Luftbild des Gewerbegebiets Foetz, zwischen Luxemburg-Stadt und Esch-sur-Alzette. (Bild: © Administration du Cadastre et de la Topographie)
Luftbild des Gewerbegebiets Foetz, zwischen Luxemburg-Stadt und Esch-sur-Alzette. (Bild: © Administration du Cadastre et de la Topographie)
Die Debatten um Architektur und Städtebau werden immer mehr vom Bauen im Bestand beherrscht. Allerdings mit einem eingeschränkten Blick, wird darunter doch noch allzu oft der Umbau von Stadtzentren und zentrumsnahen Arealen verstanden. Gewerbegebiete tauchen in diesen Diskussionen so gut wie nie auf. Warum eigentlich?
Ihr Potenzial ist allein schon wegen ihrer schieren Ausdehnung oftmals größer als das Bauen im Bestand wie es meist praktiziert wird – als Renovierung und Aufstockung von Altbauten, Umnutzung von Bürogebäuden, Konversion städtischer Bahnareale, oder manchmal gar unter Fehlinterpretation der so genannten Innenentwicklung als Erschließung baureifer Grundstücke, selbst wenn sie unversiegelt sind. Dennoch bleiben sie in den aktuellen Diskussionen über die Transformationen der Städte unberücksichtigt. Gewerbegebiete prägen wie wenig andere (Nicht-)Orte unsere Zwischenstädte.1 Während Forderungen nach der produktiven Stadt eher darauf zielen, Gewerbe wieder in die Stadt zu integrieren, geht es bei den meisten Modellprojekten der Konversion von Gewerbegebieten um reformatorische Maßnahmen, also um Anlagen für Grünflächen und zur Gewinnung regenerativer Energien, um die Förderung innovativer Ökonomien oder die Durchmischung mit tertiären Nutzungen – nicht aber darum, sie in resolut urbane Orte mit Wohnen, öffentlichen Räumen und sozialer Infrastruktur umzubauen. Die Prospektivplanung Luxembourg in Transition 2050, hatte zum Ziel, Konzepte für jene Region Europas zu entwickeln, die den höchsten ökologischen Fußabdruck pro Kopf aufweist, so dass sie bis 2050 klimaneutral wird und gleichzeitig auf die Folgen von Klimawandel und Ressourcenschwund vorbereitet ist.2 Im Rahmen dieser Planung hatte ein interdisziplinäres Team unter Führung der Universität Luxemburg die Gelegenheit, Strategien für die konsequente Transformation des größten Gewerbegebiets Luxemburgs3 – Foetz – in ein wahrhaft urbanes Quartier zu erarbeiten – Strategien, die derzeit tatsächlich konkretisiert werden.Billiges Land, fossile Andienung
Gewerbegebiete sind sowohl ein Produkt des Funktionalismus als auch der Massenkonsumgesellschaft. Die funktionalistische Stadtplanung hat die schmutzige Produktion und später die Stätten des Massenkonsums aus den Städten abgezogen (oder in der City fußgängerfreundlich konzentriert) und sie in neu erschlossenen, autogerechten Zonen gebündelt, die sich als Cluster von Verkaufs-, Lager- und Produktionsstätten ausbreiteten. Dabei folgte die Standortwahl keiner Raumplanungsstrategie, sondern der Logik der fossilen Infrastrukturnetze und der Frage, ob Land günstig zu erwerben war.
Könnte auch ein Foto aus irgendeinem anderen Gewerbegebiet sein. Foetz heute. (Bild: Florian Hertweck)
Könnte auch ein Foto aus irgendeinem anderen Gewerbegebiet sein. Foetz heute. (Bild: Florian Hertweck)
Umbaustrategie: Die Pakplätze könnten für eine Blockrandbebauung parzelliert und nach und nach bebaut werden. (Darstellung: Universität Luxemburg)
Umbaustrategie: Die Pakplätze könnten für eine Blockrandbebauung parzelliert und nach und nach bebaut werden. (Darstellung: Universität Luxemburg)
Learning from Foetz
Foetz ist eine Hitzeinsel. Die Temeraturen können 5 Grad über der Umgebung liegen. (Bild: Universität Luxemburg / LIST)
Foetz ist eine Hitzeinsel. Die Temeraturen können 5 Grad über der Umgebung liegen. (Bild: Universität Luxemburg / LIST)
Foetz wird täglich von mehr als 60 000 PKWs angefahren, die dafür 269 000 Passagierkilometer zurücklegen und 55 Tonnen CO2 ausstoßen. 72 Prozent der gesamten Fläche sind mit Leichtbauhallen und 6200 Parkplätzen versiegelt, die nur vor besonderen Feiertagen ausgelastet sind. Der extrem hohe Versiegelungsgrad führt dazu, dass das Gebiet bei hohen Temperaturen zur Hitzeinsel wird, wobei der Temperaturunterschied zur umgebenen Landschaft bis zu 5 °C erreichen kann. Weil Wasser nirgendwo versickern kann, vermag bei Starkregen die Mischkanalisation die Wassermengen nicht mehr aufzunehmen, wodurch der Foetz flankierende Bach regelmäßig mit Schmutzwasser überschwemmt wird.
