Hermann Czech: Ungefähre Hauptrichtung. 167 Seiten, 20,4 x 19,3 cm. Loecker Erhard Verlag, 2021. 28,80 Euro. ISBN-13: 9783990981139
Hermann Czech: Ungefähre Hauptrichtung. 167 Seiten, 20,4 x 19,3 cm. Loecker Erhard Verlag, 2021. 28,80 Euro. ISBN-13: 9783990981139
Vergnügen mit Erkenntnisgewinn
Hermann Czech, 2006 (Bild: Wikipedia free, David Pasek)
Hermann Czech, 2006 (Bild: Wikipedia free, David Pasek)
Czechs Vater war gelernter Kellner, seine Mutter Kassiererin, beide machten sich nach dem Krieg selbständig und betrieben eine Kantine in der Hofburg, die später zum Restaurant »Ballhaus« wurde, dem ersten Lokal, das Czech gemeinsam mit Wolfgang Mistelbauer und Reinald Nohàl neu gestaltete: Sie kombinierten Tapeten, Stoffe und Sessel von Josef Hofmann aus verschiedenen Zeitepochen. Czech gestaltete das »Kleine Café«, längst eine Wiener Institution, das Restaurant »Salzamt«, das Café im Wiener Museum für Angewandte Kunst, das es leider nicht mehr gibt, die »Wunder-Bar« und das Restaurant »Immervoll«, das immer voll ist, aber nun Gasthaus Pöschl heißt. Er verpasste der Wiener Staatsoper ihre Winterverglasung – eine kristallin anmutende, deutlich sichtbare Struktur, deren Geometrie einen dezenten Bogen um die Figuren auf der Fassade macht, aber keinerlei Anstrengung, selbst zu verschwinden. Gemeinsam mit ARTEC und Walter Angonese gestaltete Hermann Czech das Sigmund Freud Museum – ohne jede falsche Rekonstruktion, sondern einer behutsamen, aufrichtigen Freilegung des wenigen, das noch da ist.
Isabella Marboe
Hartmut Frank: Fritz Schumacher. 352 Seiten, 202 schwarzweiße Abbildungen, 13,5 x 21 cm. Ellert & Richter Verlag, Hamburg 2021, 19,95 Euro ISBN 978-3-8319-0753-3
Hartmut Frank: Fritz Schumacher. 352 Seiten, 202 schwarzweiße Abbildungen, 13,5 x 21 cm. Ellert & Richter Verlag, Hamburg 2021, 19,95 Euro ISBN 978-3-8319-0753-3
Ellert & Richter Verlag, Hamburg 2021
352 Seiten, 202 s/w Abbildungen
19,95 Euro
ISBN: 978-3-8319-0753-3
Dirigent des »Neuen Bauens«
Die Meistererzählungen der Architekturgeschichte des 20. Jahrhunderts wissen wenig über Orte, in denen etwas anderes entstand als die zuletzt im Bauhausjahr präsentierte »klassische« Moderne; Hamburg gehörte nicht dazu. Dies muss nicht so bleiben. Denn jetzt gibt es Hartmut Franks umfassende Monografie, die Schumacher und seine Stadt vom Rand in die Mitte holt.
Kellinghusenbad, 1914 (Bild: Wolfgang Voigt)
Kellinghusenbad, 1914 (Bild: Wolfgang Voigt)
Als norddeutsches Pendant zu dem in mancher Hinsicht ähnlichen Theodor Fischer war Schumacher viel mehr als nur der auf seine Stadt konzentrierte Oberbaudirektor. Mit einem schriftstellerischen Werk erstaunlichen Umfangs auch zu allgemeinen Themen der Kultur, das zu Unrecht komplett vergessen ist, stellte er die Kollegen in den Schatten. Hartmut Frank stellt die wichtigsten Schriften vor, immer vor den geistigen Hintergründen der Zeit und in Verbindung mit den Planungen und dem gebauten Werk. So gelingt ihm über die ganze Strecke des reich bebilderten Buches eine weniger am Zeitstrahl als an Themen orientierte Erzählung, die den Leser nicht gerade unterfordert, aber trotzdem angenehm locker dahinfließt.
