Innen steht der "Turm", der das Dach überragt, vergleichsweise frei. (Bild: Wolfgang Bachmann)
Innen steht der "Turm", der das Dach überragt, vergleichsweise frei. (Bild: Wolfgang Bachmann)
Encore une fois?
Als das Pariser Mutterhaus von Richard Rogers und Renzo Piano, das 1977 eröffnet wurde, für seine Inhalte einen Ableger an diesem neuen Standort suchte, durfte man sicher sein, dass auch die Architektur eine maßgebende Rolle spielen würde. Schließlich war Rogers in der Jury vertreten, als ließe sich damit eine Kontinuität garantieren. Unter den 157 abgegebenen Entwürfen wurde schließlich der Vorschlag des japanisch-französischen Teams Shigeru Ban / Jean de Gastines / Philip Gumuchdjian ausgezeichnet.
Modell des 2010 preisgekrönten Entwurfs vom Team Shigeru Ban / Jean de Gastines / Philip Gumuchdjian (Bild: Wolfgang Bachmann)
Modell des 2010 preisgekrönten Entwurfs vom Team Shigeru Ban / Jean de Gastines / Philip Gumuchdjian (Bild: Wolfgang Bachmann)
Weiches Dach über harten Räumen
Die (im Haus ausgestellten) Modellstudien lassen das Prinzip auf Augenhöhe erkennen: ein weit schwingendes Membrandach über einem Trägerrost, unter dem sich drei gegeneinander verschränkte rechteckige Galerietunnel stapeln. Zunächst hatten diese beiden Elemente nichts miteinander zu schaffen, dann führte die notwendige Doppelkrümmung der Brettschichtholzgitter zu der verwegenen Idee, mit den kantigen Betonquadern die ondulierte Dachform zu durchstoßen. Sie überspannt nun nicht mehr als Fläche das aufgeschichtete Innenraumgefüge, sondern wird selbst zum Tragwerk, indem sich ihre mächtigen verleimten Brettschichthölzer aus ihren sternförmigen Sechsecken lösen, als Reusen zum Boden fortsetzen und als Stützen dienen, ohne den harmonischen Schwung (und Kraftfluss) aus dem Flechtwerk des Dachträgerrosts aufzugeben.
Für die Tragwerksplanung waren Holzbau Amann und der Ingenieur Hermann Blumer zuständig. (Bild: Wolfgang Bachmann)
Für die Tragwerksplanung waren Holzbau Amann und der Ingenieur Hermann Blumer zuständig. (Bild: Wolfgang Bachmann)
Spuren des Reparierens: Wo die Dachhaut geflickt werden musste, bleiben Nahtstellen sichtbar. (Bild: Wolfgang Bachmann)
Spuren des Reparierens: Wo die Dachhaut geflickt werden musste, bleiben Nahtstellen sichtbar. (Bild: Wolfgang Bachmann)
Eher nicht. Die drei gut 80 Meter langen Galerien bilden einen neutralen Hintergrund für die Kunst, sie erfüllen die Bedingungen, die der Schweizer Kurator Jean-Christoph Ammann einmal für Ausstellungsarchitektur gefordert hat – man vergisst dabei allerdings, wo man sich befindet, vor allem, wenn die aussichtsreichen Fenster an den Stirnseiten durch die jeweilige Inszenierung verschlossen sind. Auch der Außenraum unter dem spektakulären Dach bietet keine räumlichen Erlebnisse. Die Galeriedächer sind nicht zu betreten, man gleitet in einem gläsernen Aufzug im Tour Hexagonale an ihnen vorbei und kann dann von einem Balkon auf der oberen Ebene nach unten schauen. Dabei entdeckt man die Haustechnik, die sonst irgendwo versteckt wird. Und neben dem unvermeidlichen Altern dieser Konstruktion fragt sich der kleinliche deutsche Besucher, wer diese technischen Traggerüste putzen soll. Kommen Bergsteiger und klettern innen die Fassade hoch, um die verstaubten Stahlsprossen abzufegen?
Das große Ganze und funktionale Bauteile wie Fassaden und Decken und Wände – eine Bricolage (Bild: Wolfgang Bachmann)
Das große Ganze und funktionale Bauteile wie Fassaden und Decken und Wände – eine Bricolage (Bild: Wolfgang Bachmann)
Die Kunst der Montage
Es bleibt schwierig: Weiche, freie Formen in Einklang mit Bauproukten zu bringen, die für das Bauen im rechten Winkel gemacht sind. (Bild: Wolfgang Bachmann)
Es bleibt schwierig: Weiche, freie Formen in Einklang mit Bauproukten zu bringen, die für das Bauen im rechten Winkel gemacht sind. (Bild: Wolfgang Bachmann)
Das Original
Aktuell zu sehen ist eine Erinnerung an Suzanne Valadon (1865-1938), die als Aktmodell den Pariser Malerfürsten diente und sich in dieser Umgebung so viel aneignete, dass sie schließlich selbst als Künstlerin reüssieren konnte. Außerdem die lehrreiche Ausstellung La Répétition, die erzählt, dass die Moderne durch Vervielfachen, Anhäufen, Versuchen und Reproduzieren bestimmt wird (ein Prinzip, was auch manche Architekten verfolgen). Was dabei fehlt, ist das Phänomen der Fälschung (Beltracchi!). Es hätte zum Parcours in diesem Haus gepasst.
Centre Pompidou in Metz > Website