Platz wird knapp
Die Städte sollen zudem aus klimarelevanten Gründen grüner werden, und das geht auch nicht, ohne Bäume und anderes Grünzeug zu pflanzen. Auch für die Pflanzorte muss Platz freigeräumt werden, und wer schon mal den Zirkus erlebt hat, wenn ein einziger Parkplatz für einen Baum zu opfern ist: Der weiß, dass nicht nur eine schwerfällige Bürokratie, sondern auch eine weit verbreitete egozentrische Unvernunft der Zivilgesellschaft ihren Teil dazu beiträgt, wenn sich nichts in der Republik zugunsten des Notwendigen eines ökologisch sinnvoll gestalteten Zusammenlebens ändern lässt.
Parke nicht auf unseren Wegen
Ein offensichtlich nicht Behinderter parkt auf gleich zwei Behindertenparkplätzen und fängt an zu schimpfen, wenn man ihn auf sein Fehlverhalten anspricht. Mit seinem militärtauglichen Auto manifestiert er die Herrschaftsverhältnisse im öffentlichen Raum. (Bild: Ursula Baus)
Ein offensichtlich nicht Behinderter parkt auf gleich zwei Behindertenparkplätzen und fängt an zu schimpfen, wenn man ihn auf sein Fehlverhalten anspricht. Mit seinem militärtauglichen Auto manifestiert er die Herrschaftsverhältnisse im öffentlichen Raum. (Bild: Ursula Baus)
Wen interessiert der Fußgänger?
Fußgängerzone in der Innenstadt von Hamburg (Bild: Ursula Baus)
Fußgängerzone in der Innenstadt von Hamburg (Bild: Ursula Baus)
Der Flaneur
Die moderne "Fußgängerzone" bietet in der Regel keine Sitzmöglichkeiten, denn sie ist nichts anderes als eine Einkaufszone, die im Gebäudetyp Shopping-Mall eingehaust ist.6 So wie Kinderspielplätze ja nicht etwa den Kindern zugute kommen, die analog zum Flanieren mal rumstromern möchten. Vielmehr zäunen sie die Kinder ein, damit sie den Autofahrern nicht die "freie Fahrt" auf innerstädtischen Straßen als gesetzlich geregeltes Bürgerrecht streitig machen. 2022 verunglückten 25.800 Kinder bei Verkehrsunfällen auf deutschen Straßen.7 Konsequent wird für Kinder "Verkehrserziehung" gefordert – statt erwachsene Autofahrer dazu zu verpflichten, innerstädtisch und in allen Wohngebieten dezidiert auf die Schwächsten zu achten. Dann würde ohnehin kaum jemand schneller als Schritttempo fahren, wogegen nichts spricht. Denn zum Erliegen kommt Verkehr dadurch keinesfalls, wie ein Experiment vor dem Schwetzinger Schloss zeigt.
Ähnlich kommt es mir übrigens mit den Fahrradwegen vor: Könnten Fahrradfahrer die innerstädtischen Straßen, auf denen Autofahrerinnen 1,50 Meter Abstand zu ihnen halten müssen, samt und sonders nutzen, hätte sich die erbärmliche Diskussion um Tempo 30 längst erledigt. Die Fahrradfahrerin fährt nicht schneller als 30 und ist bei grundgesetzlich festgeschriebenen 50 km/h ein Verkehrshindernis. Die gesetzlichen 50 km/h loswerden? Damit sind wir bei der Politik. "Freie Fahrt für freie Bürger" – so die FDP, die den aus meiner Sicht unfähigsten Verkehrsminister seit Jahrzehnten stellt.
