Am Ort der am 11. September 2024 eingestürzten Carolabrücke in Dresden soll ein "Ersatzneubau" entstehen. Allseits wird ein "Bürgerbeteiligungsprozess" gelobt, der dazu führte, dass die Beurteilung der Fachexperten marginalisiert wird. Eine knappe Mehrheit im Stadtrat folgt der Meinung von Fachunkundigen und Kindern – und setzt sich über die Bewertung der Jury und weiterer Gremien hinweg. Zum Schaden Dresdens, denn nun droht ein Planfeststellungsverfahren mit unabsehbaren Zeitverzögerungen und Kostenexplosionen.
Eine Einleitung
Blick von der Albertbrücke in Richtung Carolabrücke, Juni 2022 (Stadtbildfoto, Albrecht Voss / Copyright https://www.dresden.de/de/stadtraum/zentrale-projekte/carolabruecke/ges…). Die Brücke war 1967-71 als dreizügige Spannbetonbrücke errichtet und ab 2019 teils saniert worden.
Blick von der Albertbrücke in Richtung Carolabrücke, Juni 2022 (Stadtbildfoto, Albrecht Voss / Copyright https://www.dresden.de/de/stadtraum/zentrale-projekte/carolabruecke/ges…). Die Brücke war 1967-71 als dreizügige Spannbetonbrücke errichtet und ab 2019 teils saniert worden.
Infrastruktur und Politik
Start der Carolabrückenplanung
> Ersatzneubau ohne Genehmigungsverfahren
> Kostenobergrenze: 138,2 Mio Euro
> Mehrfachbeauftragung vier geeigneter Planungsteams.
Ein Bewertungsgremium wählte 4 Büros beziehungsweise Planungsteams aus, über die Beauftragung sollte der Ausschuss für Wirtschaftsförderung entscheiden.2 4 Entwürfe wurden erarbeitet und am 26. Mai 2026 abgegeben. Mehr als ein Ingenieurbüro hatte sich im Vorfeld entschieden, aufgrund vor allem der kostenknebelnden Ausschreibung nicht teilzunehmen.
Blick aus Richtung Innenstadt auf die Brücke (© LAP / Knight Architects)
Blick aus Richtung Innenstadt auf die Brücke (© LAP / Knight Architects)
Auf Platz 1: Planungsteam LAP und Knight Architects
Das "Begleitgremium" mit Vertretern aller Parteien, Interessenverbände, gesellschaftlicher Gruppen entschied genauso: Auf Platz 1 landete auch dort der Entwurf des Planungsteams LAP und Knight Architects.5 Klarer können Entscheidungen von Experten und Repräsentanten der Zivilgesellschaft kaum ausfallen.
Und nun: die Beteiligung "der Bürger"
Steffen Marx bei der Erläuterung der Entwürfe im "Bürgercafé" (© STESAD, https://www.dresden.de/de/stadtraum/zentrale-projekte/carolabruecke/bet…)
Steffen Marx bei der Erläuterung der Entwürfe im "Bürgercafé" (© STESAD, https://www.dresden.de/de/stadtraum/zentrale-projekte/carolabruecke/bet…)
Platz 2 der Jury und des Begleitgremiums, Platz 1 im Stadtrat: der Entwurf von Fhecor Deutschland und dem Dresdener Architekturbüro TSSD (© Fhecor / TSSD) Die Jury: "Auch diese Brücke schreibt in hervorragender Weise und ähnlich wie die erstplatzierte Brücke die Entwicklungsgeschichte der Carolabrücke fort. Besonders gelungen ist die Referenz an die Bogenbrückenfamilie der Stadt Dresden und ihre Übersetzung in die moderne Zeit. Jedoch ist die Gestaltung der Brücke etwas zu dominant und setzt eine Konkurrenz zum historischen Stadtbild. Darüber hinaus ist das Tragwerkskonzept nicht ganz stimmig."
Platz 2 der Jury und des Begleitgremiums, Platz 1 im Stadtrat: der Entwurf von Fhecor Deutschland und dem Dresdener Architekturbüro TSSD (© Fhecor / TSSD) Die Jury: "Auch diese Brücke schreibt in hervorragender Weise und ähnlich wie die erstplatzierte Brücke die Entwicklungsgeschichte der Carolabrücke fort. Besonders gelungen ist die Referenz an die Bogenbrückenfamilie der Stadt Dresden und ihre Übersetzung in die moderne Zeit. Jedoch ist die Gestaltung der Brücke etwas zu dominant und setzt eine Konkurrenz zum historischen Stadtbild. Darüber hinaus ist das Tragwerkskonzept nicht ganz stimmig."
