Wegen Umbau geöffnet. Bitte nutzen Sie den Seiteneingang, Konzeptskizze, Claire Waffel, 2022, Ausgangsfoto: Jens Weyers
Wegen Umbau geöffnet. Bitte nutzen Sie den Seiteneingang, Konzeptskizze, Claire Waffel, 2022, Ausgangsfoto: Jens Weyers
In Bremen ist eine Ausstellung zu sehen, die lebendig, anschaulich und gut recherchiert zeigt, wie schwer der Weg zur Gleichberechtigung in der Architektur bislang war – und wieviel immer noch zu tun ist.
Bei meinem ersten Besuch der Bremer Schau zu emanzipatorischen Bewegungen in Planung und Raum in Bremen laufe ich zunächst am Ausstellungsgebäude vorbei: Baustelle. Erst etwas später stelle ich fest, dass die hölzerne Einrüstung am Portal des klassizistischen Wilhelm-Wagenfeld-Hauses keiner Sanierung dient, sondern die Intervention Wegen Umbau geöffnet der Künstlerin Claire Waffel ist. Mit ihrer Arbeit erkundet sie den Prozess der Umgestaltung in der Architektur als zukunftsweisendes Thema und interpretiert damit den Ausstellungstitel „Architektur für alle?!“, dessen Interpunktion schon ahnen ließ, was mein Erlebnis bestätigte: eher nicht für alle zugänglich, zumindest nicht von vorneherein.Fallstudie Bremen
Nicht leicht zugänglich: Wilhelm-Wagenfeld-Haus mit der künstlerischen Intervention Wegen Umbau geöffnet. Bitte benutzen Sie den Seiteneingang von Claire Waffel ( Fotos: Nicolai Wolff/fotoetage)
Nicht leicht zugänglich: Wilhelm-Wagenfeld-Haus mit der künstlerischen Intervention Wegen Umbau geöffnet. Bitte benutzen Sie den Seiteneingang von Claire Waffel ( Fotos: Nicolai Wolff/fotoetage)
Die Installation hat noch einen zweiten Teil. Er macht den Vortragssaal im Erdgeschoss zum Provisorium und stellt die Architektur des Raums aus. Hier befinden sich einige Regalmeter ausgewählter Literatur zum Verhältnis von Geschlecht und Raum. Eine Bibliothek, in der ich gerne mal ein paar Tage allein wäre, die ich vor allem aber gerne an jenen Architekturfakultäten sähe, die dieses Wissen ihren Studierenden noch nicht kompakt anbieten.1
Ein wesentlicher Teil der Ausstellung zeigt die aufgearbeitete Geschichte einiger Architektinnen der 1950er- bis 1960er-Jahre und ordnet ihr Werk stellvertretend für andere, unsichtbar gebliebene Mitstreiterinnen ein. Lore Krajewski kündigt 1948 ihre Stelle im Hochbauamt, um drei Söhne ihres Ehemannes zu versorgen. Parallel zu ihren Familienaufgaben arbeitet sie seither als freie Architektin und wird 1951 als erste Frau in den Landesverband des BDA Bremen berufen. Sie realisiert kleinere stadtbildprägende Bauten wie den Hapag-Lloyd-Pavillon, Mehrfamilienhäuser und Wohnheime. Ihre Karriere endet, als ihr Ehemann ihr 1959 die selbständige Tätigkeit untersagt. Heidi Breyer-Starke verantwortet im Hochbauamt mehrere Schulbauten und den Umbau der Bremer Kunsthalle 1961, bevor sie ihrem Mann nach Mainz folgt. Maria Alexandra Mahlberg-Tippel eröffnet nach dem Krieg ihr eigenes Büro und verwirklicht mehrere Wohnbauten. Ihr Nachlass geht gänzlich verloren. Alle diese drei Architektinnen kannten sich und waren in den gleichen Frauennetzwerken aktiv.
Hapag Lloyd Verkehrspavillon, Lore Krajewski, 1951, Staatsarchiv Bremen. Foto: Rudolph Stickelmann
Hapag Lloyd Verkehrspavillon, Lore Krajewski, 1951, Staatsarchiv Bremen. Foto: Rudolph Stickelmann
Ergebnisse einer 2020 durchgeführten Befragung von 260 Personen der Architektenkammer Bremen 2020 ergänzen den zeitgenössischen Part der Ausstellung. Landesspezifisch wertvolle Daten zur Gleichberechtigung in der Architektur bestätigen, „wie tradierte, frauen-benachteiligende Rollenzuschreibungen fortleben […]“(2). Es besteht weiter Handlungsbedarf.