Simulation: Im Verteilungskampf zieht der Fußgänger den Kürzeren; rechts hat er keinen Platz mehr, und links passen Frauchen und zwei Hündchen hin, da möge kein Entgegenkommender Angst vor Hunden haben. Eine Straßenquerung ist nicht im Blickfeld. (Bild: Beilage SZ zur Umplanung Blumenstraße)
Simulation: Im Verteilungskampf zieht der Fußgänger den Kürzeren; rechts hat er keinen Platz mehr, und links passen Frauchen und zwei Hündchen hin, da möge kein Entgegenkommender Angst vor Hunden haben. Eine Straßenquerung ist nicht im Blickfeld. (Bild: Beilage SZ zur Umplanung Blumenstraße)
Verteilungskämpfe und absurde Subventionen
Es ist evident, dass eine Verkehrswende scheitert, wenn der Platz im öffentlichen Raum nicht anders verteilt wird als in der autogerechten Stadt. Wenn genauso viel fahrendes und vor allem stehendes Blech den öffentlichen Raum belastet oder künftig sogar noch mehr, weil Elektromobilität ja "sauber" ist. Wenn also die Anzahl und die Größe der Autos auf Straßen und Bürgersteigen massiv gesteigert statt reduziert zu werden, ist für die Städte, die Wohngebiete, die Landschaften so gut wie nichts gewonnen, was wir schon zigfach thematisierten und ohnehin bekannt ist. 15 Millionen E-Autos will der – aus meiner Sicht unfähigste Verkehrsminister seit Jahrzehnten – auf die Straße bringen; man denke an die Steuergelder, die Tesla in Brandenburg dafür einheimste. Hat der Verkehrsminister davon geredet, dass Hybridmodelle und Benziner weg von der Straße genommen werden? An Subventionen erhält der Verkehr lt. UBA etwa 47% des jährlichen Subventionsvolumens. 2019 betrug das Subventionvolumen für Diesel im Autoverkehr knapp 8,2 Mrd, infolge der Entfernungspauschale und des Dienstwagenprivilegs je etwa 5 Mrd.
Flössen diese Milliarden in den Ausbau des ÖPNV, in die Bahn, in die Pflege des öffentlichen Fußgängerverkehrs, in fußläufigkeitsorientierte Stadt- und Quartiersentwicklung, wäre ökologisch und sozialkommunikativ immens viel zu gewinnen.
Stuttgart, Innenstadt (Bild: Ursula Baus)
Stuttgart, Innenstadt (Bild: Ursula Baus)
Es ist Sommer. Liebe Mitbürgerinnen, geht zu Fuß durch euer Wohngebiet, durch euer Dorf, durch eure Stadt. Schaut euch genau um, lungert nutzlos rum und überlegt, warum die übelsten Orte und Strecken so übel sind und das Leben ohne Auto in Deutschland so beschwerlich ist. Fußgänger haben keine Wirtschaftslobby, müssen sich daher anders um ihre Interessen kümmern. Das kann vor allem auf kommunaler Ebene gelingen. Nur Mut!
Das ist es mir wert
- 1https://www.fuss-ev.de/ | https://www.fussgaengerbund.de |
- 2https://de.statista.com/statistik/daten/studie/459038/umfrage/anzahl-der-fussgaengerunfaelle-deutschland/
- 3https://bmdv.bund.de/SiteGlobals/Forms/Suche/DE/Expertensuche_Formular.html?pageLocale=de&templateQueryStringSearch=fu%C3%9Fg%C3%A4nger&submit=Suchen (abgerufen am 18.7.2023)
- 4https://bmdv.bund.de/SiteGlobals/Forms/Suche/DE/Expertensuche_Formular.html?resourceId=12880&input_=12872&pageLocale=de&templateQueryStringSearch=automobilindustrie&cl2Categories_Themen=&cl2Categories_Themen.GROUP=1&documentType_=&documentType_.GROUP=1&lastChangeAfter=&lastChangeBefore=&selectSort=commonSortDate_dt+desc&selectSort.GROUP=1 (abgerufen am 18.7.2023)
- 5https://bmdv.bund.de/SharedDocs/DE/RedenUndInterviews/2023/wissing-t-online-13-06-2023.html https://15-minuten-stadt.de: Gesundheit, Freizeit, Nahversorgung, Bildung, Naherholung, Mobilität
- 6Bemerkenswert die eine im §3 der Satzung beschriebene Gemeinnützigkeit des Fußgängerverbund e. V.: "§ 3 Gemeinnützigkeit: Der Verein verfolgt ausschließlich und unmittelbar gemeinnützige Zwecke im Sinne des Abschnitts "Steuerbegünstigte Zwecke" der Abgabenordnung. Der Verein ist selbstlos tätig, er verfolgt nicht in erster Linie eigenwirtschaftliche Zwecke." Die Gemeinnützig definiert sich aus der Abgrenzung zu wirtschaftlichen Interessen.
- 7https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1634/umfrage/verkehrsunfaelle-mit-kindern/
- 8in einem Gespräch im April 2011 mit BILD am Sonntag