Wohnungsbaupolitisch richtet die marktprinzipientreue Strategie Bauen, Bauen, Bauen herzlich wenig aus. Sie ist ökologisch, sozial und kulturell falsch, was "dem Markt" völlig egal ist. Die Forderungen aus der Bauwirtschaft bedeuten maßgeblich neu Bauen, neu Bauen, neu Bauen. Eingedenk verödender Innenstädte, leerer Bürobauten, menschenleerer Straßenzüge muss der Schwerpunkt aber im Sanieren, im Bauen mit und auf Bestand liegen – und das wissen und schreiben alle, die etwas vom Bauen verstehen. Nur die Politik ignoriert es und schenkt ihr Ohr Lobbyisten, was wir immer wieder beklagen, siehe > hier. Und sie verfolgt uralte Konzepte: Investoren sollen Wohnungen bauen, dafür durch Steuerentlastungen (= fehlendes Geld in öffentlichen Haushalten) und von staatlichem Geld für Sozialwohnungen (= Steuern für privatwirtschaftlich profitablen Wohnungsbau, den die Privatwirtschaft aber nicht finanzieren will) profitieren. Man muss sich klarmachen:
Eine Gesellschaft, die "Sozialwohnungen" braucht, ist nicht in der Lage, ihren Mitgliedern ein selbstfinanzierbares Wohnen zu ermöglichen.
Welche bürokratischen Monster zugleich den Neubau-Wahn befeuern, beschrieb nun auch Laura Weißmüller in der Süddeutschen Zeitung.2Sage also niemand, zu Beginn der aktuellen Regierungsperiode sei nicht abzusehen oder benannt und bekannt gewesen, worauf es ankommt.
Ein bisschen großzügig darf's sein.
Ein bisschen großzügig darf's sein.
Wer wohnt in Deutschland wie?
Flinkes Blättern und der Blick in die Inhaltsverzeichnisse zeigen: Es geht ums Wohnen. Im ZEIT-Magazin wird David Chipperfield zum "Besser Bauen" befragt. Im zweiten Teil werden unter dem Titel "Selbst gemacht" drei "verspielte Designer-Wohnungen in Athen, Rotterdam und Ho-Chi-Min-Stadt" vorgestellt. Vielleicht weil – so könnte man vermuten – Architekten in Zeiten der Bürgerbeteiligung sowieso nichts besser wissen können als die BürgerInnen, die alles am besten selbst machen wollen. Dem geneigten Leser / der geneigten Leserin wird "viel Vergnügen mit dieser Ausgabe" gewünscht.
Was ich ja immer in diesem Magazin lese: Harald Martensteins Glosse. In dieser Ausgabe schrieb er, "was an einem ganz normalen Tag in Berlin alles so kaputt ist" – Verkehr, Brücken, Hallenbad: alles kaputt. Vielleicht wäre die Glosse halb so lang geworden und Platz für eine Anzeige gewonnen, hätte er über das geschrieben, was funktioniert. Jedenfalls springen rasch die ersten, durchweg ganzseitigen Anzeigen ins Auge, und es sind primär Möbel-Hersteller, die ihr Angebot der Leserschaft zur Kenntnis bringen.
Platz ist in der kleinsten Hütte? Nicht für gegenwärtige Sofalandschaften... (ZEIT- und Süddeutsche-Magazin)
Platz ist in der kleinsten Hütte? Nicht für gegenwärtige Sofalandschaften... (ZEIT- und Süddeutsche-Magazin)
Raum und Platz und Geld
Wenn's drinnen knapp wird mit dem Platz, wird draußen gewohnt.
Wenn's drinnen knapp wird mit dem Platz, wird draußen gewohnt.
Das Erbe des Wirtschaftsliberalismus
Wer hier mit Kaufinteresse hinschaut, kennt keine Wohnungsnot. Mit dem Wirtschaftsliberalismus der 1990er Jahre ist die enthemmte Bereicherung politisch abgesegnet worden, und dass PolitikerInnen – gerade in Deutschland – immer noch glauben, mit steuerlichen "Anreizen" privates Kapital in gemeinnützige Richtungen lenken zu können, ist ein Märchen.
Gmund am Tegernsee, Januar 2025 (Bild: Ursula Baus)
Gmund am Tegernsee, Januar 2025 (Bild: Ursula Baus)
Und die Baukultur?
Wolfram Weimer wohnt nämlich am Tegernsee, wo Sep Ruf dem Wirtschaftsminister beziehungsweise Bundeskanzler Ludwig Erhard einst, 1951-54, ein schönes Haus neben seinem eigenen sehr schönen Haus gebaut hat.4 Und Friedrich Merz hat, so liest man, in Gmund am Tegernsee auch ein Heisl. Weimer und Merz spielen dort auch Golf, das ist eine Art vertrauensbildende Maßnahme. (Aktualisierung am 11.5.25: Wolfram Weimer spielt kein Golf.)