Transformation des Gewerbegebiets Foetz in ein durchmischtes Stadtquartier für 10 000 Bewohner, von links nach rechts:
2023 Ist-Zustand
2025 kurzfristige Maßnahmen, um die Nutzung der Zone durch das PKW zu reduzieren, indem wandelbare Hochgaragen an strategischen Positionen aufgebaut werden, das Gebiet an das ÖNPV angebunden wird und durch die Hauptstraße in ein Shared Space (für Busse, Fußgänger und Radfahrer) transformiert wird.
2030 Kleinteilige Misch-Bebauung der Randzonen der Parkplätze bei gleichzeitiger Renaturierung der Zwischengebiete. Mindestens 70 Prozent Wohnungsbau. Als Narrativ für das neue Gewerbe: Reparatur, Holzproduktion und Handwerk
2035 Die Übertragung des Systems auf das weitere Gebiet. 10 000 Menschen könnten hier leben. Die Zwischenräume sind renaturiert. Das Gebiet ist autofrei. (Alle Bilder: Universität Luxemburg)
Wo heute Parkplatzflächen stehen, können kleinteilige Blocks entstehen. Die Zwischenräume werden renaturiert. (Bild oben: Florian Hertweck, unten: Universität Luxemburg / Aristaviva)
Wo heute Parkplatzflächen stehen, können kleinteilige Blocks entstehen. Die Zwischenräume werden renaturiert. (Bild oben: Florian Hertweck, unten: Universität Luxemburg / Aristaviva)
Teils sind die Liegenschaften aber auch in Privatbesitz; die Besitzer nutzen sie entweder selbst oder verpachten sie. Wie kann man diese Eigentümer für die Transformation gewinnen? Zum einen mit dem Argument, dass durch die Einführung von Wohnen durchaus höhere Pachtzinsen erzielt werden können als mit den Parkplatzflächen. Allerdings geht es bei der Operation nicht nur darum, private Profite zu generieren, sondern das Gemeinwohl der weiteren Entwicklung zu sichern, weshalb unser Projekt 40 Prozent selbstorganisierten, 40 Prozent geförderten und 20 Prozent freifinanzierten Wohnungsbau vorsieht, um das Gebiet nicht nur funktional, sondern auch sozial zu durchmischen. Zum anderen stehen viele Geschäftsmodelle vor allem der Einkaufszentren und der Autohäuser unter Stress, weshalb viele Grundstückseigentümer offen für eine neue Entwicklung sind. Da jedes Unternehmen bleiben können soll, ging es darum, zunächst eine typomorphologische Koexistenz zwischen den großkörnigen decorated sheds und den neuen Gebäuden zu entwickeln. Obwohl wir prinzipiell aus der gesamten Bandbreite des typologischen Städtebaurepertoires schöpfen, lag es nahe, auf kleinteilige Blockrandbebauungen an der Kante der riesigen Parkplatzflächen zu setzen. Dadurch können die Zwischenräume renaturiert werden. Essenziell war es dabei, die Mischnutzung der Gebäude festzulegen: mit kleinteiligerem Gewerbe und freiberuflichen Nutzungen im Erdgeschoss und Wohnungen in den Etagen. Als Narrativ für die weitere Entwicklung des Gewerbes sieht unser Konzept den Ausbau der Repair-Ökonomie vor sowie den Aufbau eines Holzclusters, der in Luxemburg dringend benötigt wird und großkörnige Volumen und Flächen benötigt.
Wo heute ein Kreisel ist, wird morgen ein zentraler, autofreier Platz entstehen. (Bild oben: Florian Hertweck, unten: Universität Luxemburg / Aristaviva)
Wo heute ein Kreisel ist, wird morgen ein zentraler, autofreier Platz entstehen. (Bild oben: Florian Hertweck, unten: Universität Luxemburg / Aristaviva)
Epilog
Modelle des Projektes werden auf der Ausstellung "The Great Repair" in Berlin gezeigt, die vom 14. Oktober 2023 bis zum 14. Januar 2024 in der Akadamie der Künste in Berlin zu sehen sein wird.
Das ist es mir wert
- 1Noch nicht erschienen ist die Studie „Multifunktionale Gewerbequartiere – eine Governancestudie zur Koproduktion in Gewerbegebieten“ im Rahmen der ExWoSt: https://www.bbsr.bund.de/BBSR/DE/forschung/programme/exwost/jahr/2022/multifunktionale-gewerbequartiere/01-start.html
- 2Siehe www.luxembourgintransition.lu
- 3Universität Luxemburg, Department für Geografie und Raumplanung, mit dem Luxembourg Institute for Science and Technology (LIST), dem Center for Ecological Learning Luxembourg (CELL), dem Institute for Organic Agriculture Luxembourg (IBLA) und dem Office for Landscape Morphology (OLM).
- 4Siehe u.a. Jason W. Moore, Raj Patel, „Unearthing the Capitalocene: Towards a Reparations Ecology”, https://www.resilience.org/stories/2018-01-04/unearthing-the-capitalocene-towards-a-reparations-ecology/