Die Sporerstraße zwischen Karlsplatz und Karlspasse (Kaufhaus Breuninger). Im Erdgeschoss verhindert die Verbarrikadierung des Sansibar-Außenbereichs, dass ein tatsächlich öffentlicher Aufenthaltsplatz entsteht. (Bild: Ursula Baus)
Die Sporerstraße zwischen Karlsplatz und Karlspasse (Kaufhaus Breuninger). Im Erdgeschoss verhindert die Verbarrikadierung des Sansibar-Außenbereichs, dass ein tatsächlich öffentlicher Aufenthaltsplatz entsteht. (Bild: Ursula Baus)
Zwischen Marktplatz (südlich) und Karlsplatz (nördlich) liegt das neue Dorotheen-Quartier (Lageplan: Behnisch Architekten)
Zwischen Marktplatz (südlich) und Karlsplatz (nördlich) liegt das neue Dorotheen-Quartier (Lageplan: Behnisch Architekten)
Stadtgrundrisse
Es gab ein "Stuttgart" vor der Erfindung des Autos und vor der Ideologie der autogerechten Stadt. Vergleicht man beispielsweise das Innenstadtquartier, um das es hier geht, in seinen Konturen von 1794 mit dem, was jetzt gebaut worden ist, dann fallen wiedererkennbare Stadträume ansatzweise auf. Das große Dilemma ist und bleibt jedoch bis auf weiteres, dass Richtung Osten eine teils zwölfspurige Bundesstraße (B 14) in autobahnähnlich raumgreifender Aggression die Innenstadt durchschneidet und ihr Wegenetz zu Stückwerk verunstaltet. Hoffentlich nicht mehr lang.
Das Quartiersgelände in einem Plan von 1794 (Bild: Wiki commons)
Das Quartiersgelände in einem Plan von 1794 (Bild: Wiki commons)
Genau diese "Kleinigkeit" bereitet das neue Dorotheen-Quartier mit ortskenntnisreichen Blickbezügen vor, um nebenbei einem Teil der Stadtgesellschaft ein Bühnenszenario zu bauen, das diese bislang nicht hatte.
Keineswegs entstand nun im Dorotheen-Quartier eine geschlossene Shopping-Mall wie beim "Gerber" und beim "Milaneo" (siehe Beiträge in der Randspalte), sondern eine – salopp gesagt – vergleichsweise normale Stadtstruktur mit kommerziell genutzten Erdgeschossen, vielen Büroetagen und wenigen Wohnungen. Im Einzelnen dazu unten mehr – doch zunächst zurück zur Stuttgarter Zivilgesellschaft.
Sansibar in Stuttgart – Sehen und gesehen werden
Eine Eventankündigung im Prospekt des Dorotheen-Quartiers (Foto: Ursula Baus)
Eine Eventankündigung im Prospekt des Dorotheen-Quartiers (Foto: Ursula Baus)
Links im Bild: Der Außenbereich der "Sansibar"-Gastronomie ist eingehegt. Wer im Dorotheen-Quartier nicht konsumiert, findet keine Bleibe. (Bild: Ursula Baus)
Links im Bild: Der Außenbereich der "Sansibar"-Gastronomie ist eingehegt. Wer im Dorotheen-Quartier nicht konsumiert, findet keine Bleibe. (Bild: Ursula Baus)
Mit dem Dorotheen-Quartier kommt jetzt dennoch eine Facette des in Stuttgart stadttypologisch Fehlenden vor, ob es einem gefällt oder nicht: Es gehört zur inflationär beschworenen und inhaltlich wenigsagenden "Urbanität" irgendwie dazu und fehlte bislang im pietistisch geprägten Stuttgart. OB Manfred Rommel, so Stefan Behnisch, habe Stuttgart sozial befriedet. Städtebaulich aber nichts bewegt. OB Wolfgang Schuster wurde bundesweit mit der Aktion "Let's putz" bekannt, widmete sich ansonsten Prestige-Projekten. Und verantwortet als städtischer Bauherr durchaus vieles, das zu erläutern hier zu weit führt. Hinterließ seinem "grünen" Nachfolger Fritz Kuhn aber mit dem Dorotheen-Quartier ein Kuckucksei.
Und damit zum Projekt
Fassaden der neuen Baukörper am Karlsplatz, Blickrichtung Stiftskirche. Anders als vom Büro Behnisch geplant, springt der hintere Baukörper zurück, so dass keine durchgängige Arkade zur Markthalle zustande kam. Die Traufkanten hätte Behnisch gern weniger rigide gestaltet. (Bild: Ursula Baus)
Fassaden der neuen Baukörper am Karlsplatz, Blickrichtung Stiftskirche. Anders als vom Büro Behnisch geplant, springt der hintere Baukörper zurück, so dass keine durchgängige Arkade zur Markthalle zustande kam. Die Traufkanten hätte Behnisch gern weniger rigide gestaltet. (Bild: Ursula Baus)
Abreissen, Erhalten, Weiterbauen
Dass das Hotel Silber erhalten blieb und heute eine Art Kontinuität im Gefüge der Innenstadt, außerdem als Gedenkstätte eine nicht-kommerzielle Bereicherung sondergleichen bietet, ist allein privaten, kulturell ambitionierten Initiativen zu danken; genannt seien sich Persönlichkeiten wie Max Bächer, Karl Ganser, Edzard Reuter, Jörg Schlaich, Gottfried Kiesow, Roland Ostertag und viele andere. Für Behnischs Projekt zeichnete sich nach der Entscheidung für das Hotel Silber etwa 2013 ein Neustart ab, der – so Stefan Behnisch heute – dem Projekt gut getan habe.