Großstadt | 1901 auf einen Lehrstuhl in Dresden berufen, war Schumacher wenig später Initiator der ersten deutschen Städteausstellung, in der Georg Simmel seinen epochalen Vortrag über die „Großstädte und das Geistesleben“ hielt. Auf der ersten Versammlung des Werkbundes, zu dessen Gründern er gehörte, stand Schumacher 1907 als erster Redner auf dem Podium und benannte als dessen Ziel die „Wiedergewinnung einer harmonischen Kultur“. Für Schumacher blieb es jedoch nicht bei der Schönheitsoffensive vom Städtebau bis zum Teelöffel, die den Werkbund in den ersten Jahren bestimmte. Mit den Problemen der Großstadt im Blick verpflichtete er die Architekten auf die Kooperation mit dem „organisierenden Sozialpolitiker“, und als solchen verstand er sich selbst.
Schule Krausestraße, Siedlung Dulsberg, 1920 (Bild: flamenc / Wikimedia Commons)
Schule Krausestraße, Siedlung Dulsberg, 1920 (Bild: flamenc / Wikimedia Commons)
Soziale Monumente | Die seit der Industrialisierung unablässig wachsenden Großstädte hatten schwere Mängel. Sie wurden aber als Stadtform von Schumacher nicht per se abgelehnt. Er gehörte auch nicht zu denen, die wie Ernst May Erweiterungen nur noch in abgelegenen Trabanten zulassen wollten. Hartmut Frank präsentiert Schumacher als herausragenden Protagonisten einer „sozialen Stadtbaukunst“, dessen Ziel es war, die Großstadt zum urbanen Gesamtkunstwerk zu entwickeln. Die schiere Menge seiner „Staatsbauten“ in Backstein, oft mit forumsähnlichen Platzanlagen verbunden - Frank nennt sie soziale Monumente - bildeten das Gerüst der reformierten Großstadt.
»Wohnstadt“ Hamburg | Sehr anschaulich beschreibt Frank, wie der anfangs in einer schwachen Stellung antretende Schumacher mit zäher Beharrlichkeit dem Tiefbauingenieur Sperber, dem zuvor allmächtigen Konkurrenten, die Zuständigkeit für die Stadtplanung aus der Hand nehmen konnte. Der Sohn eines Diplomaten verstand es, Konfrontationen vermittelnd aufzuweichen und seine Ziele mit einer Mischung aus Freundlichkeit, Eigensinn und Ausdauer zu erreichen. Das 1917 erlassene Hamburger Kleinwohnungsgesetz, das er selbst auf den Weg gebracht hatte, beendete die hochverdichtete Blockbebauung der Gründerzeit. Dass er bei den neuen Wohnquartieren die Gebäudeentwürfe den privaten Architekten überließ, war nur scheinbar ein Zurückweichen vor den Ansprüchen der freischaffenden Kollegen. Denn tatsächlich behielt er über die Steuerung von Wettbewerben und über die mit allen Seiten abgestimmten Bebauungspläne die umfassende Kontrolle über die von ihm Wohnstadt Hamburg getauften neuen Quartiere in der Hand.
Mit den Siedlungen Langenhorn, Dulsberg und Jarrestadt entstanden musterhafte Quartiere des sozialen Wohnungsbaus, bei denen Schumacher darauf achtete, dass durchaus noch Blöcke entstanden, jedoch innen mit Grün und oft an zwei Seiten halb offen mit eingeschossigen Flügeln für Läden und Gemeinschaftseinrichtungen. Die Entgrenzung des städtischen Raums nach Art des funktionalistischen reinen Zeilenbaus fand in Hamburg nicht statt. Bis 1914 zeigten seine sozialen Monumente noch hohe Dachlandschaften; später wurden sie bescheidener; sie wurden formal bereinigt, Flächen wurden betont, die Baukörper traten klarer in Erscheinung. Schulen und Gemeinschaftsbauten erhielten flache Dächer, platziert an markanten Punkten der Siedlung, in Blickachsen der Freiflächen und betont von rahmender Vegetation. Wohnblöcke umschließen große Höfe mit halböffentlichen Grünanlagen und Fußgängerwegen.
