Im Rahmen des Bundesprogramms »Zukunft Bau« wurde auf einem Symposium nach Alternativen zu einem technikzentrierten Umgang mit der Klimakrise gesucht. Es sollten „robuste, einfache und vor allem suffizienzorientierte Lösungswege für einen nachhaltigen Transformationsprozess im Gebäudebereich“ diskutiert werden. Ändern müsse sich fast alles – aber wann ändert sich tatsächlich etwas?
Junges Publikum auf dem Lowtech Symposium. (Bild: bundesfoto/ Christina Czybik
Junges Publikum auf dem Lowtech Symposium. (Bild: bundesfoto/ Christina Czybik
»Imperiale Lebensweise«
Räumte mit dem Mythos vom „grünen Wachstum“, auf: Julia Steinberger. Credit: bundesfoto / Christina Czybik
Räumte mit dem Mythos vom „grünen Wachstum“, auf: Julia Steinberger. Credit: bundesfoto / Christina Czybik
Unsere Lebensweise ist eine teure geworden – und eine, deren Kosten zum geringsten Teil die Schadensverursacher tragen. Im Bild: Anton Brokow-Loga (Bild: © bundesfoto | Christina Czybik)
Unsere Lebensweise ist eine teure geworden – und eine, deren Kosten zum geringsten Teil die Schadensverursacher tragen. Im Bild: Anton Brokow-Loga (Bild: © bundesfoto | Christina Czybik)
Noch viel stärker kritisierte Anton-Brokow-Loga von der Bauhaus-Universität Weimar und dem I.L.A. Kollektiv unsere Wohnansprüche in Europa im folgenden Panel Raum. Als eine „imperiale Lebensweise“ bezeichnete er sie, die Wohnen und Bauen nur auf Kosten anderer betreiben könne. Angesichts der weiterhin dramatisch hohen Produktion von Emissionen, die unser Bauen verursache, müssten wir vor allem unsere mentalen Einstellungen und Infrastrukturen schonungslos hinterfragen und verändern. Am Beispiel Berlins und des Tempelhofer Feldes analysierte die Mobilitäts-Soziologin Michaela Christ vom Deutschen Institut für Urbanistik unsere ausgeuferten Flächenansprüche wie etwa den Zuwachs an Siedlungsfläche seit 1992 um 25 Prozent oder die Zunahme von PKWs um mehr als 60 Prozent. „Umkämpfter Raum“ werde immer mehr den Alltag unserer Städte prägen, wenn nicht unser Ressourcenverbrauch deutlich durch ein Abrissmoratorium, die Abschaffung aller Neubau-Förderung, Wohnraumbörsen und Belegungsvergaben, neue Wohnraumkonzepte und Konzeptverfahren eingeschränkt werde.
Gustav Düsing bot in seinem Vortrag eine greifbare Vision einer positiveren Zukunft(Bild: © bundesfoto | Christina Czybik)
Gustav Düsing bot in seinem Vortrag eine greifbare Vision einer positiveren Zukunft(Bild: © bundesfoto | Christina Czybik)
Handlungsdefizite und Waldschäden
Holz ist für das Bauen kein Allheilmittel. Die Hoffnungn in diesen Baustoff sind eher Greenwishing. Im Bild: Susanne Winter (Bild: © bundesfoto | Christina Czybik)
Holz ist für das Bauen kein Allheilmittel. Die Hoffnungn in diesen Baustoff sind eher Greenwishing. Im Bild: Susanne Winter (Bild: © bundesfoto | Christina Czybik)
Erfrischend selbstkritisch und viel Mut machend, war hingegen der Vortrag von Ben Pohl von der Denkstatt sàrl, der Schwesterorganisation vom bekannteren Baubüro in situ/Basel. Unter dem Titel „Big Size Matters“ reflektierte er die Grenzen, aber auch neuen Möglichkeiten von Re-Use und Kreislaufwirtschaft als Mittel gegen Ressourcenverschwendung. Neue Narrative und integrierte Labore des Bauens seien für eine erfolgreiche Bauwende unumgänglich, um vor allem mehr neue Partner zu finden. Überschaubar in greifbaren Schritten entwarf er ein sehr komplexes Bild von einem neuem Bauen im Bestand, das bereits heute möglich ist, indem es die bestehenden Regelwerke kreativ und kommunikativ neu interpretiert. Eine Haltung, die auch von Margit Sichrowsky vom Berliner Architekturbüro LXSY geteilt wurde, deren Vortrag stärker das Rethinking von Standards behandelte.
Gesundheit, Glück und Klagen
Wie gesund Selbstbeschränkung sein kann, war danach ideal ergänzend das Thema des Vortrags von Runa T. Hellwig, einer Expertin für Bauklimatik an der Universität Aalborg. Sehr informativ nahm sie sich den Temperaturpraktiken in Vergangenheit und Gegenwart an, die sich in den letzten 160 Jahren in Europa erheblich veränderten. Empfand man Mitte des 19.Jahrhunderts noch eine Zimmerwärme von 18 Grad Celsius als ideal, so steigerte man diese bis in die 1970er-Jahre auf 23 Grad Celsius. Mit der Folge, dass damit nachweislich manche Zivilisationskrankheiten wie Adipositas deutlich zunahmen. Verzicht auf modernen Komfort könne also weniger ein Verlust als ein Gewinn an Gesundheit angesehen werden – eine sehr interessante Erkenntnis, die Suffizienz in Form von Energiesparen vielleicht größere gesellschaftliche Akzeptanz verschaffen könnte.
Nanni Grau; im Bild das Konzept zum Umgang mit der Mannheimer U-Halle. (Bild: © bundesfoto / Christina Czybik)
Nanni Grau; im Bild das Konzept zum Umgang mit der Mannheimer U-Halle. (Bild: © bundesfoto / Christina Czybik)
Ernüchternd fiel dagegen die Abschlussdiskussion aus, die versuchte, Suffizienz und die Vorträge des Tages in größere Zusammenhänge zu setzen. Einmal mehr wurde hier viel und zweifellos klug über die gewünschte Bauwende mit den damit verbundenen Veränderungen gesprochen, über fehlenden Wohnungsbau, Institutionen und Instrumente. Doch keiner der Podiumsdiskutanten kam über eine Situationsbeschreibung mit vielen kleinen Veränderungsschritten hinaus, insbesondere nicht die Vertreter des Bundes, von BMWSB und Bundestag, die allzu oft nur ihre begrenzten Kompetenzen für das Bauen und die Schwerfälligkeit unseres föderalen Systems beklagen konnten. Allein Anja Bierwirth vom Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie brachte noch einen wichtigen Aspekt in die Diskussion ein, der viel zu selten im Symposium Beachtung fand, nämlich die soziale Dimension der Bauwende, die mehr als ein „Wunschkonzert“ erhebliche Verantwortungsverlagerungen und Verteilungsprobleme nach sich ziehen kann. Vielleicht das Thema des nächsten Lowtech-Symposiums, das dann aber auch andere Akteure des Bauens und Planens in den Bundesländern oder der Bauwirtschaft miteinbeziehen sollte, um das Defizit des Handelns direkter und breiter überwinden zu helfen.
Information zu Symposium, Themen, Referentinnen sowie die Filme der Vorträge sind zu finden unter der Internetseite >>>