Mit der »Dichte« städtischer Quartiere kommen viele Menschen nicht klar, und so thematisieren jüngste Debatten wieder das »Land«. Was ländlich idyllisiert wird, liegt jedoch im Argen. Statt die Ortsmitten zu revitalisieren, werden an den Ortsrändern unverändert jene Einfamilienhausgebiete ausgewiesen, die in ihrer Monofunktionalität zeit Jahrzehnten als Fehlentwicklung erkannt sind und trotzdem politisch gefördert werden. Und die in ihrer Gestaltungskakophonie nur die Egoshooter-Mentalität der Gegenwart zeigen. Es ist ein Großprojekt, hier Einhalt zu gebieten und die Lebensqualität in den bestehenden Ortsmitten zu verbessern.
Schon der sperrige Begriff sollte eine Warnung sein: Ortsranderweiterungsgebiet hört sich an wie eine unschöne Erkrankung. So etwas wie Bauspeicheldrüsenentzündung oder Kleinhirnbrückenwinkeltumor. Wenn es einmal einen Pschyrembel für Stadtplaner geben sollte, wäre dies ein wichtiger Eintrag über städtebauliche Krankheitssymptome.
Zerfleddert: Es baut jeder wann und wie er will. (Bild: Ursula Baus)
Zerfleddert: Es baut jeder wann und wie er will. (Bild: Ursula Baus)
Siedeln und Siedlung
Gute Lagen, gute Aussicht am Ortsrand: Mancher verbarrikadiert sich auch dort mit ökologisch wertlosen Hecken. (Bild: Ursula Baus)
Gute Lagen, gute Aussicht am Ortsrand: Mancher verbarrikadiert sich auch dort mit ökologisch wertlosen Hecken. (Bild: Ursula Baus)
Vom Wachstumswahn
Kakophonie im Neubaugebiet: Wo noch Bestand existiert, wird er ignoriert. (Bild: Ursula Baus)
Kakophonie im Neubaugebiet: Wo noch Bestand existiert, wird er ignoriert. (Bild: Ursula Baus)
Bestand und Neubau
Aber auch ohne landschaftliche Reize wird Bauland an den Ortsrändern gerne angenommen. Umstritten sind die neuen Wohnquartiere nur bei den Nutznießern der zuletzt bebauten Grundstücke – weil sie die Sicht in die Weinberge und auf die Pferdekoppeln verstellen.
Neue Ortstrandstraßen: barrierefrei, vollversiegelt, autogerecht (Bild: Ursula Baus)
Neue Ortstrandstraßen: barrierefrei, vollversiegelt, autogerecht (Bild: Ursula Baus)
Baulücke am Ortsrand: Nachbarschaften links und rechts zeigen die »kalten Schultern« mit fensterlosen Fassaden und Garagenlängsseiten. (Bild: Ursula Baus)
Baulücke am Ortsrand: Nachbarschaften links und rechts zeigen die »kalten Schultern« mit fensterlosen Fassaden und Garagenlängsseiten. (Bild: Ursula Baus)
Ich und die Anderen
Zugegeben, es ist beckmesserisch und überheblich, als arbiter elegantiae über die hier angehäuften hilflosen Gestaltungsambitionen zu spotten. Man erkennt, dass es den Bewohnern nicht gleichgültig ist, wie sich ihre Sesshaftigkeit ablesen lässt. Sicher hat man im Familienrat lange verhandelt, bis man sich für die Alu-Haustür mit massivem Eichenstoßgriff entschieden hat, den lavendelfarbigen Edelputz überm Riemchensockel, die pflegeleichten PVC-Fenster und den Splitgarten, der als geschottetes Passepartout das Eigentum säumt. Auch bei Doppelhäusern lässt sich kein Bauherr in seine Selbstverwirklichung reinreden. Wo immer es geht – Briefkasten, Außenleuchte, Hausnummer – sucht man sich vom Nachbarn zu unterscheiden. Jedes Haus erzählt eine Geschichte. Juli Zeh sollte das brandenburgische Flachland einmal für ein paar Monate verlassen und sich in die südwestdeutschen Ortsranderweiterungen einarbeiten. Hier wohnen ganz sicher nette Menschen. Es ist keine moralische Verfehlung so zu bauen, wie man es kann und mag.
Rechts im Bild: Wer in zweiter Reihe bauen muss, erlaubt seinem Architekten ein »Staffelgeschoss« – das Penthouse des Kleinen Mannes. (Bild: Ursula Baus)
Rechts im Bild: Wer in zweiter Reihe bauen muss, erlaubt seinem Architekten ein »Staffelgeschoss« – das Penthouse des Kleinen Mannes. (Bild: Ursula Baus)
Architektinnen, wo seid ihr denn?
Die armseligen Siedlungshäuschen an der Bahnstrecke, wenn man da ein wenig investieren würde und nette Nachbarn fände, da könnte man es aushalten...
Schönes neues Zuhause am Ortsrand mit Katzentür, mutmaßlich mit KfW 55-Fördergeldern gebaut. (Bild: Ursula Baus)
Schönes neues Zuhause am Ortsrand mit Katzentür, mutmaßlich mit KfW 55-Fördergeldern gebaut. (Bild: Ursula Baus)