2003, 2018, 2019 – das waren die heißesten drei Sommer in Deutschland. Seit 1881. Da wird es Zeit, dass gegengesteuert wird. In der Architektur ist Begrünung die Idee der Stunde. Das ist nicht neu, aber es spricht ja nichts dagegen, gute Ideen wieder zu entdecken. Überzeugen kann das Revival, dem eine aktuelle Ausstellung gewidmet ist, aber erst, wenn es nicht bei der Begrünung bleibt.
Im Februar gab Rudi Scheuermann der FAZ ein Interview, das im Feuilleton fast eine Seite einnahm – hier ging es offensichtlich um ein wichtiges Thema. Scheuermann, Architekt und Bauingenieur, ist globaler Leiter des Bereichs „Building Envelope Design“ bei Arup. Zusammen mit Hilde Strobl und Peter Cachola Schmal hat er die Ausstellung „Einfach Grün“ kuratiert, die im Deutschen Architekturmuseum aufgebaut ist und derzeit leider nicht besucht werden kann. Sie behandelt Gebäudebegrünungen – in Beispielen, vor allem aber auch mit konkreten Hinweisen, wie sie wirkt und wie sie gelingen kann. Diese Begrünung kann ein wichtiger Beitrag sein, wenn es darum geht, die Wirkungen des Klimawandels in den Städten zu begegnen. Und sie verändern das Bild der Architektur. Die Frage stellt sich nur, wie weit diese Veränderung reicht.Markenprodukte
Begrünung ist in. Bild: Christian Holl
Begrünung ist in. Bild: Christian Holl
Kö-Bogen II, ingenhoven architects, Düsseldorf 2020 (Foto: HGEsch © ingenhoven architects)
Kö-Bogen II, ingenhoven architects, Düsseldorf 2020 (Foto: HGEsch © ingenhoven architects)
Für die neue Calwepassage wurden die bestehenden Gebäude fast vollständig abgerissen. (Bild: Christian Holl)
Für die neue Calwepassage wurden die bestehenden Gebäude fast vollständig abgerissen. (Bild: Christian Holl)
Wirkung und Versuchung
Baumhaus von Ot Hoffman in Darmstadt, 2014. (Bild: Christian Holl)
Baumhaus von Ot Hoffman in Darmstadt, 2014. (Bild: Christian Holl)
Vielleicht lohnt sich an dieser Stelle ein Blick in die Geschichte, denn wirklich neu ist das Thema ja nun nicht. Eine ganze Reihe von Pionieren wie James Wine oder Gernot Minke haben schon lange vor Boeri, Ingenhoven und Co die Möglichkeiten der Begrünung erkundet und umgesetzt. Der DAM-Katalog stellt unter anderem das Baumhaus von Ot Hoffmann in Darmstadt von 1972 vor, für das der Architekt Neuland betreten musste, da noch keine erprobten Techniken zur Verfügung standen. Regenwasser wird eingesetzt, die Selbstaussaat ist Teil des Konzepts. Durch mobile und zusammenklappbare Möbelsysteme konnte die Wohn- und Arbeitsfläche effizient und sparsam genutzt werden. Das Baumhaus sollte eigentlich in ein weiterreichendes Konzept eingebunden werden, das allerdings nicht im geplanten Umfang verwirklicht wurde: Diese sah vor, Straßen vom Autoverkehr zu befreien und zu Fußgängerbereichen umzugestalten. Die Begrünung war also Teil eines Gesamtkonzepts, das auf eine umfassende Umgestaltung der Umwelt zielte und sich nicht auf das Thema der Begrünung beschränkte.
Grün als Forderung
Ökohäuser der IBA Berlin von Frei Otto, 1990 (Bild: Deborah Rowe, CC BY-NC-ND 2.0)
Ökohäuser der IBA Berlin von Frei Otto, 1990 (Bild: Deborah Rowe, CC BY-NC-ND 2.0)
Derartige Projekte – aus aktueller Perspektive könnte hier etwa Granby Four Streets in Liverpool von Assemble aufgeführt werden – sind deswegen so anschaulich, weil sie das Wagnis des Neuen eingingen und dabei Architektur als Teil einer anderen Vorstellung eines gelingenden Lebens und einer funktionierenden Gemeinschaft verstanden. Die Gebäudebegrünung war und ist in all diesen Projekten keine Zutat, kein Verkaufsargument, sondern Teil dessen, wie man Architektur, ihre Bedeutung und ihre Einbindung in die Gesellschaft verstanden wissen wollte.
Im Rahmen der Ausstellung "Einfach grün" war über einen Projektaufruf nach guten Beispielen gesucht wurden. Eingesendet wurde unter anderem diese begrünte Hausfassade an einem Kölner Mehrfamilienhaus. (Foto: Benjamin Marx © Aachener Siedlungs- und Wohnungsgesellschaft mbH)
Im Rahmen der Ausstellung "Einfach grün" war über einen Projektaufruf nach guten Beispielen gesucht wurden. Eingesendet wurde unter anderem diese begrünte Hausfassade an einem Kölner Mehrfamilienhaus. (Foto: Benjamin Marx © Aachener Siedlungs- und Wohnungsgesellschaft mbH)
Die Begrünung von Fassaden und Dächern könnte statt dessen Ausdruck einer Haltung und Ermutigung sein, sich auch im Kleinen für die Umgebung und die Umwelt zu engagieren, wenn der Klimawandel als Herausforderung auch in den Ursachen entschieden angegangen wird, auch und gerade dort, wo Architektur überfordert ist: im großen, regionalen und überregionalen und internationalen Maßstab. Gebäudebegrünung muss also eigentlich Forderung sein: Forderung, nicht nur Zutat, sondern Teil eines notwendigen Wandels sein zu dürfen. Rudi Scheuermann müsste dann nicht mehr bekennen, nichts Grundlegendes bewirken zu können.
Die Ausstellung »Einfach grün – Greening the City« im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt hat eine Laufzeit bis zum 11. Juli. Bis die Ausstellung wieder geöffnet wird, kann man sich einige Filme zu Thema und Ausstellung zu Gemüte führen. Der informative Katalog kostet 19 Euro. Weitere Information >>>
Das ist es mir wert
- 1siehe Sabine von Fischer: Hype ums Hochhausgrün, NZZ, 10. Februar 2021 >>> Auch um dieses Problem weiß Scheuermann und verfolgt deswegen das Anliegen, Fassaden so zu entwickeln, dass sie durch Flugsamen begrünt werden können.
- 2Florian Hertweck (Hg.): Architektur auf gemeinsamem Boden. Positionen und Modelle zur Bodenfrage. Zürich 2020, S. 339