Janke Rentrop, Stefan Rettich (Hrsg.:): Nach der Kernkraft. Konversionen des Atomzeitalters. 14 × 21 cm, 224 Seiten, 150 schwarzweiße Abbildungen. Jovis Verlag, Berlin 2022. ISBN 9783868597554. 32 Euro
Janke Rentrop, Stefan Rettich (Hrsg.:): Nach der Kernkraft. Konversionen des Atomzeitalters. 14 × 21 cm, 224 Seiten, 150 schwarzweiße Abbildungen. Jovis Verlag, Berlin 2022. ISBN 9783868597554. 32 Euro
In dem jetzt von Stefan Rettich und Janke Rentrop vorgelegten Buch „Nach der Kernkraft“1geht es viel um Erinnerung, denn Ausgangslage für diesen zur rechten Zeit erschienenen Denkanstoß ist das Ende einer Epoche. Im Rahmen eines dreijährigen Forschungsprojekts am Fachgebiet Städtebau der Universität Kassel und nach einer lobenswert sachlichen Auflistung aller deutschen Kernkraftanlagen fragen Herausgeber und Autoren, wie es denn nun weitergehen soll nach dem „Ausstieg“, dem „Abschalten“. Schließlich wird hier Verzicht erklärt – auf eine Energiequelle, die, abgesehen von ihrem militärischen Ursprung und den daraus bis heute unentwegt wachsenden, unvorstellbaren Zerstörungspotenzialen, eben auch in erheblichem Maße zum Lebensniveau unserer Industriegesellschaften im globalen Norden beigetragen hat. Weltweit sind derzeit etwa 440 Kernkraftwerke in Betrieb, Deutschland hat es in der Summe auf 31 Leistungsreaktoren an 21 Standorten gebracht. „Die Euphorie darüber, die wachsende Energiefrage auf diese scheinbar einfache Art lösen zu können, muss derart groß gewesen sein, dass man sich auf eine Hochrisikotechnologie einließ – ohne Exitstrategie und ohne die Kosten eines späteren Ausstiegs auch nur im Ansatz zu kennen.“ (Rettich, Seite 8)
Doch auch kaum eine Technologie war schon seit ihrer Einführung so erbittert umstritten wie die Nutzung der Kernenergie. Letztlich handelte es sich um ein politisches Projekt. „Und weil für die Umsetzung der kommerziellen Nutzung die deutsche Energiewirtschaft benötigt wurde, waren die Beziehungen zwischen Politik und Wirtschaft deutlich enger, als die zwischen Politik und Zivilgesellschaft – was sich später als zentrales Problem herauskristallisieren sollte.“ (Seite 9) Zunehmend militante Auseinandersetzungen wegen der gewaltigen Risiken haben die deutsche Gesellschaft verändert, ihre Protestformen und zivile Streitkultur nachhaltig geprägt. Auch die Grundsatzentscheidung, unter dem Schock der Fukushima-Katastrophe den Pfad der Atomnutzung wieder zu verlassen, wurde von Politikern gefällt und dann zum allgemeinen gesellschaftlichen Konsens ausgerufen (das aktuelle Parteiengezänk um eine krisenbedingte Laufzeit-Verlängerung darf als Nachhutgefecht gelten).
Rastplatz vor Industriedenkmal: Krümmel (Bild: Nils Stoya)
Rastplatz vor Industriedenkmal: Krümmel (Bild: Nils Stoya)
Als die Schriftstellerin Annett Gröschner um die Jahrtausendwende im brandenburgischen Rheinsberg Mitarbeiter und Anwohner von Deutschlands erstem KKW (1966-1990) interviewte, traf sie auf „eine Generation, die am Anfang ihres Arbeitslebens dorthin kam, den Reaktor aufbaute, am Ende wieder abbaute und nach Hause ging.“2 Der sonst so tröstliche cradle-to-cradle-Gedanke trägt aber in diesem Fall nicht. Mit den Problemen atomtechnischer Spurenbeseitigung müssen sich Strahlenschutzexperten und Rückbaufirmen hierzulande schon seit 1985 auseinandersetzen, verstärkt infolge der ad-hoc-Abschaltung der beiden DDR-Kraftwerke in Rheinsberg und Greifswald nach 1990. Der dabei erforderliche sicherheits- und bautechnische Aufwand hat schnell zu florierenden Geschäftsmodellen geführt, an denen allenfalls die Selbstverständlichkeit überrascht, mit der man für sämtliche Standorte die Rückkehr zum Status quo ante verspricht – die Grüne Wiese. Da scheint sich jener leidige Impuls zu wiederholen, der schon bei der Braunkohle-Rekultivierung mit dem sentimentalen Vorsatz antrat, aus „geschundenen“ oder „verwundeten“ Landschaften alle Spuren industrieller Nutzung zu tilgen. Als hätte es die IBA Emscherpark mit ihrer kulturellen Rehabilitierung des Industriezeitalters nie gegeben. Und als seien die harten Konfrontationen zwischen Staatsmacht und Anti-Atom-Bewegung kein geschichtlich relevanter, also zu erinnernder Sachverhalt.
