Foto: Till Budde
„Alle 6 Minuten verlieren wir eine Sozialwohnung“ – dieser Satz erstreckt sich aktuell über die große Schaufensterfront der Architektur Galerie Berlin, um unmissverständlich und weit sichtbar ein Zeichen entlang der Karl-Marx-Allee zu setzen, dass heute andere Wege als die gewohnten erforderlich sind, um der Wohnungsmisere und sozialen Entmischung unserer Städte endlich effektivere Modelle entgegensetzen zu können. Die Architekten Sascha Zander und Christian Roth schlagen eines vor.
Artikel 28 der Berliner Landesverfassung gesteht jedem Menschen angemessenen Wohnraum zu. (Bild: Till Budde)
Artikel 28 der Berliner Landesverfassung gesteht jedem Menschen angemessenen Wohnraum zu. (Bild: Till Budde)
Wie dramatisch die Lage des Wohnungsbaus nicht nur in Berlin, sondern im ganzen Land ist, zeigen nun die Architekten Sascha Zander und Christian Roth beeindruckend analytisch und visuell attraktiv mit ihrer Ausstellung „Pionier Sozialen Wohnungsbau neu denken“ auf, die ihren Besuchenden aber auch sehr konkret einen möglichen Weg zur Problemlösung anbietet. Die beiden Gründer des Büros zanderroth, das in den letzten 18 Jahren mit zahlreichen Baugruppenprojekten wiederkehrend den Beweis erbrachte, dass kostengünstiges Bauen mit sozialer Vielfalt und hohen architektonischen Qualitäten möglich ist, wollten sich nicht mehr damit begnügen, einzelne Projekte quasi neben dem Markt zu realisieren, sondern den preisgünstigen Wohnungsbau grundsätzlich ökonomisch wie architektonisch neu zu hinterfragen, um zu effektiveren zeitgenössischeren Lösungsmodellen zu gelangen.
Zahlen zum Sozialwohnungsbau in Deutschland und Berlin. (Grafik: zanderroth Architekten)
Zahlen zum Sozialwohnungsbau in Deutschland und Berlin. (Grafik: zanderroth Architekten)
In Deutschland nehmen seit 1990, in Berlin seit 1995 die Sozialwohnungen kontinuierlich ab. (Grafik: zanderroth Architekten)
In Deutschland nehmen seit 1990, in Berlin seit 1995 die Sozialwohnungen kontinuierlich ab. (Grafik: zanderroth Architekten)
Entwicklung der Bodenpreise in Berlin. (Grafik: zanderroth Architekten)
Entwicklung der Bodenpreise in Berlin. (Grafik: zanderroth Architekten)
Grundeigentum in Berlin. (Grafik: zanderroth Architekten)
Grundeigentum in Berlin. (Grafik: zanderroth Architekten)
Schemaschnitt das "Pionier" – 320 Wohnungen, davon die Hälfte Sozialwohnungen. (Grafik: zanderroth Architekten)
Schemaschnitt das "Pionier" – 320 Wohnungen, davon die Hälfte Sozialwohnungen. (Grafik: zanderroth Architekten)
Verzehnfachte Grundstückspreise
In großen Schaudiagrammen aufgearbeitet, lädt ihre Ausstellung nun dazu ein, sich der Entwicklungen des Wohnens und Bauen in den letzten Jahrzehnte nicht nur in Berlin, sondern im ganze Lande bewusster zu werden und vor allem auch mehr über die Wechselwirkungen zu erfahren, die dafür sorgen, dass das Leben in der Stadt so teuer wurde. Normalverdiener können sich dort kaum mehr eine Wohnung leisten. Dabei kam den Architekten ihre Expertise mit Baugruppen sehr zu nutze: von Anfang an die Kosten ihre Projekte präzise ökonomisch zu kalkulieren, geeignete Grundstücke zu finden und diese dann optimal zu nutzen, aber zugleich auch quartiersverträglich ohne größere administrative Genehmigungsverfahren zu implantieren.
Blick in die Ausstellung. (Bild: Till Budde)
Blick in die Ausstellung. (Bild: Till Budde)
Für ihren „Pionier“ entwickelten sie dazu ein eigenes Finanzkonzept, das auf Erbpacht und einer Querfinanzierung der Sozialwohnungen durch die teureren Eigentumswohnungen aufbaut, deren Besitzer die Grundstückskosten für die Sozialwohnungen relativ leicht mittragen könnten. 160 Eigentumswohnungen von 4.830 bis 9.660 €/qm (Preis abhängig von dem jeweiligen Bodenpreis des Standortes und der Etage!) könnten so nach einer Modellrechnung 96 Sozialwohnungen zu 6,60 €/qm und 64 zu 9 €/qm möglich machen.
Für dieses Modell wären auch weniger klassische Bauträger als private oder institutionelle wie etwa Bauherrengemeinschaften und Genossenschaften geeignet, da letztere ihr Baurisiko selbst tragen und nicht wie private Bauträger mit bis zu 1.000 €/qm Risikoaufschlag absichern müssten. Außerdem verbietet europäisches Recht der öffentlichen Hand, Wohnungsbaugesellschaften öffentliche Grundstücke zu erheblich niedrigeren Verkehrswerten zu übergeben, wenn sie zugleich noch zum Bauen Fördermittel erhalten. Das Projekt „Pionier“ versucht, dagegen andere Akteuere wie Baugruppen oder Genossenschaften wieder stärker zu aktivieren, denen landeseigene Grundstücke viel leichter in Erbbaupacht überlassen werden könnten.
Keine Gespräche
Visualisierung des Pionier auf einem Grundstück in Prenzlauer Berg, Berlin. (Visualisierung: zanderroth)
Visualisierung des Pionier auf einem Grundstück in Prenzlauer Berg, Berlin. (Visualisierung: zanderroth)
Berlin jedoch besitzt noch eine größere Zahl an Grundstücken, wie die Architekten in ihrer Ausstellung aufzeigen. Ob nun Christian Gaebler, Berlins gerade erst neu berufener Senator für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen die Chancen erkennt und für ein Gespräch bereit ist, werden die nächsten Wochen zeigen. Der Stadt und ihren Bewohner:innen wäre es jedenfalls zu wünschen, dass ein solches Modell wie „Pionier“, das so lange und so intensiv mit beeindruckender Eigeninitiative vorangetrieben wurde, endlich eine Beachtung seitens der Politik erfährt. Denn die alten Wege und Modelle des Sozialen Wohnungsbaus werden kaum die aktuelle Wohnungsnot lösen können, zumal wir weiterhin jeden Tag mehr kostengünstige Wohnungen verlieren als gewinnen. Und wir brauchen dazu deutlich mehr solche Architekten wie Zander und Roth, die die bestehende Verhältnisse hinterfragen und eigene Initiativen mit alternativen Modellen wagen.
Bis zum 8. Juli in der Architektur Galerie Berlin
Dienstags bis freitags 14–18 Uhr, samstags 12–18 Uhr
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