Es gibt mehrere Möglichkeiten, ein Erbe auszuschlagen. Braunschweig wählt möglicherweise den Weg, das Erbe nur fadenscheinig anzunehmen, um es damit aber nur um so endgültiger abzulehnen. Die Rede ist von einem unerkannten Meisterwerk Gottfried Böhms. Es soll zwar in Teilen erhalten werden, doch das eigentlich Beeindruckende des Originals soll durch ein modisches Remake ersetzt werden.
Von großer Aufmerksamkeit begleitet, wurden Ende Mai die Planungen für ein neues Musiktheater in Braunschweig vorgestellt. Die Renderings und Zeichnungen zeigen eine beeindruckende Architektur mit heruntergezogenen Fassadenelementen, die sich dem Passanten wie Segel entgegenschwingen.
Hinter der Fassade. Erster Preis im Wettbewerb "Haus der Musik" für ADEPT. (BIld: ADEPT, Kopenhagen, Hamburg)
Hinter der Fassade. Erster Preis im Wettbewerb "Haus der Musik" für ADEPT. (BIld: ADEPT, Kopenhagen, Hamburg)
Preise 1 und 2 sowie eine Anerkennung im Wettbewerb "Haus der Musik"; von links nach rechts: ADEPT, Gustav Düsing und Dörte Mandrup. (Bilder: ADEPT; Kopenhagen/Hamburg; Gustav Düsing Architekt, Berlin; Dorte Mandrup A/S, Kopenhagen).
Preise 1 und 2 sowie eine Anerkennung im Wettbewerb "Haus der Musik"; von links nach rechts: ADEPT, Gustav Düsing und Dörte Mandrup. (Bilder: ADEPT; Kopenhagen/Hamburg; Gustav Düsing Architekt, Berlin; Dorte Mandrup A/S, Kopenhagen).
Erinnerung und Neuerfindung
Das Original: Böhms Kaufhaus in Braunschweig, Nordfassaade. (Bild: Andreas Bormann)
Das Original: Böhms Kaufhaus in Braunschweig, Nordfassaade. (Bild: Andreas Bormann)
Einkaufen für alle
Schwarzplan Braunschweig mit der Kennzeichnung der Kaufhausbauten (v.l.n.r.): Karstadt am Gewandhaus, Gottfried Böhm 1976-78; Kaufhaus Flebbe, Friedrich Wilhelm Kraemer 1953/54; Horten, Helge Bofinger 1972-74 (Quelle: Olaf Gisbertz)
Schwarzplan Braunschweig mit der Kennzeichnung der Kaufhausbauten (v.l.n.r.): Karstadt am Gewandhaus, Gottfried Böhm 1976-78; Kaufhaus Flebbe, Friedrich Wilhelm Kraemer 1953/54; Horten, Helge Bofinger 1972-74 (Quelle: Olaf Gisbertz)
Der Konsum hat sich mittlerweile in die Sphäre des Internets verlagert. Viele Einkaufsflächen liegen brach, auch das ehemalige Hortengebäude (Galerie Kaufhof) von Helge Bofinger am Rande des Magniviertels — nur einen Steinwurf von Böhm entfernt —, das als „Hortenstein“ früh die Kritik auf sich gezogen hatte. Wie andernorts führte diese Kritik alsbald zu einem Umdenken – in Braunschweig, als das Versandunternehmen Neckermann seine innerstädtischen Verkaufsflächen in direkter Nachbarschaft des historischen Gewandhauses auf einer Bruttogeschossfläche von rund 18.000 Quadratmeter zusammenlegen wollte. Durch Intervention der kommunalen Stadtplanung rief der Bauherr einen auf vier Architekturbüros beschränken Wettbewerb aus, der zu einem die Baumassen in das sensible Gefüge integrieren und zwischen Alt und Neu vermitteln sollte.
Expressives Lehrstück
Gleichzeitig expressiv-eigenständig und ortsgebunden. Die Komplexität von Böhms Entwurf erschöpft sich nicht in schrägen Ebenen in der Fassade, sondern in einem vielfältigen Spiel mit Gauben, Fenstern und Attika. (Bild: Olaf Gisbertz)
Gleichzeitig expressiv-eigenständig und ortsgebunden. Die Komplexität von Böhms Entwurf erschöpft sich nicht in schrägen Ebenen in der Fassade, sondern in einem vielfältigen Spiel mit Gauben, Fenstern und Attika. (Bild: Olaf Gisbertz)
Schon 1978 hatte der junge Vittorio Lampugnani zu einer weithin beachteten Tagung eingeladen, um den Begriff der Maßstäblichkeit im Städtebau der Zeit zu diskutieren. Dieses Unterfangen erschien den Teilnehmenden, unter anderem aus Architektur, Stadtplanung und Soziologie – Hanns Adrian, Hans-Paul Bahrdt, Frei Otto oder Bruno Zevi – allerdings schon damals wenig erfolgsversprechend, war der Begriff doch kaum präzise zu fassen oder zu definieren. In den publizierten Tagungsunterlagen findet man aber auch einen Hinweis, der sich noch heute als Ausblick auf die aktuelle Diskussion um die Weiternutzung dieser Großstrukturen verstehen lässt: „Der menschliche Maßstab in der Architektur ist nicht, wie auf den ersten Blick erscheinen könnte, ein Begriff, der in unmittelbarem Zusammenhang mit baulichen Größenordnungen steht; auch nicht unmittelbar mit Proportionen, Stellungsverhältnissen oder menschlichen Maßen. (...) Die Maßstäblichkeit muss vornehmlich in anderen Parametern gesucht werden: nämlich in dem Grad, in welchem die Benutzer sich Architektur aneignen können. Diese Aneignung kann sowohl physisch (durch materielle Eingriffe in die gebaute Umwelt) als auch psychologisch sein; immer beinhaltet sie jedoch Benutzung, Identifikation, Verständnis, Annahmen, kurz Lebbarkeit des Gebauten. Die praktische Funktion (psychische Nutzung), bislang oft als einseitig determinierend angesehen, muß zusammen mit der Erfüllung psychischer Bedürfnisse der Benutzer zu baukünstlerischer Qualität verschmelzen.“
Braunschweig ohne Böhm?
19. Mai 2025
Der Autor widmet diesen Beitrag nachträglich Berthold Burkhardt. Burkhardt war Mitarbeiter bei Frei Otto und lehrte lange an der TU Braunschweig, von wo er sich über ICOMOS und die Wüstenrot-Stiftung engagiert für das junge Bauerbe eingesetzt hat. Am 3. Juni ist Berthold Burkhardt im Alter von 83 Jahren gestorben,