Das Land, das es nicht mehr gibt. Auch als Sehnsuchtsbild hat es eine bis ins Heute reichende Wirkung. Die Auseinandersetzung mit der Realität blockiert es aber. Das Bild dreier russischer Bäuerinnen von 1909 ist von Sergei Michailowitsch Prokudin-Gorski >>>
Die Stadt war immer ganz selbstverständlich der Gegenstand, mit dem sich Planer, Architekten, Geografen, Soziologen, Historiker und Theoretiker auseinandersetzten – das Land blieb dabei lange außen vor. Das ändert sich schon eine Weile. Zwei neue Publikationen bestätigen, dass dies gut so ist: Wir müssen uns dem Land dauerhaft widmen. Denn was dort passiert, bestimmt die Lebensqualität. Ganz gleich, wo man wohnt.
Gewächshaus mit LED-Licht der Firma Koppert Cress in den Niederlanden. Foto: Luca Locatelli.
Gewächshaus mit LED-Licht der Firma Koppert Cress in den Niederlanden. Foto: Luca Locatelli.
Wenn dieser Titel einen Bezug zum Inhalt hat, dann den, dass er beschreibt, was unseren Blick auf die ländlichen Räume dieser Welt trübt: die sentimentale Sehnsucht nach einem Ort, an dem wir uns die Welt noch als eine imaginieren können, die in Ordnung ist. Wovon im Buch die Rede ist, ist nicht klein, nicht überschaubar, nicht idyllisch. Es geht um das, was ignoriert wird: der riesige blinde Fleck unserer Wahrnehmung. Klein ist der Anspruch nicht, den Koolhaas mit seinem Team bei diesem Projekt verfolgt hatte: Es handelt von Permafrostböden in Sibirien, von Glashausgebieten in China, 30 mal so groß wie Manhattan, wo Nahrungsmittel für 60 Millionen Menschen produziert werden. Von Farmen, auf denen die Landwirtschaft mit Robotern betrieben wird. Smart sollen nicht nur die Städte werden, das Land ist es schon: Überwacht und optimiert, erfasst und auf Effizienz getrimmt. Der kalte Kapitalismus nimmt Rücksicht auf ökologische Zusammenhänge höchstens insofern, als er sich nicht seiner Grundlage berauben will. Aber Koolhaas wäre nicht Koolhaas, wenn er mit der Radikalität des Hinsehens und Befragens von den Entwicklungen auf den großen Flächen nicht auch die Widersprüche sichtbar machen wollte, die sich genau dann ergeben, wenn man versuchen möchte, Beobachtungen zu einem Bild zu fügen.
Das gelingt, aber um den Preis, dass das Buch ist von einer sprunghaften, unruhigen Essayistik geprägt ist. Interviews, Reportagen, Themen wechseln rasant und abrupt, so als wollten die Kuratoren und Herausgeber abbilden, dass es vergeblich ist, eine Zusammenhang zwischen unterschiedlichen Phänomenen herstellen zu wollen.
Rotiernde Melkmaschine, die größte der Welt. Sie gehört zu einem Kuhstall in der Wüste von Katar. Foto: Petra Blaisse
Rotiernde Melkmaschine, die größte der Welt. Sie gehört zu einem Kuhstall in der Wüste von Katar. Foto: Petra Blaisse
AMO/ Rem Koolhaas (Hg.): Countryside. A report. 10x16 cm, 352 Seiten, 20 Euro Taschen Verlag, Köln, 2020
AMO/ Rem Koolhaas (Hg.): Countryside. A report. 10x16 cm, 352 Seiten, 20 Euro Taschen Verlag, Köln, 2020
Aber auch das ist nicht die letzte große Erzählung, der Abgesang: denn zum Buch gehören die Geschichten vom erfolgreichen Schutz der Gorillas in Uganda und der Wiederbelebung eines Dorfes in Kalabrien durch Flüchtlinge, von den genossenschaftlich organisierten Farmern in North Dakota. Das Buch endet mit einer fast dreißigseitigen Litanei von Fragen, die die Widersprüchlichkeit des Blicks auf das Land illustrieren – Ausdruck der Vergeblichkeit jeden Versuchs, der noch so umfassenden Beobachtung eindeutige Aussagen abzuringen. Es bleibt dem Leser überlassen, daraus einen Schluss zu ziehen – zu resignieren, weil das Handeln keinem großen Ziel folgen kann oder zu handeln, weil das Fehlen des großen Ziels die Resignation außer Kraft setzt.
Werner Bätzing: Das Landleben. Geschichte und Zukunft einer gefährdeten Lebensform. 22x15 cm, 302 Seiten, 26 Euro Verlag C. H. Beck, München, 2020
Werner Bätzing: Das Landleben. Geschichte und Zukunft einer gefährdeten Lebensform. 22x15 cm, 302 Seiten, 26 Euro Verlag C. H. Beck, München, 2020
Überraschend, aber nachvollziehbar mag sein, dass Bätzing den großen Bruch mit der sich im Mittelalter etablierenden Lebensform erst in den 1960er Jahren ausmacht: Erst Massenmedien und Massenmobilisierung haben zur Industriealisierung der Landwirtschaft geführt, die das Land kontinuierlich entwertetet. Und diese Entwertung war auch – so seine nun auf die Bundesrepublik fokussierte Darstellung – politisch befördert. Die Schulreform nahm den Dörfern die Schulen, die Kommunalreform den Gemeinden die Eigenständigkeit, das Konzept der Zentralen Orte beförderte die großräumige Entmischung zentraler Versorgung. Städtischer, konsumorientierter Lebensstil versus ländlicher Lebensstil, den Bätzing charakterisiert als höhere Orientierung an der Gemeinschaft, eine höhere Fähigkeit, Dinge selbst herzustellen, eine höhere Bereitschaft, langfristige Folgen des Wirtschaftens auf Ökosysteme zu beachten.
Ortsstruktur im ländlichen Raum. Bild: Christian Holl
Ortsstruktur im ländlichen Raum. Bild: Christian Holl
Das alte Rathaus in Genkingen steht mehr oder weniger auf einer Verkehrsinsel. Bild: Christian Holl
Das alte Rathaus in Genkingen steht mehr oder weniger auf einer Verkehrsinsel. Bild: Christian Holl
Immerhin: Anders als Koolhaas mag sich Bätzing nicht der Ratlosigkeit hingeben. Er will, dass Gemeinden mehr Autonomie gegeben wird, dass Steuermodelle hinterfragt werden – und das ist tatsächlich wichtiger, als sich weiter an Verlusterfahrungen abzuarbeiten. Und mag Bätzing auch wesentlich kleinräumiger denken und gemessen an der Wucht der Koolhaas‘schen Materialfülle fast ein wenig naiv wirken, zeigt er doch auf, wie sehr gerade diese Fülle ebenso wie die in Countryside eingestreuten Gegenbilder von Flüchtlingen, die Dörfer retten, Bilder der Städter sind, von denen fragwürdig ist, ob sie dem Land wirklich weiterhelfen. Mein Ratschlag: Beide Bücher lesen.