Der Stadtrat
In der anschließenden Fraktionsdebatte ging es dann deutlich emotionaler zu. Holger Zastrow (Team Zastrow) ließ sich gar nicht auf fachliche Argumente ein, die Bürger wollten Fhecor / TSSB. Das sei eine schöne Brücke, die den Dresdenern gefalle und die "beste Ästhetik" habe.
Und man brauche Verkehr, denn der "Kulturkampf" gegen das Auto habe sich nicht durchgesetzt. Das Verfahren sei nicht lobenswert, die alten Kämpfe begännen von vorn, klüger sei man jetzt auch nicht (Ralf Böhme, BSW). Man brauche Autos, die Kinder müssten doch von da nach da gebracht werden. Bei Wind und Wetter. Die Fhecor/TSSB-Brücke sei die schönste, den Bürgern sei man es schuldig, das sei eine typische Dresdener Brücke, auf die man stolz sein könne (Patrick Probst, FDP und FB). Gegenüber den alten Intentionen gelte es ÖPNV, Fußgänger und Radfahrer zu priorisieren, das werde billiger und könne eine "Umweltverbundbrücke" werden (Anne Herpetz, PVP-Kooperation). Die Bürger hätten sich für Fhecor / TSSB entschieden. Was den Dresdenern gefalle, sei wichtig (Thomas Ladzinski, AfD). Der Fhecor/TSSB-Entwurf sei harmonisch, die Bögen seien schön, und man müsse an die Rekonstruktion des Venezianischen Hauses denken (Bettina Kempe-Gebert, CDU). Der Autoverkehr auf der alten Carolabrücke habe sich seit 1998 etwa halbiert, die Fhecor/TSSB-Brücke sei 2,50 m höher als vorgegeben, es sei keine ehrliche Kraftdarstellung zu erkennen, während die Gitterträger von LAP / Knight neu seien und die Brücke mit großartigem Freiraumkonzept überzeuge (Susanne Krause, Die Grünen). Es gehe um ein komplexes Großprojekt, der vorliegende Vorlandpfeiler und die Gradientenänderung zeigten, dass der Fhecor/TSSB-Entwurf kein Ersatzneubau sei und damit ein neues Planfeststellungsverfahren mit starken Verzögerungen und erwartbaren Verteuerungen anstehe (André Schollbach, Die Linke). Die Planung fange mit Teuerungen an, der Fhecor / TSSB-Entwurf sei Garant für Verteuerungen. Es sei ein Glück, dass die Carolabrücke nach 2023 eingestürzt sei, nach dem "Genehmigungsbeschleunigungsgesetz" (Peter Lames, SPD). Die alte Carolabrücke sei unauffällig gewesen, was den LAP-Knight-Entwurf auszeichne, Fhecor / TSSB zwängten in ein Planfeststellungsverfahren. Die polemische Argumentation Zastrows verweigere sich jeder Sachlichkeit, ein Planunfeststellungsverfahren sei auf jeden Fall zu vermeiden, weil dessen Grenzen kürzlich enger gezogen worden seien (Johannes Lichdi).
Fehler im Prozess
Wer sitzt noch einer Expertenjury verantwortungsvoll vor, wenn anschließend ein Votum von gerademal 2 Prozent der DresdenerInnen fachfremd und geschmäcklerisch entscheidet? Es ist diesen Mitvotierenden nicht im geringsten vorzuwerfen, dass sie sich nicht mit dem Unterschied von Ersatzneubau und Planfeststellungsverfahren auskennen; dass sie die Kostenangaben der Entwurfsverfasser nicht einschätzen, geschweige prüfen können; dass sie die verkehrsrechtlichen Grundlagen nicht parat haben – und vieles mehr, was im Rahmen einer Wettbewerbsjury als Grundlage einer Entscheidung dienen muss. Das sind nicht die Aufgaben der Laien. Diese müssen als Betroffene vor der Auslobung eines Wettbewerbs "beteiligt" werden – und ihre Wünsche, Vorlieben, Ideen, Diskussionen müssen in die Auslobung fließen. Dann ist aber Schluss. Dass in anschließenden Phasen zum Beispiel Anpassungen vorgenommen werden müssen, die einer zeit- und marktgemäßen Entwicklung zu schulden sind – das ist normal und überschaubar, wenn eine stringente Bauorganisation und -realisierung professionell vorangetrieben wird.