Stadtpark | Sein größtes einzelnes Projekt in Hamburg war die Umplanung des zukünftigen Stadtparks zum Volkspark modernen Typs und in Abwendung von der Landschaftsidylle der Romantik. Schumacher gestaltete ihn als explizit architektonischen Raum mit See und rechteckig gerahmter Festwiese als didaktisches Modell der neuen Stadt. Der Park sollte den Hamburgern aller Schichten und Altersgruppen ein Gefühl für Rhythmus und Raum näherbringen, was ihnen helfen würde, die neuen Wohnquartiere zu verstehen und sich anzueignen. Einige Elemente waren aus den USA inspiriert, die Schumacher aus seinen Jugendjahren kannte, denn sein Vater amtierte einige Jahre als Generalkonsul in New York. Die Milchwirtschaft mit Gasthaus im Stadtpark war nichts anderes eine niederdeutsch eingefärbte Kopie von The Dairy im Central Park. Hier erfuhren Großstadtkinder, wo ihre Milch herkam.
Volksschule Hamburg-Berne, 1930 (Bild: Hamburgisches Architektur-Archiv)
Volksschule Hamburg-Berne, 1930 (Bild: Hamburgisches Architektur-Archiv)
Gelb gegen Rot? | Nach 1945 wechselte man in Hamburg gerne zum gelben Klinker, in deutlicher Abgrenzung zu Schumachers Rot, das auch nach 1933 das Bauen in Hamburg beherrschte. Während des Zweiten Weltkriegs hatten die Nazis im Hamburger KZ Neuengamme eine Klinkerproduktion etabliert, die der Vorbereitung der geplanten NS-Großbauten dienen sollte. Backstein galt nun nicht nur als altmodisch, er war auch politisch kontaminiert. Mit dem regionalen Bezug des Materials war es allerdings vorbei, denn der gelbe Klinker wurde in Hessen gebrannt und hatte einen weiten Weg hinter sich, bevor er vermauert wurde. Während der ersten Historisierung des Neuen Bauens der Weimarer Republik, die in den 1980er Jahren stattfand, entstand dazu passend das Narrativ vom konservativen Hamburg im Gegensatz zum fortschrittlichen Altona, das erst 1937 mit der größeren Schwesterstadt vereinigt wurde. In den Altonaer Siedlungen wurden bereits 1925 gelbe Klinker verbaut; auch wurde dort schon 1926 ein »reiner« freistehender Zeilenbau errichtet.
Dies geschah unter Gustav Oelsner, der in Altona als Bausenator amtierte und mehr als einmal als moderner Antipode Schumachers herausgestellt worden ist. Zwar stimmt es, dass er für seine Stadt eigene Farbakzente setzte, aber neben dem häufigen Gelb gab es auch bei ihm ebenfalls das Backsteinrot und weitere Ziegelfärbungen, oft auch ein Mix aus Allem an derselben Fassade. Hartmut Frank stellt diese Deutung zu Recht in Frage, die an Oberflächen hängenbleibt und den viel wesentlicheren Parallelitäten im Handeln der beiden Stadtarchitekten keine Beachtung schenkt. Der aus jüdischer Familie stammende Oelsner wurde ebenso wie Schumacher 1933 aus dem Amt entfernt. Oelsner hat den Kollegen später als seinen Lebensretter bezeichnet. Denn es war Schumacher, der 1939 seine Kontakte ins Ausland nutzte, um ihm eine Einladung ins Ausland zu verschaffen. Oelsner konnte sich ins Exil retten und bekam eine Professur in der Türkei.
Wolfgang Voigt