: Sabine Tastel)
Vom Sozialraum für den „Mann“ zum Sozialraum für Alle
Raumbeobachtungen an der Aral-Tankstelle Sachsenhausen-Süd. ( Grafik: Sabine Tastel)
Raumbeobachtungen an der Aral-Tankstelle Sachsenhausen-Süd. ( Grafik: Sabine Tastel)
Angesichts der sich abzeichnenden Perspektive, dass Tankstellen allmählich aus dem Stadtbild verschwinden könnten und das Waschen von Elektroautos vermehrt in große Waschstraßen am Stadtrand verlegt wird, bleibt dennoch der Wunsch, dass die eine oder andere Tankstelle als informeller Begegnungsort in der Stadt erhalten bleibt – jedoch ohne Verbindung zu den großen Mineralölunternehmen und unbedingt als Sozialraum für Alle.
Hang in Hang Out (Grafik: Thomas Rustemeyer auf Grundlage von Ariane Kuntzsch, Uni Kassel)
Hang in Hang Out (Grafik: Thomas Rustemeyer auf Grundlage von Ariane Kuntzsch, Uni Kassel)
Das ist es mir wert
- 1Spillner, Michelle: „Geschockt“ und „traurig“: Traditions-Tankstelle in Frankfurt macht dicht. In: Frankfurter Neue Presse, 15.01.2022.
- 2Rettich, Stefan / Tastel, Sabine (2022): Modellannahmen für Hamburg. https://obsolete-stadt.net/wpcontent/uploads/2022/09/03_Hamburg_Modellannahmen_220808.pdf (letzter Zugriff am 08.09.2023).
- 3KBA (2024): Anzahl der Neuzulassungen von Elektroautos in Deutschland von 2003 bis Januar 2024. In: Statista. Statista GmbH. https://de.statista.com/statistik/daten/studie/244000/umfrage/neuzulassungen-von-elektroautos-in-deutschland/ (letzter Zugriff am 21.02.2024).
- 4Bundesverband CarSharing (2023): Anzahl registrierter Carsharing-Nutzer in Deutschland von 2013 bis 2023. In: Statista. Statista GmbH. https://de-1statista-1com-196zxkc1g2fda.han.ub.uni-kassel.de/statistik/daten/studie/324692/umfrage/carsharing-nutzer-in-deutschland/ (letzter Zugriff am 11.09.2023).
- 5Zukunftsinstitut GmbH; Ford-Werke GmbH : Mobility-Zeitgeiststudie-Studie 2020. Die mobile Generation Z. https://www.zukunftsinstitut.de/fileadmin/user_upload/Publikationen/Auftragsstudien/Ford_Mobility_Zeitgeist_Studie_2020-Zukunftsinstitut.pdf (letzter Zugriff am 08.09.2023).
- 6Ahrens Gerd-Axel (2011): Zur Zukunft von Mobilität und Verkehr. Auswertung wissenschaftlicher Grunddaten, Erwartungen und abgeleiteter Perspektiven des Verkehrswesens in Deutschland. Forschungsbericht FE-Nr. 96.0957/2010 TU Dresden, Verkehrs- und Infrastrukturplanung, S.20 ff.
- 7Oswalt, Philipp (2004): Schrumpfende Städte / Shrinking Cities. Berlin: Hatje Cantz, 582 f.
- 8Dagett, Cara New (2023): Petromaskulinität. Fossile Energieträger und autoritäres Begehren. Berlin: Matthes & Seitz. (Übers. David Frühauf)
- 9OpenStreetMap Mitwirkende (2021): Open Street Map. Open Data Commons Open Database-Lizenz (ODbL). https://www.openstreetmap.org/ - map=7/49.493/14.183 (letzter Zugriff am 21.02.2024).