Vorzuwerfen ist dem Stadtrat, dass er aufgrund parteipolitischen Kalküls argumentiert. Dass die im Stadtrat Entscheidenden die Verantwortung für eine fachliche Entscheidung nicht tragen wollen, sie vielmehr auf "die Menschen" abwälzen. Wenn also die Carolabrücke verspätet und teurer oder auch gar nicht fertig wird, sagen involvierte Politiker: Wir waren's nicht, "die Dresdener" haben entschieden. Haben sie eben: nicht.
Wissen und Emotion – Regieren!
Zu plädieren ist dafür, dass die über Jahrhunderte gewachsene Wissensbasis der modernen Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft ausschlaggebend bleibt für milliardenteure Sanierungen und Erneuerungen unserer maroden Infrastruktur. Steffen Marx wies unmissverständlich darauf hin, was im Zuge der immensen Brückenkontrollen und -sanierungen an Arbeit und Kosten ansteht.8 Wer sich hier auf die emotionale Argumentation und das Halbwissen Interessierter verlässt, trifft falsche Entscheidungen. Gewählte PolitikerInnen und Amtsträger sind dafür gewählt beziehungsweise bezahlt, zu regieren und für Entscheidungen einzustehen. Darin müssen sie ermutigt werden. Vertrauen Politiker auf eine vermeintliche Vox populi statt auf Fachwissen, tragen sie Verantwortung für die Folgen. Im konkreten Fall: die Fraktionen im Stadtrat, die sich der Jury und dem Begleitgremium widersetzten.
Nachtrag vom 18.9.2026
Die Weiterbeauftragung für die nachfolgenden Leistungsphasen erfolgt durch den Bauherrn, in diesem Fall den Dresdner Stadtrat. Das ist bei kommunalen Bauvorhaben ein übliches Verfahren. Für die Entscheidungsfindung erfolgt ein umfangreiches Beteiligungsverfahren, in dem Fachexperten, Vertreter aus Stadt, Freistaat, Kammern, Verbänden und Organisationen und Bürgerbeteiligungen eingebunden waren. Dies ist der exponierten Lage des Bauvorhabens und dem entsprechenden Interesse von Bürgerschaft und Presse durchaus angemessen. Die Fachexperten aus verschieden Bereichen wurden darin eingebunden, die Expertise zu den relevanten Themen wurde bei der Entscheidungsfindung berücksichtigt. Seitens der Ingenieurkammer Sachsen ist dieser Prozess grundsätzlich nicht zu beanstanden, auch wenn es in der Ausgestaltung im Detail durchaus differenzierte Auffassungen gibt.“
In einem offenen Brief vom 20.7.2026 hatte der BDA Sachsen e.V. gefordert: "Die zukunftige Carolabrücke sollte vorzugsweise zweispurig geführt werden."
Das ist es mir wert
- 1https://www.dresden.de/de/rathaus/politik/stadtrat/stadtratssitzung-live3.php#?searchkey=Stadtrats-Sitzung&searchkey=3&searchkey=September (ab Minute 1.40.40)
- 2Dresden, Beschlussausfertigung vom 19.6.2025, V0339/25
- 3Steffen Marx erläuterte zum Beispiel die Gründe für den Einsturz der alten Carolabrücke sehr anschaulich im NDR – um klar die Probleme zu bennen, die ein Laie nicht kennt: Instandhaltung mit neuen technischen Verfahren: https://www.ndr.de/nachrichten/info/Stahlbeton-Experte-Die-Carolabruecke-ist-nur-eine-von-vielen,audio1714026.html
- 4Aus dem Jury-Protokoll
- 5Meldung auf Dresden.de, 19.8.2026 (https://www.dresden.de/de/rathaus/aktuelles/pressemitteilungen/2026/08/pm_041.php)
- 6https://carolabrücke.com/buergervotum/
- 7https://www.dresden.de/de/rathaus/politik/stadtrat/stadtratssitzung-live3.php
- 8siehe Anmerkung 3)