120 Kilometer Widerstand am 24. April 2010: Menschenkette von Krümmel bis Brokdorf (Foto: Günter Zint, Stiftung Günter Zint)
120 Kilometer Widerstand am 24. April 2010: Menschenkette von Krümmel bis Brokdorf (Foto: Günter Zint, Stiftung Günter Zint)
Damit kommt jene Zahl ins Spiel, die an verschiedenen Stellen des Buches immer wieder aufzuckt wie ein Irrlicht: Eine Million! Für so viele Jahre werden Sicherheitsgarantien gefordert, wenn es um die Endlagerung radioaktiven Mülls geht. Und da wird nicht mal nach Materialfestigkeiten gefragt, sondern nach „einem Medium der Vermittlung und Verständigung mit nachfolgenden Generationen, die dann in der Verantwortung einer Technologie stehen, die sie nicht verantwortet haben“. (Rettich Seite 29) Wenigstens der Architekt Tim Edler hat den Mut zum Klartext: „Dafür fehlt mir die Fantasie. 100 Jahre, da kann man sich noch etwas ausmalen, aber schon 500 Jahre liegen außerhalb meiner Vorstellung …“ (Seite 49) Hantieren in völligem Nebel. Planungsentscheidungen für Zeiträume, die selbst mit KI-basierten Modellen nicht überschaubar zu machen sind. Wer sich auf solche Gedanken ernsthaft einlässt, dem kann leicht schwindlig werden.
Von der Angstdebatte zur Ressourcenschonung
Trotzdem muss nach Handlungsspielräumen im Hier und Jetzt gesucht werden. „Das Atomprojekt, das als politisches Projekt gestartet ist und zu einem gesellschaftlichen Projekt mutierte, soll am Ende wieder auf rein technologischer Ebene abgewickelt werden – unter Verschwendung ungeheurer Mittel und Massen an grauer Energie.“ (Seite 21) Zwei einfache Sachverhalte können die Suche erleichtern: Von den Baumassen eines KKWs sind nur etwa drei Prozent radioaktiv kontaminiert! Die muss man sorgfältig extrahieren, sortieren, reinigen und schutzgerecht deponieren, die Verantwortung dafür liegt beim Bund (unter Verwendung von Entsorgungsrücklagen der Betreiber). Die restlichen 97 Prozent werden erst „freigemessen“, dann aus dem Atomgesetz entlassen. Der damit ermöglichte konventionelle Rückbau ist Sache der Eigentümer, meist Energieversorger, die häufig regionalem Einfluss unterliegen.
Und an diese, für ihre jeweiligen Standorte auch in Zukunft wichtigen Akteure richtet sich der Appell: Denkt an die CO2-Bilanz! Wenn der Paradigmenwechsel im Bauwesen, der eine Reduzierung des Ressourcenverbrauchs, den Erhalt bestehender Baustrukturen und sinnvolle Materialkreisläufe fordert, jetzt Fahrt aufnimmt, darf er um die – womöglich von Scham oder Panik getriebene – „Tatortreinigung“ der Atomindustrie keinen Bogen machen. Allein für den Abtransport der Trümmer der beiden Reaktoren von Biblis würden 19.000 LKW-Fahrten gebraucht! Dabei bieten die grob veranschlagten 15 Jahre für jeden konventionellen Rückbau doch ein ordentliches Zeitfenster zum Nachdenken: Grüne Wiese soll keine Option mehr sein!
„Lebenskraftwerk“ für bedrohte Tiere und Pflanzen. Studentische Projektidee für das KKW Biblis von Rina Gashi, Theresa Heise, Christian Kern, Benedikt Wirzel (Uni Kassel)
„Lebenskraftwerk“ für bedrohte Tiere und Pflanzen. Studentische Projektidee für das KKW Biblis von Rina Gashi, Theresa Heise, Christian Kern, Benedikt Wirzel (Uni Kassel)
Ländliche Idylle mit „gutem Nachbarn“? KKU Unterweser, Stadland (Foto: Nils Stoya)
Ländliche Idylle mit „gutem Nachbarn“? KKU Unterweser, Stadland (Foto: Nils Stoya)
Camping-Freuden vor Energielandschaft: Grafenrheinfeld. (Foto: Nils Stoya)
Camping-Freuden vor Energielandschaft: Grafenrheinfeld. (Foto: Nils Stoya)
Bei der Ausstellungseröffnung (Bild: Uni Kassel)
Bei der Ausstellungseröffnung (Bild: Uni Kassel)
Das ist es mir wert
- 1Stefan Rettich und Janke Rentrop (Hrsg.): „Nach der Kernkraft – Konversionen des Atomzeitaltes“. Mit Fotografien von Nils Stoya und Günter Zint. Berlin (Jovis Verlag) 2022. 208 Seiten. 32 Euro.
- 2Annett Gröschner: „Kontrakt 903. Erinnerung an eine strahlende Zukunft.“ Berlin (Kontext Verlag) 2003 (leider vergriffen).
- 3Kraftorte zwischen Physik und Metaphysik, in: Bauwelt (Berlin) 2023, Heft 1
- 4Gerhard Matzig: Neue Energie. Was soll aus stillgelegten Atomkraftwerken werden? In: Süddeutsche Zeitung vom 4. 1. 2023