Blick aus der Karlspassage Richtung Karlsplatz; im Hintergrund (gelb) das ehemalige Waisenhaus (heute Café Planie und ifa), davor die Stirnseite des ehemaligen Hotel Silber (Bild: Ursula Baus)
Blick aus der Karlspassage Richtung Karlsplatz; im Hintergrund (gelb) das ehemalige Waisenhaus (heute Café Planie und ifa), davor die Stirnseite des ehemaligen Hotel Silber (Bild: Ursula Baus)
Aus der Fußgängerperspektive entwickeln die nicht rechtwinklig angeordneten öffentlichen Räume mit überzeugenden Sichtbezügen einen bemerkenswerten Charme. Die Vollgeschosse über den Traufen wirken im Blick nach oben wie gen Himmel wegretuschiert – es ist nunmal ein gewaltiges Volumen, das sich in die Höhe türmt. Vor allem die Außenhaut der Obergeschosse gab Rätsel auf: Wann wohl die Schutzfolie von den Gläsern abgezogen würde? Die Architekten wollten die Glashülle so wie sie jetzt ist, und nun nimmt sich die "fünfte Fassade" des Quartiers, die von den Stuttgarter Hängen aus als eine Art Stadtlandschaft wahrgenommen wird, neben der Glastonne am Königsbau vergleichsweise harmlos aus.
Blick nach Ost, über die B14 Richtung "Bohnenviertel" und Halbhöhe. Behnisch konnte mit Unterstützung von Breuninger eine helle, rechteckige Bodenplatte durchsetzen. (Bild: Ursula Baus)
Blick nach Ost, über die B14 Richtung "Bohnenviertel" und Halbhöhe. Behnisch konnte mit Unterstützung von Breuninger eine helle, rechteckige Bodenplatte durchsetzen. (Bild: Ursula Baus)
Kreuz und quer, privat und öffentlich
Die Intention Behnischs, eine stärkere Verbindung aus der Stadtmitte über die B14 zum Bohnenviertel hin vorzubereiten, ist deutlich erkennbar. Blickbezüge nötigen als vorweggenommene Querspangen jetzt ständig dazu, die Bundesstraße innenstadtverträglich zurückzubauen, was die Stadt aufatmen ließe.Zugleich meldeten sich in der regionalen Presse Stimmen, die endlich auch den benachbarten Marktplatz – einen in früher Nachkriegszeit auf historischem Grundriss umbauten Platz – ähnlich "belebt" wissen wollen. Nun bietet der Marktplatz aber genau das, was das Dorotheen-Quartier verweigert: Aufenthaltsstellen ohne Konsumzwang. Er muss, weil er Marktplatz ist, ohnehin weitgehend frei bleiben, kann womöglich etwas Gastronomie oder kulturelle Nutzung vertragen. Wo die Stadt Eigentümerin am Platzrand ist oder anders Einfluss nehmen kann, muss sie dies in gemeinnützigem Sinne tun. Doch man erschrickt, wenn jetzt davon die Rede ist, dass sie den Marktplatz als Ganzes "endlich in Angriff" nehmen will. Das wird für Stuttgart wieder eine andere Baustelle... Zudem wird in Sichtweite des Dorotheen-Quartiers, gegenüber der Stiftskirche, wieder einmal abgerissen. Ein geschickt positionierter und gegliederter Bau aus der frühen Nachkriegszeit verschwindet – was stattdessen kommen wird, konnte in den letzten Tagen nicht herausgefunden werden. (Ergänzung vom 14. Juni 2017: Es wird ein Bau von Wulf-Architekten sein, der die übliche Rasterarchitektur mit Anschlussproblemen an den Bestand in sich trägt, siehe facebook)
(Bild: Ursula Baus)
(Bild: Ursula Baus)
Fassaden, Falten und Facetten
Bewirkt die Abkehr vom rechten Winkel in den Grundrisskonturen unumstritten eine angenehme Raumfolge, gehen die Meinungen über die kommerzialisierten Erdgeschosse und die plastisch reliefierten Fassaden auseinander. Passanten schauen hoch und diskutieren, die Heterogenität der Gebäudehüllen – Stein, Stahl, Glas – gibt in ihrer ungewohnten Geometrie Anlass genug dazu. Einförmige Raster wollte das Büro Behnisch nicht. So bleibt auch abzuwarten, was eine Beleuchtung in der dunklen Jahreszeit hier bewirken kann.
(Bild: Ursula Baus)
(Bild: Ursula Baus)
Blick vom Karlsplatz Richtung Karlspassage (Bild: Ursula Baus)
Blick vom Karlsplatz Richtung Karlspassage (Bild: Ursula Baus)
E. Breuninger GmbH, Stuttgart
Architekten:
Behnisch Architekten, Stuttgart
Wettbewerb: 2010
Überarbeitungsstudie: 2013
Ausführung: 2014-2017