Gmund, Blick zu den Häusern von Sep Ruf am Ackerberg (Bild: Ursula Baus)
Gmund, Blick zu den Häusern von Sep Ruf am Ackerberg (Bild: Ursula Baus)
Gmund, Haus Am Ackerberg 12, Januar 2025. Dem Haus dürfte deutlich mehr Pflege zuteil werden. (Bild: Ursula Baus)
Gmund, Haus Am Ackerberg 12, Januar 2025. Dem Haus dürfte deutlich mehr Pflege zuteil werden. (Bild: Ursula Baus)
Baukulturell wird die Latte von Sep Ruf am Tegernsee gerade nicht mehr erreicht – aber gut: Wenn die Baukultur nicht beim Kulturstaatsminister Weimer landet, sondern bei einer Persönlichkeit aus der SPD in einem Ministerium für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen (beim Verfassen dieses Beitrags stand sie noch nicht fest, den Verkehr übernimmt Patrick Schnieder, CDU), dann haben wir noch Hoffnung. Hoffnung darauf, dass das gute Wohnen als Aufgabe im Sinne der Transformation des Gebauten, des Bestands begriffen wird und Arbeitsplätze vielleicht dort geschaffen werden, wo es Wohnungen in Hülle und Fülle gibt.
Denn auch dies gilt es zu berücksichtigen: Wenn Arbeitgeber gern dorthin gehen, wo andere sind, nach München beispielsweise, dann sprechen Planer vom so genannten Matthäus-Effekt – weniger edel gesagt: Der Teufel sch... immer auf den größten Haufen. Wirtschaftspolitisch ließe sich hier durchaus steuernd eingreifen, um strukturschwache Gebiete zu stärken. Neu ist das nicht. Gewiss wird dann wieder nach "Freiheit" der Niederlassungswahl geschrieen, aber wenn Steuerung hier vernünftig, wirtschaftlich segensreich, ökologisch sinnvoll und baukulturell anspruchsvoll wäre: Dann wäre eine Einflussnahme auf Unternehmensentscheidungen im Interesse aller angebracht. Dass aber die Machtverhältnisse längst Richtung Wirtschaft gewandert sind und die Wirtschaft die Politik gängelt, zeigt sich beispielhaft daran, dass Intel nur mit Milliarden Steuergeldern für die Ansiedlung in Magdeburg zu gewinnen war – und dann doch nicht kam. Und es zeigt sich am Tegernsee.
Auffällig im neuen Kabinett ist nämlich auch: Merz schaut sich bei Trump ab, wie (CDU-)Personalien im Sinne des Staats als Unternehmen zu entscheiden sind: von leitendenden Wirtschaftsposten – CEOs – direkt in hohe politische Positionen. Katharina Reiche (Wirtschaftsministerin) war Chefin im Energiebereich, Karsten Wildberger (Digitalminister) war u. a. Chef der Mediamarkt-Saturn-Holding. Am Tegernsee trifft man sich regelmäßig zum von der Weimer-Medien-Group organisierten > Ludwig-Erhard-Gipfel. Das ist ein "Stelldichein der Wirtschaft", das "deutsche Davos", das "Spitzentreffen am Tegernsee". Nächstes Mal am 7. bis 9. Mai 2025, da ist auch Christian Lindner wieder dabei.
Mal sehen, wann das erst 2022 eingeführte Lobbyregister abgeschafft wird. Es dient dazu, den Einfluss der Wirtschaft auf die Politik transparent zu machen. Und war zuvor an FDP und CDU/CSU gescheitert.
Das ist es mir wert
- 1Niklas Maak: So können wir nicht weiterbauen. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23. April 2025; zur sozialökologischen Wende in der Wohnungspolitik s. a. Anton Brokow-Loga, In: https://www.blaetter.de/ausgabe/2023/november/umbau-statt-neubau Zur Mietentwicklung u.a. https://www.zeit.de/wirtschaft/2023-03/steigende-mieten-wohnungsbau-deutschland-grossstaedte?freebie=4bdbe308
- 2Laura Weißmüller: Verknotet. Phlegmatische Behörden, fehlender Mut: Das Bauen in Deutschland ist so kompliziert geworden, dass oft nichts mehr vorangeht. In: Süddeutsche Zeitung, 26./27. April 2025
- 3https://de.wikipedia.org/wiki/Wolfram_Weimer
- 4https://seprufgesellschaft.org/bauten/; https://seprufgesellschaft.org/wp-content/uploads/2024/03/1960_2_Schoener-Wohnen.pdf
- 5http://www.deal-magazin.com/news/3/116200/Hotelier-Kohler-stellt-neueste-Highlights-rund-um-den-Tegernsee-vor