Joachim Schürmann. (Bild: privat)
Joachim Schürmann. (Bild: privat)
Gemeinsam mit seiner Frau Margot prägte der Architekt Joachim Schürmann nicht nur die Stadt Köln, sondern die gesamte bundesdeutsche Architekturgeschichte – und mit ihr eine ganze Generation von Architektinnen und Architekten. Nun ist er im Alter von 96 Jahren in Köln gestorben.
Architektur zum Wohle der Gesellschaft
St. Pius X. in Flittard, 1962. (Bild: Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0, Elke Wetzig)
St. Pius X. in Flittard, 1962. (Bild: Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0, Elke Wetzig)
ABC-Haus, Köln, 1973–1975. (Bild: David Kasparek)
ABC-Haus, Köln, 1973–1975. (Bild: David Kasparek)
Zu diesem Zeitpunkt sind einige der bis heute schönsten Projekte schon fertiggestellt. Zum einen das eigene Wohnhaus im Kölner Stadtteil Deckstein, das als Teil eines mit Glyzinien bewachsenen Gartenkontinuums ab 1957 auch als Büro dient. Klar organisiert, sieht man dem eingeschossigen Bau samt Gartenhaus nicht nur die Lehrer der beiden Architekten und ihre von Mies van der Rohe zu Alvar Aalto reichenden Vorbilder an, sondern den deutlichen Willen einer feinfühligen und maßstabsgerechten Architektur, deren Referenzgröße stets die Menschen und ihre Aneignung der Räume ist. 1958 wird das Haus Gold fertiggestellt, 1960 die Wuppertaler Kirche Christ König mit ihrem leicht schwebenden Dachtragwerk über massiven Natursteinwänden. Ein Motiv, das Schürmann für die Kirche St. Pius in Köln-Flittard mit anderen Materialien ebenso überzeugend variiert. Den hier eingesetzten Backstein bringt er schließlich bis 1964 mit dem Haus Werner Schürmann in Dublin zu meisterlicher Reife. Das Haus für den Bildhauer und jüngeren Bruder Werner, der später als Bariton am Osnabrücker Theater reüssiert, gliedert sich um einen quadratischen Atriumhof, dessen runde Naturholzstützen deutlich auf Alto rekurrieren, in der Kombination mit den Wasserspeiern, dem leichten Dach und den Schiebeelementen zur großen Wohnküche und den übrigen Innenräumen aber deutlich eine individuelle Raumfolge innerhalb der schützenden Mauern mit ihren kleinen Fensteröffnungen bilden. Ein in jeglicher Hinsicht wunderschönes Haus.
Martinsquartier Köln, 1969–1977. (Alle Bilder: David Kasparek)
Martinsquartier Köln, 1969–1977. (Alle Bilder: David Kasparek)
Architektur für die Stadt
Postamt Köln 3, 1979–1990. (Bild: © Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons)
Postamt Köln 3, 1979–1990. (Bild: © Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons)
Zahlreiche, teils bis heute erfolgreiche Architekten haben ihre Ausbildung im Büro von Margot und Joachim Schürmann genossen: Walter von Lom, Hans Georg Waechter oder Hadi Teherani gehören unter vielen dazu. Folgt man den Äußerungen dieser und anderer Protagonisten, muss die Atmosphäre im Büro damals gleichermaßen arbeitsreich wie familiär gewesen sein. Wie sehr sich Beruf und Privates durchdringen, sieht man nicht nur an den Büros, die in Köln oder Salzburg immer auch Wohnhaus sind, sondern ebenso daran, dass alle vier Kinder Architektinnen und Architekten werden, die Söhne Felix und Peter ebenfalls in die Lehre gehen und an Hochschulen unterrichten. Auch darin beerben die beiden Söhne den Vater, der zwischen 1966 und 1970 als Professor für Entwerfen an der TH Darmstadt lehrt.
Wie weit der Blick von Joachim und Margot Schürmann stets ist, zeigt sich auch im Nachwort der umfänglichen, 1997 von Ingeborg Flagge im Wasmuth Verlag herausgegebenen Monographie. Dort schreiben die beiden, unter anderem 1981 und 1991 zwei Mal mit dem Deutschen Architekturpreis und 2008 mit dem Großen BDA-Preis ausgezeichnet: „Jeder Architekt, der seine soziale Verantwortung kennt, wird glücklich sein, auch an der Gestaltung unserer Städte mitwirken zu können. Gesellschaftliche Fehlentwicklungen aber innerhalb eines Architektenvertrags, der mehr und mehr vom Werkvertrag zum Dienstleistungsvertrag mutiert, ohne Unterstützung eines entschlossenen Bauherrn aufarbeiten zu wollen, ist aussichtslos. Wenn wir das wissen und unseren Beruf lieben, müssen wir uns das Vertrauen der Bauherrn erhalten oder gewinnen, kompromisslos aber auch bereit sein, nicht zuerst unserer eigenen Hoffart zu dienen, sondern der Wohlfahrt unserer Gesellschaft.“ Fast auf die Woche genau 24 Jahre nach seiner Frau Margot ist Joachim Schürmann am 8. Dezember im Kreise seiner Familie in Köln gestorben.
Das ist es mir wert
- 1In einer früheren Version dieses Artikels war zu lesen, Margot und Joachim Schürmann gründeten das gemeinsame Büro 1970 in Köln. Tatsächlich fand die Bürogründung schon in den 1950er-Jahren statt. Wir haben diesen Fehler korrigiert.