Am Brunnen vor dem Tore steht bekanntlich ein Lindenbaum, der süße Träume und ewige Ruhe verspricht. Liebes- und Todessehnsucht sind hier vereint. Und gibt es ein anderes Land, in dem ein Lied mit dem Text „Mein Freund, der Baum, ist tot“ zu einem Klassiker der Schlagermusik hätte werden können? Potenziert ist dieses Verhältnis im Wald. Robin Wood ist kaum zufällig eine deutsche Organisation. Vom Teutoburger Wald bis zum Klassiker des deutschen Männergesangs – „Wer hat dich du schöner Wald, aufgebaut so hoch da droben?“ – reichen die Referenzen dieser außergewöhnlichen Beziehung. Wegen ungünstiger Witterung fand die deutsche Revolution in der Musik statt, hatte Kurt Tucholsky einmal geschrieben. 1 Einspruch euer Ehren. Nicht nur dort! – auch in der Forstwirtschaft fand in Deutschland einmal so etwas wie eine Revolution statt, dort wurde immerhin zuerst das Prinzip der Nachhaltigkeit postuliert und eingeführt. Knapp ein Drittel der Fläche Deutschlands ist von Wald bedeckt – und diese Fläche wuchs in den letzten Jahren um immerhin 50.000 Hektar, aller Bauwut zum Trotz. Und so ist es wohl kein Wunder, dass sich nicht zum ersten Mal einer der vielen bizarren Architekturstreite um Bäume dreht. Chipperfield hatte in München den unerhörten Vorschlag gemacht, die Bäume (Linden!) vor dem Haus der Kunst zu fällen und den Bau der Nazizeit wieder unverstellt zu zeigen. Gegen diesen Vorschlag mäandert ein schrulliger Diskurs durchs Dickicht. Mal sind die Bäume Teil der Geschichte, die im Sinne des Denkmalschutzes zu erhalten sind, mal ist der Bau so schrecklich, dass man die empfindsame Seele vor seinem Anblick schützen muss, die sonst möglicherweise nicht entsetzt, sondern fasziniert ist.
Das Haus der Kunst im aktuellen Zustand. Vorderseite. Bild: Ute Zscharnt für David Chipperfield Architects
Das Haus der Kunst im aktuellen Zustand. Vorderseite. Bild: Ute Zscharnt für David Chipperfield Architects
Architektur macht Menschen nicht automatisch gut. Aber auch nicht schlecht
Vorderseite mit Bäumen und einer Arbeit von Mel Bochner: The Joy of Jiddisch (2013). Enwezor. der Direktor im Haus der Kunst, besteht darauf, dass man in der Architekturdiskussion die Rechnungn nicht ohne die Kunst machen sollte. Richtig. (Bild: Wikimedia.org, M(e)ister Eiskalt)
Vorderseite mit Bäumen und einer Arbeit von Mel Bochner: The Joy of Jiddisch (2013). Enwezor. der Direktor im Haus der Kunst, besteht darauf, dass man in der Architekturdiskussion die Rechnungn nicht ohne die Kunst machen sollte. Richtig. (Bild: Wikimedia.org, M(e)ister Eiskalt)
Was fehlt ist Gelassenheit. Und ein wenig Vertrauen darin, dass Menschen nicht gleich zu Nazis werden, wenn sie ein Haus sehen, das Adolf Hitler gefiel. Und ein wenig komplexes Denken, das die Nutzung und die Architektur nicht voneinander isoliert. Es war sehr wohltuend, dass in der db ein Kommentar zu lesen war, der zeigte, wie wenig sich die Qualität der Nutzung von der Geschichte des Hauses im Nationalsozialismus hat beeinflussen lassen. Das ist doch das Großartige: dass die Geschichte keine Macht darüber hat, was man mit dem Gebäude macht und was in ihm passiert. Dass gerade die Nutzung zeigt, dass man heute anderen Geistes Kind sein muss. Die Konfrontation der Architektur mit ihrer Nutzung erzeugt gerade die Reibung, die zum Wesen von Architektur gehört. Und die muss man, darauf hat Wolfgang Bachmann letzte Woche bereits hingewiesen, aushalten können. Diese Reibung bewahrt die Architektur aber auch davor, überschätzt zu werden. Architektur macht keine guten Menschen. Keine neue Gesellschaft. Aber auch nicht das Gegenteil davon. Und gerade deswegen müssen die Fragen, die sich durch sie stellen, auf anderen Ebenen diskutiert werden. Die Fragen müssen allerdings gestellt werden. Wenn man sich darüber verständigte, könnte man vielleicht nochmal anders über die Bäume nachdenken. Ob man sie braucht. Ob sie anders in die Gestaltung eingebunden werden könnten. Auch das sollte man ja nicht kategorisch ausschließen.
Was werden wir zu sehen bekommen, wenn sich die Schleier der empörungsgesättigten Diskussion verzogen haben? (Bild: Christian Holl)
Was werden wir zu sehen bekommen, wenn sich die Schleier der empörungsgesättigten Diskussion verzogen haben? (Bild: Christian Holl)
Der Baum mit Zuckerguss
Dokumentation einschließlich Interviews mit David Chipperfield und Winfried Nerdinger des Bayrischen Rundfunks >>>
Brief David Chipperfields An The Architects' Journal >>>
Pressemitteilung Haus der Kunst zum aktuellen Sachstand >>>
Kommentar von Sonja Zekri in der Süddeutschen Zeitung >>>
Kommentar von Patrick Bahners in der FAZ >>>
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