Frauenstadthaus, 1989. (Foto: Inge Mohrmann)
Frauenstadthaus, 1989. (Foto: Inge Mohrmann)
Vordenkerinnen: Die FOPA Bremen
Als erster feministischer Organisation von Planerinnen in Deutschland, wurde den Frauen der FOPA Bremen am Nikolaustag 2022 die Bremer Auszeichnung für Baukultur verliehen – ein Beispiel, dem hoffentlich viele Auslober*innen folgen werden.
Ausstellung und Auszeichnung bilden gute Grundlagen für eine weitere Untersuchung der FOPA und möglicherweise für einen Generationenwechsel innerhalb der Initiative. Die Debatte hat sich verändert: Während die Frauenbewegung der 1970-er bis 1990er-Jahre vorrangig die Machtgefälle zwischen Frauen und Männern adressierte, lässt die heutige Debatte, die sich auf das soziale Geschlecht, Gender, und intersektionale Diskriminierung fokussiert, die binär geprägte Geschlechterordnung hinter sich.4 In der Ausstellung wird dieser Perspektivwechsel durch den 1999 durch die FOPA erarbeiteten FrauenStadtplan deutlich, der sich in einer 2021 weiterentwickelten Fassung Queer durch Bremen nennt.
Die Ausstellung wird durch die zugehörige Veröffentlichung zusätzlich sehr bereichert. In ihr wird die Arbeitsweise des Kurator*innenkollektivs sichtbar. Neben inhaltlichen Positionen des Kollektivs kommen weitere Akteurinnen aus dem Handlungsfeld zu Wort. Die tief durchdachte Buchgestaltung von Lars Neckel von Lanestudio macht in Farbgebung und Typografie große Freude und veranschaulicht hervorragend die inhaltlichen Betrachtungsebenen.
Abb. 4 BU: Ausstellungsraum zum Frauenstadthaus und der FOPA Bremen. ( Foto: Nicolai Wolff/fotoetage)
Abb. 4 BU: Ausstellungsraum zum Frauenstadthaus und der FOPA Bremen. ( Foto: Nicolai Wolff/fotoetage)
Wilhelm-Wagenfeld-Haus, Am Wall 209, 28195 Bremen. Öffnungszeiten: Di 15–21 Uhr, Mi–So 10–18 Uhr.
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Das zugehörige Begleitprogramm lässt sich gut mit einem Ausstellungsbesuch verbinden. Am 25.Januar, 10:00 Uhr, Foyer Theater Bremen: Vorstellung und Diskussion der zur Ausstellung gehörenden Publikation mit den Autorinnen Barbara Zibell, Sandra Schuster und Käthe Protze.
Am 10.03.23 findet die Finissage statt.
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Veröffentlichung: „Architektur für Alle?!. Emanzipatorische Bewegungen in Planung und Raum“ , herausgegeben von Christian von Wissel und Jörn Tore Schaper im Auftrag des b.zb
220 Seiten, 17 x 24 cm, 25,00 Euro, Schünemann Verlag, Bremen 2022
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Mit der Hochschule für Architektur Bremen ist bei dem Podcast Schall & Raum eine Staffel zur Ausstellung erschienen >>>
Das Bremer Lokalfernsehen Buten und Binnen hat zur Verleihung der Bremer Auszeichnung für Baukultur an die FOPA Bremen einen Beitrag gedreht, der hier zu sehen ist >>>
(2) Bremer Zentrum für Baukultur (Hg.): Architektur für Alle?! Emanzipatorische Bewegungen in Planung und Raum. Schriftenreihe Band 19. Bremen 2022, S. 169
Das ist es mir wert
- 1Hartmann, Karin: Schwarzer Rolli, Hornbrille. Plädoyer für einen Wandel in der Planungskultur. Berlin 2022, S. 64: Die Erkenntnisse geschlechtsspezifischer Forschung kommen oftmals nicht in der Architekturausbildung an.
- 2Das Bundesnetzwerk der FOPA veröffentlichte 1992-1998 in 10 Bänden: Frei.Räume. Streitschrift der feministischen Organisation von Planerinnen und Architektinnen FOPA e.V. mit unterschiedlichen Themensetzungen, von der Kritik an der autogerechten Stadt über Frauenräume in der Migration bis hin zu feministischen Perspektiven der Regionalentwicklung.
- 3Bremer Zentrum für Baukultur 2022, S. 152
- 4Hartmann 2022, S. 80