Wohnen ist ein großes Thema und ein weites Feld. Wie der Stand der Forschung ist, welche Aspekte mehr Beachtung finden könnten und was die Zukunft bringen könnte, darüber klären drei Neuerscheinungen auf.
Sebastian Schipper und Lisa Vollmer (Hg.): Wohnungsforschung. Ein Reader. 472 Seiten, 25 Euro Transcript Verlag, Bielefeld, 2020
Sebastian Schipper und Lisa Vollmer (Hg.): Wohnungsforschung. Ein Reader. 472 Seiten, 25 Euro Transcript Verlag, Bielefeld, 2020
Nur hin und wieder stellt man sich Fragen, die dann leider doch nicht beantwortet werden. In einem Text von 1976 beispielsweise wird davor gewarnt, die Wohnungsfrage auf die Bodenfrage zu reduzieren – aber wie würde man dies aus heutiger Sicht sehen? Stimmt es noch, dass behauptet wird, mit dem einen Problem (den Bodenpreisen) werde das andere (die Wohnungsnot) gelöst? Mein Eindruck ist das nicht. Eher ist es doch heute andersherum: Man muss darauf drängen, die Bodenfrage zu berücksichtigen, um der Komplexität der Wohnungsfrage gerecht zu werden. Klaus Novys Text von 1982 stellt andere Finanzierungsformen, genossenschaften und revolvierende Fonds vor, fordert die Reform der gemeinnützigen Wohnungswirtschaft. Nun aber ist die Gemeinnützigkeit der Wohnungsbaugesellschaften seit 1990 abgeschafft, mit Wirkungen, die als Nebenwirkungen dann doch zu sehr bagatellisiert sind, als dass man sich nicht fragt, wie heute sinnvolle Gemeinnützigkeit gestaltet sein müsste. Oder sagen wir es anders: als interessierten Laien droht mich das Buch gerade deswegen zu überfordern, weil es sich um die großen Linien bemüht. Man wird wohl noch ein paar weitere Bücher lesen müssen.
Christine Hannemann und Karin Hauser (Hg.): Zusammenhalt braucht Räume. Wohnen integriert. 192 Seiten, 17 x 24 cm, 24,90 Euro Jovis Verlag, Berlin 2020
Christine Hannemann und Karin Hauser (Hg.): Zusammenhalt braucht Räume. Wohnen integriert. 192 Seiten, 17 x 24 cm, 24,90 Euro Jovis Verlag, Berlin 2020
Für das Forschungsprojekt wurden Projekte recherchiert, in denen es genau darum geht: durch die architektonische Qualität und die städtebauliche Einbindung den Zusammenhalt zu stärken. Sechs solcher Projekte werden im Buch als Fallstudien auf je 20 Seiten ausführlich vorgestellt, sie machen das Herzstück der Publikation aus. Anhand von neun Kriterien werden sie bewertet – von der Architektur, der stadträumlichen Integration bis über die Wohnperspektive und die systematische Selbstbefähigung werden sowohl die baulichen und strukturellen als auch die organisatorischen Aspekte in den Blickpunkt gerückt und warum sie für das Gelingen eines Projektes wichtig sind: Wie ist eine Gemeinschaft organisiert, welche Rückzugs-, welche Begegnungsräume werden angeboten, wie werden Verbindungen ins Quartier hergestellt? Wichtig ist, dass nicht nur die Perspektive der Neuzugewanderten aufgegriffen wurde, sondern auch Erwartungen und Wünsche, die die Ortsansässigen an das Wohnprojekt und das Zusammenleben stellen.
Das Buch zeigt, welchen nicht unerheblichen Anteil Wohnen an gelingender Integration haben kann. Dass es nicht nur darum gehen kann, mit Nischenangeboten Hinweise darauf zu geben, worauf es bei solchen integrativen Wohnprojekten ankommt, sondern dass Projekte wie die dieses Buches eine grundsätzliche Frage berühren, darauf macht der Schlusstexte von Julia Hartmann und Ricarda Pätzold aufmerksam. Dem Behaust-Sein gehe die individuelle Selbstbestimmung voraus, Wohnen sei kein individuelles Problem – unter anderem der neu Zugezogenen, dem durch besondere Wohnangebote Abhilfe geschaffen werden müsse. Die besten Grundlagen für die Entfaltung der integrativen Wirkung des Wohnens seien (nach wie vor) die Freizügigkeit in der Wahl des Wohnstandorts und eine Pluralität der Wohnungsanbieter.
Florian Rötzer: Sein und Wohnen. Philosophische Streifzüge zur Geschichte und Bedeutung des Wohnens. 288 Seiten, 22 Euro Westend Verlag, Frankfurt am Main 2020
Florian Rötzer: Sein und Wohnen. Philosophische Streifzüge zur Geschichte und Bedeutung des Wohnens. 288 Seiten, 22 Euro Westend Verlag, Frankfurt am Main 2020
Mit Sartre, Flusser, beginnend bei Platon, Sokrates und Diogenes, das Höhlengleichnis als Metapher für unser Verständnis des Verhältnisses von innen zu außen deutend – Rötzers Essay ist ein Ritt durch die Geschichte, der sich in der Form an der so lange verachteten Wohnform orientiert: er nomadisiert gewissermaßen durch die umfangreiche Literatur zum Wohnen, verbindet philosophische, naturwissenschaftliche, geschichtliche Positionen miteinander. Es geht dabei um die Gaia-Hypothese und CIAM, um Luftkrieg und aufgelockerte Städte, um Gentrifizierung, Vertreibung und Heimatideologien, um die Tonne des Diogenes, die urbane Praxis des Sokrates und um Kant, der dem Fremdling ein Besuchsrecht, aber kein Gastrecht einräumt. Am Ende ergibt sich in einer Mischung aus Kritik an Herrschaftstechniken und Stadtfeindlichkeit, an Kapitalismus und Immobilienwirtschaft einerseits, den sprichwörtlichen „good intentions“, die den Weg zur Hölle pflastern, andererseits das eingangs angedeutete Bild einer wenig verheißungsvollen Zukunft. Was Hoffnung machen könnte: dass Zukunft immer erst noch kommt, und als Gegenwart dann auch dank unserer Handlungen immer anders wird, als sie vorherzusehen war.